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Funkhausanthologie 12. Woche 2016


Beiträge 141-150:

von: Ilse Maria Bachl (1–3), Michaela Steinbrück, Ingomar Kmentt, Hahnrei Wolf Käfer, Ernst Jantscher, Ernst A. Swietly (1,2), Hans Veigl


Ilse Maria Bachl: Wie alles so begann, Teil 1

Anfang September wird auf den Gründen des Theresianums auf der Wieden mit dem Bau des neuen Funkhauses begonnen. Der Bau wird im Frühjahr 1937 fertiggestellt sein… Das neue Funkhaus wird das modernste Europas sein ... (Das Kleine Blatt, 11. Juli 1935) – „Der Welt ist großes Heil erflossen, der Hausmeister an den Kosmos angeschlossen.“ (Karl Kraus) – „Am 30. September 1924 fand im Festsaal des Bundesministeriums für Heereswesen die konstituierende Generalversammlung der österreichischen Radio-Verkehrs-AG statt. Die RAVAG gewann rasch Abonnenten. Am 16. Juli 1930 wurde in der Illustrierten Kronenzeitung der 400 000. zahlende Teilnehmer vorgestellt. Es war der Kaufmann Emil Volkmer, der eine goldene Taschenuhr erhielt. In 400 000 Haushalten standen also damals Radioapparate, die man zunächst nur mit Kopfhörern benützen konnte.“ (Zeitgeschichte im Aufriss, S.74)

Der Spott, den Karl Kraus über das neue Medium ausgießt, geht mir nicht aus dem Kopf. Schlecht gereimt, ist mein erster Gedanke, sarkastisch, pseudoreligiös. Erinnert mich an das Weihnachtsevangelium. Ich interpretiere den Satz als Ablehnung einer Modernität, die sich nicht aufhalten lässt, mit allen Stärken und Schwächen des neuen Mediums. Es scheint mir, dass Karl Kraus als Mann der Feder Angst vor dem Radio hatte. Er bezeichnet dieses zwar auch als großes „Heil“, bei oberflächlicher Betrachtung als etwas Positives, ein Geschenk, aber er greift dabei auch zu einem Wort, das später, politisch instrumentalisiert, noch sehr oft zu hören sein wird. Bis zum Überdruss! Ein Wort, das manchem am Ende im Hals stecken bleibt. Liegt also in seinem Bonmot auch eine böse Vorahnung? Warum er den Hausmeister als besonderen Nutznießer des Rundfunks ansieht, kann ich wieder nur mit einer eigenen Interpretation versehen. Sieht er den Hausmeister als Inbegriff eines Proletariers, schmerbäuchig, in Hemd und Hose und mit Hosenträgern? Ordnet er jenem Berufstyp geringe Bildung zu? Geht ein Hausmeister nicht zu Theater-und Opernaufführungen, weil er sich diese Art von Unterhaltung nicht leisten kann und sie wahrscheinlich auch nicht versteht? Oder freut er sich, dass dem Hausmeister stellvertretend für alle Bürger aus der Unterschicht erweiterte Bildung, Aufklärung und Information aus dem Radioempfänger zuwächst? Hätte nicht besser diesem Unterprivilegierten an Stelle des sicher wohlbestallten Kaufmanns eine goldene Taschenuhr gebührt, denn das Radiohören soll in den „Zwanzigern“ noch ein teures Vergnügen gewesen sein.


Michaela Steinbrück: PROSA UND CHANSONS ÜBER PARKS UND GÄRTEN IM RADIOCAFÉ

An Alfred Treiber habe ich mich gewandt, der mich in den späten 60igern oft als Sprecherin für die legendäre Musicbox in Ö3 geholt hatte. - Nach langen Jahren politischer Theaterarbeit und politischer Kabarett-Soloprogramme in Köln, wo ich mich nach und nach niedergelassen hatte, war Ende der 90iger eine Sehnsucht in mir aufgestiegen nach Wien. Und zwar nach meinen Kindheits-, Jugend- und Liebesspaziergängen in den Wiener Parks und Gärten. – Diese, in meinen seelischen Kulissenfundus eingegangenen Orte wollte ich wieder begehen, und so suchte ich nach der Kunst, die das ermöglichte: Als erstes fand ich Friederike Mayröckers betäubendes Stück Prosa „Schöner Garten schöner Träume“ über das Belvedere. Dann ging es weiter und weitete sich aus zu Altenberg, Hessel, Walser usw. Durchweg Prosa über Parks und Gärten in Wien, aber auch Berlin, Paris, London und sonstwo. Die Liebe fand Eingang über Lieder, Chansons und Gassenhauer. Zuletzt schmuggelte ich eigene Texte in die der Großen. In „diese Gesundheit ausströmenden, kurzgeschorenen Wiesen, stets erfüllt mit Wasserleitungsfeuchtigkeiten“ ließ ich z. B.  Peter Altenberg vor der italienischen „Rosamunda“ zusammenbrechen und in Franz Hessels „Garten voller Weltgeschichte“ klimperte das berühmte Chanson „Les tourbillons“, das Lied des Dreiergespanns aus „Jules and Jim“, dessen einer ja Franz Hessel selbst war. Den Titel „Schöner Garten schöner Träume“ durfte ich für mein Programm übernehmen und das RADIOCAFÉ war voll an dem 27. Jänner (2000). In Deutschland spielte ich es landauf, landab – und wer mag, kann es heute noch buchen.


Ingomar Kmentt: Kometenlied / Lochness am Neuen Platz / Funkhaus ade!

Es gibt ka Ordnung mehr jetzt in de Stern
Kometn miasstn sonst verboten wern
ein Komet reist ohne Unterlass
’um am Firmament und hod kaan Pass
und jetzt richt ein so ein Vagabund
uns de Wöd bei Putz und Stingl z’grund
aber, wann auch ob’n schon alles kracht
drunt gibt’s was, das mir noch Hoffnung macht … najo …

Im sonnigen Süden, do laft monches krumm
In Kärnt`n do rennan s mit Scheuchklappen’rum
waun’s Göd wo versickert, do suach’n s a Loch
wer’n fündig beim Lindwurm, doch dann gebn s noch
de haum so an schrecklichen Hang …
und Neuwahl’n, des dauert noch lang lang lang lang …

Im Fernsehn, do wird ma für´s Zuaschaun bestroft
Kultur gibt’s nur Montag, waun ollas scho schloft
dafia drei moi Nochhüf mit Werbung frei Haus
bei de easchtn finf Frogn kennt si jeda aus
do wiad ma hoid Angst und bang
des Funkhaus steht nimmamehr lang lang lang lang …


Hahnrei Wolf Kaefer: Öeinsler

Es ist ein hässliches Haus, das wir heute vorgeblich betrauern und morgen zur Ruhe betten werden, obschon wir über seinen ideologischen Abriss glücklich sind, ein Haus in einem die Augen beleidigenden Stil gebaut, ein bisschen modern, ein bisschen pompös, zurecht hat der Denkmalschutz die Hand drauf. Das Mahnmahl des Hässlichen, das Äußere könnte unseretwegen bleiben, nur das Innere soll endlich zum Vorteil aller stillgelegt werden. Ist das Äußere schon ein Ärgernis, kann an das, was sich da im Inneren tat, nicht ohne Entrüstung, ja Empörung erinnert werden und niemand könnte ernstlich ein Argument dagegen vorbringen, sprengte jemand dieses Innere auf eine Art in die Luft, dass die unter Schutz stehende Fassade erhalten bliebe. Der unerträgliche Skandal ist, dass dort eine den Galliern Kleinbonums vergleichbare widerborstige Gesellschaft lebte und noch lebt, die ohne Werbung auskommt! Während ganz Wien, ja die ganze Welt von der Wirtschaft erobert und besetzt ist, leistet da ein größenwahnsinniges Völkchen, das sich in der Abkürzung Öeins gefällt, Widerstand. Diese Denkrabauken dort kennen keine andere Angst, als dass ihnen der Äther auf den Kopf falle und dass sie ihre Botschaft vom freien, nicht von der Wirtschaft versklavten Leben für sich behalten müssen und nicht mehr in alle Welt hinausposaunen können. Wenn wir dem Treiben noch länger zusehen, kommen wahrscheinlich noch andere Stämme auf die Idee, ohne die schönsten deutschen Poesiemeisterwerke bestehen zu können, und wo hören wir dann Verse wie ‘Wenn ihr eine Küche wollt’ oder das unnachahmliche ‘Raunz nicht, kauf’? Eine andere Lösung wäre, das Gebäude samt aller darin Beschäftigten mit einem strahlensicheren Betonmantel zu ummauern, dass nicht mehr so eine Kulturlosigkeit die zentrumnahen Gegenden verseuche, und diese Öeinsler in weniger besiedelte Randgegenden auszusiedeln, möglichst Villenviertel, wo derartiges unter strenger Verwaltung in Einsamkeit und Wohlstand verdorre. Amen!


Ernst Jantscher: Küniglzwerg (weil als Berg ein Zwerg) killed the Radio Star! Sechs Limericks

Konsumentenvolk, pass bitte auf.
Keine Werbeunterbrechungen, dafür ein (H)AUSVERKAUF.
Unermüdlich rationalisieren,
ungeniert zentralisieren.
Sonst gehen die Gebühren rauf!

Schon mehr als 30 Bieter.
Spekulanten als Vermieter?
Viel Geschichte,
geht zunichte.
Das ist mir zuwider!

Der Tradition
zum Hohn,
Radiokultur zwangsversetzen,
mit Bürokratie vernetzen.
Was hat die Kunst davon?

Sie haben gelesen und gesungen,
die Alten wie die Jungen.
Besser die Kirche bleibt im Dorf,
Liebe Damen und Herren vom ORF.
In ihren Hallen ist viel gelungen!

Größe zeigt sich durch Verzicht.
Ihr kennt nur eure Erfüllungspflicht.
Das Kulturhaus ist bald tot,
da tut Medienhilfe not.
Mutig seid ihr alle nicht!

Dein Geist geht dahin,
Funkhaus Wien.
Über gewachsene Orte,
verliert man wenig Worte.
Neue Zeiten brechen alten Sinn!


Ilse Maria Bachl: Wie alles so begann, Teil 2

Aber jetzt wende ich mich dem Kaufmann Emil Volkmer zu, dem eigentlichen Empfänger der kostbaren Taschenuhr. Ich sehe ihn im Kreise seiner Familie im Wohnzimmer sitzen. Alle haben sich in den Abendstunden um den Radioapparat versammelt und hören andächtig das Programm, das der Rundfunk zu bieten hat, jetzt schon ohne Kopfhörer. Das Familienoberhaupt sitzt im bequemen Ohrensessel, eine Zigarre rauchend, behaglich lächelnd. Die Zeitung hält er gesenkt. Die Tochter im Arm der Mutter, der Sohn, ordentlich bekleidet mit Sakko, Hemd, Hose, eine Mascherl um den Hals, daneben das Hündchen. Das Radiohören als Zeremonie, als Ereignis, man lümmelt in den ersten Jahren des Radios nicht auf dem Diwan, sondern man findet sich aufrecht sitzend oder stehend gemeinsam dazu ein. Meine fiktive Befragung dieses wichtigen Zeitzeugen datiere ich auf den Februar 1938. Es ist meine letzte Chance, über Österreichs Pionierzeit des Rundfunks zu sprechen, bevor sich mit dem Anschluss an das Deutsche Reich alles verändert.

Herr Volkmer, wie hat der Rundfunk Ihr Leben verändert?
Wir sind als Familie zusammengewachsen. Musik, Politische Reden, Nachrichten hören wir gemeinsam. Es ist schön, regelmäßig an den Abenden und Sonntagnachmittagen zusammenzusitzen und das Programm zu verfolgen.

Was sind Ihre Lieblingssendungen?
Wir hören klassische Musik, also Übertragungen von Konzerten und Opernaufführungen, sogar von den Salzburger Festspielen. Die Karten dazu könnten wir uns nicht kaufen. Meine Gattin liebt die Operette, mein Sohn das Kabarett und den Schlager. Es kommt jeder auf seinen Geschmack. Für meine kleine Tochter gibt es die Märchenstunde.

Waren Sie vom Anfang an dabei?
Ja. Seit dem RAVAG-Start 1924. Ich erinnere mich auch noch an die erste Sendung. „Hallo, Hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530. Von vier bis sechs bringt Ihnen, verehrte Hörerinnen und Hörer, unser Festprogramm ein Richard-Wagner-Konzert.“


Ernst A. Swietly: „Hammer“ und „Friedhof der Namenlosen“, Teil 1

Zugegeben, ich bin voreingenommen: pro Erhaltung des ORF-Funkhauses. Ein Journalist, der auf sich hält, sollte nicht voreingenommen sein, sondern nach gründlicher Recherche ausgewogen, sachlich und neutral berichten. Beim Funkhaus erlaube ich mir eine Ausnahme. Dort lernte ich vom schreibenden Print-Journalisten zum sprechenden Radio- und TV-Journalisten um. Das vergisst man nicht. Zumal der unter Gerd Bacher reformierte ORF damals zum ersten Mal in seiner Geschichte bimedial arbeitende Fachredaktionen für Radio und TV schuf, die er wenig später unter politischem Druck wieder abschaffen musste. Die allererste zentrale Wirtschaftsredaktion des ORF saß im Funkhaus, Argentinierstraße 30a mit Blick auf ein Haus schräg gegenüber, das zur russischen Botschaft gehörte. Dort hatte der sowjetische Ex-Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, „der Hammer“, sein Wiener Ausgedinge, nachdem er 1961 als Stalinist entlarvt und seiner politischen Funktionen enthoben worden war. Manchmal sah man ihn, hinter den Vorhängen seines Ausgedinges traurig zum Funkhaus herüberschauen. Radiojournalismus lernte ich in der Nachrichtenredaktion, die auf der Hinterseite des Funkhauses auf die Diplomatische Akademie hinaussah und rund um die Uhr arbeitete. Denn pünktlich zu jeder vollen Stunde gab es Nachrichten. Fernschreiber spuckten ununterbrochen aktuelle Agenturmeldungen aus, die Redakteure nach kurzem Durchlesen in rundfunktaugliche Nachrichtentexte umformulierten. Diese wurden eifrigen Tippsen diktiert, die in winzigen Kämmerchen an Schreibmaschinen hockten und die deutsche Sprache oft besser beherrschten als die Redakteure. Dieser Bereich hieß „Friedhof der Namenlosen“, denn die Verfasser der Meldungen blieben anonym. Erst wenn man sich in die Journalredaktion emporgearbeitet hatte, durfte man Beiträge mit eigenem Namen versehen, die der Moderator bei der Ansage nannte. Da war man schon wer. Doch keineswegs so prominent wie etwa Heinz Conrads, der jeden Sonntagvormittag die Unterhaltungssendung „guten Morgen die Damen, guten Morgen die Herren, guten Morgen die Madeln, servas de Buam“ live produzierte.


Hans Veigl: Eine Art Palimpsest

Es waren recht kalte Winde, die vor langen Jahren von der unwirtlichen Lainzer Anhöhe herab Richtung Wieden wehten. Ausreichenden Schutz vor autoritärem Führungsstil und windigen Seilschaften konnte aber auch das Funkhaus in der Argentinierstraße nicht in allzu großem Umfang gewähren. Genauer besehen präsentierte sich die männliche Form des Widerstandes im Gebäude lediglich an einem einzigen Ort: dem Herren-WC, nahe dem Eingang und nächst der stets gut besuchten Mitarbeiterkantine gelegen. In derartiger privaten Abgeschiedenheit bot sich die hellfarben gestrichene Innentür des Etablissements naturgemäß als bevorzugte, einer Pergamentseite gleichenden Schreibunterlage an, von der die Proteste und Beschwerden, mit denen sie übervoll beschriftet worden war, regelmäßig gelöscht, abgekratzt, mit Feuerzeug und Taschenmesser unkenntlich gemacht oder sonst wie ihre regelmäßige Verwandlung in eine tabula rasa erfuhr, um nach Tilgung und Überschreibung des Vorhandenen von herausragenden Hommes de Lettres der Anstalt erneut in Angriff genommen zu werden. Erwartungsgemäß erwiesen sich bald karikaturistische und erstaunlich exakt zutreffende Beschreibungen von Abteilungsleitern und anderen Vorgesetzten als beliebter Schwerpunkt des Schaffens und riefen bei den Hörfunkjournalisten ungeahnte literarische Produktivitätsformen hervor, während sexuelle Anzüglichkeiten weniger Raum einnahmen, vermutlich, weil Schulfunk und Religionsabteilung im Hause personell überdurchschnittlich stark vertreten waren. Doch konnte das aufmerksame Forscherauge rechts unten am Türrand mühelos etwa die vermutlich von zittriger Volontärshand wiedergegebenen Zitatenreste auffinden: „... man kann, wenn sie Bericht erstatten, wer sie besticht erraten“. Späteren Interpretationen gemäß war dies eine jener literarischen Schlüsselstellen, die dem ungenannt bleiben wollenden Schreiber die ungeteilten Sympathien eines ganzen Berufsstandes eingebracht haben dürften. Stellvertretend für Tendenz und Richtung derartiger Protestformen mag die einstens in breiter schwarzer Schrift vermerkte, in jenen Zeiten jedem Wanderer von West- nach Ostberlin hinlänglich bekannte und hier in lokalem Zusammenhang neu propagierte, am oberen Teil der Innentür zu lesende Warnung stehen: „Achtung! Sie verlassen den demokratischen Sektor!“ Manche der damaligen Verfasser unternahmen mit ihren Notaten und Botschaften im Nachhinein besehen Vieles, um ihre Zukunftsängste Wirklichkeit werden zu lassen oder sich von den Schattenseiten ihrer beginnenden Karrierenlaufbahn mental zu entlasten. Und so waren aus den kritischen Auslassungen und Bemerkungen im Laufe der Jahre mehrere den Blicken entzogene archäologische Schichten entäußerten Zornes entstanden, die man ausgraben und archivieren hätte müssen, wie die verschiedenen Ebenen von Troja samt ihren Städten und all den Erzählungen von heldenhaften Kämpfen, Kriegen und Aggressionen, mit denen unsere europäische Kultur schließlich ihren Anfang nahm.


Ernst A. Swietly: „Hammer“ und „Friedhof der Namenlosen“, Teil 2

Früh an einem Sonntag betrat ich dienstlich das Funkhaus, konnte aber kaum hinein. Der riesige Vorraum war voll verzweifelter, händeringender Menschen. Ich dachte, ein riesiges Unglück sei geschehen. Bald stellte sich heraus: Heinz Conrads war plötzlich erkrankt, seine Sendung musste entfallen. Als der Portier das mitteilte, brach das Klagegeheul der versammelten Groupies erst richtig los und erschütterte das Funkhaus bis in seine Grundfesten. Das Frühjournal war zwar nicht gefährdet, denn damals gab es diese Sendung noch nicht. Aber im RP4 im Erdgeschoß hinten, wo die Sendung „gestern Abend in der Welt“ zusammengebaut wurde, hörten wir das Wehklagen der Conrads-Fans, die an diesem Tag ihren Heinzi schmerzlich vermissten. Nun gibt es wieder lautes Wehklagen. Nicht im, sondern ums Funkhaus. Dessen Verkauf an eine ungenannte Spekulantengruppe zu einem strikt geheimgehaltenen Preis wurde in den Gremien offenbar durchgewinkt. Aber so wie Conrads hat auch das Funkhaus seine engagierten Groupies, die es mit all seinen Erinnerungen am Leben erhalten wollen. Zu den wichtigsten Reminiszenzen zählen tausende hochstehende musikalische, literarische, bildende, wegweisende und dokumentarische Radiosendungen, die einst von engagierten Mitarbeitern im eigenen Haus produziert worden sind. Dass der Mitarbeiterstab auf einen Bruchteil von seinerzeit geschrumpft, Eigenproduktionen weitgehend beseitigt wurden, das inhaltsleere Tingeltangel aber an Dauer, Lautstärke und Belanglosigkeit zugenommen hat, ist tatsächlich zum Weinen. Zugegeben, ich weine mit, weil ich voreingenommen bin, was einem anständigen Journalisten nicht gut ansteht. Doch das scheinbar abgetakelte Funkhaus – entworfen vom österreichischen Vorzeigearchitekten Prof. Clemens Holzmeister – ist im selben Jahr wie ich geboren: 1936. Das verbindet. Nostalgie ist angesagt.


Ilse Maria Bachl: Wie alles so begann, Teil 3

Die Politische Berichterstattung war weniger angenehm. Ich möchte Sie aber auch danach fragen.
Ja, nach dem Bürgerkrieg 1934. Da hat Staatskanzler Dollfuß eine Rundfunkrede gehalten. Dass der Bürgerkrieg von Linz ausgegangen ist, dass er Blutopfer und Menschenleben gefordert hat und die Regierung gezwungen ist, das Standrecht in Anwendung zu bringen. Am 16.Februar ist dann die sozialdemokratische Partei verboten worden. Im Juli haben die Nazi dann das Rundfunkgebäude und das Bundeskanzleramt besetzt. Den Dollfuß haben zwei Schüsse getroffen, daran ist er dann gestorben.

Also, wurde auch um das Rundfunkgebäude gekämpft?
Ja, die RAVAG war damals noch in der Johannesgasse. Dort wurde der Sprecher mit vorgehaltener Pistole von den Putschisten gezwungen, durchzusagen, dass die Regierung zurückgetreten sei und Rintelen die Regierung übernommen habe. Aber drei Stunden später war das Gebäude wieder von den Aufrührern gesäubert. Dann hat der Dr. Schuschnigg am Abend eine Rundfunkansprache gehalten.

Da ist wohl jeder Radiohörer vor dem Gerät gesessen?
Ja, bestimmt. Kurt Schuschnigg war tief bewegt, als er uns den Tod des Kanzlers mitteilte. Wir mussten die Haustore um 20 Uhr abschließen, auch die Gaststätten mussten um diese Zeit geschlossen sein. Am 31. Juli wurden die Rädelsführer des Putsches, Planetta und Holzweber, hingerichtet. Schuschnigg ist Bundeskanzler geworden.

Der hat bestimmt auch noch einige Male im Rundfunk gesprochen?
Ja, aber da ging`s mit Österreich schon zu Ende. Ich erinnere mich noch an 1936, als es hieß: „Radio Wien! Sie hören vor der Rede des Herrn Bundeskanzlers eine wichtige amtliche Mitteilung“ Und dann hat es geheißen, dass der Führer und die Deutsche Reichsregierung unsere Unabhängigkeit anerkennen und beide Seiten eine Entspannung wollen und die dafür nötigen Voraussetzungen schaffen würden.

Es ist aber zu keiner Entspannung gekommen.
Nein, der Schuschnigg hat dann in seiner Rede auch noch seine Freude bekundet, dass die Vereinbarung, das Juliabkommen, ein wertvoller Beitrag zur Friedenssicherung sei. Zwei Jahre später war aber alles anders.

Haben Sie die letzte Radioansprache des Bundeskanzlers gehört?
Ja, am 11. März 1938, kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, hat Schuschnigg von dem befristeten Ultimatum der Deutschen Bundesregierung gesprochen, wonach der Bundespräsident Miklas eine von Hitler vorgeschlagene österreichische Regierung zu bestellen habe. Dann hat er noch wortwörtlich gesagt: „Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volke mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen. So verabschiede ich mich in dieser Stunde mit ’Gott schütze Österreich!’“
Danke, für dieses wichtige Interview.

Ebenso wie Österreich wieder aus den Trümmern des 2. Weltkrieges erstand, ebenso setzte sich auch die Geschichte seines Rundfunks fort, mit bedeutendem Anteil unseres „Funkhauses“.

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