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Karin Ivancsics: Aus einem Strich die Landschaft

Essays.
Mit einem Nachwort von Beatrice Simonsen.
Oberwart: edition lex liszt 12, 2015.
145 Seiten, Euro 18,-.
ISBN: 978-3-99016-089-3.

Autorin

Leseprobe

Die Landschaft, die hier im Titel angedeutet wird, ist die beginnende Pannonische Ebene im Dreiländereck zwischen Österreich, Ungarn und der Slowakei, die Gegend, in der die Wiener Autorin den Großteil ihrer Kindheit und frühen Jugend verbracht hat. Und genau die Landschaft – in diesem Fall die unabsehbar weite Ebene – ist es hier, die zu Reflexionen über die eigene Herkunft, über Fragen der Identität, auch der Heimat und der Zugehörigkeit, anregt. Ivancsics, die die Ebene entschieden dem Gebirge vorzieht, sich aber im Laufe der Lektüre als ebenso erfahrene wie vollkommen weltoffene Reisende zeigt, beginnt ihren ausgedehnten Spaziergang im winterlichen Steinbruch St. Margarethen. Diesem Landstrich, den zwei österreichische Künstler berühmt gemacht haben, widmet sie den ersten Essay, der auch durch seinen besonders poetischen Stil hervorsticht. Zum einen besucht die Autorin den Skulpturenpark, das Ergebnis der langjährigen internationalen Sommerakademien für Bildhauerei unter der Leitung von Karl Prantl. Zum anderen nimmt sie Bezug auf den Friedrichshof und dessen (traurige) Berühmtheit durch Otto Mühl und seine Kommune. Beachtlich ist hierbei, dass Ivancsics vor allem auf die künstlerisch bedeutende Seite dieses Projekts eingeht und Mühl mit der nötigen Differenziertheit und ohne Pauschalurteil in ihre Betrachtungen einbezieht. Zudem gibt sie Einblick in das Friedrichshofgelände von heute: hier sind neben etlichen Wohnhäusern auch viele Künstlerateliers zu finden. Auch Marina Horvath, Malerin und eine alte Schulfreundin der Autorin, hat ihr Atelier dort; eines ihrer Bilder hat Ivancsics für das Buchcover ausgewählt.

In den folgenden Kapiteln wird zunächst der Kindheit im Burgenland viel Platz eingeräumt, zumal den Schuljahren bis zur Matura. Da ist der Umzug aus dem südlichen ins nördliche Burgenland; da ist die ehrenvolle Aufgabe, die das achtjährige Mädchen von ihrem Vater aufgetragen bekommt: mit einer Freundin von Haus zu Haus zu gehen und Listen über Bewohner und Viehbestand zu führen; da sind die täglichen Fahrten mit dem Schulbus, da sind – wenn auch in einem anderen Text – die bunten und lauten Hochzeiten der burgendland-kroatischen Verwandtschaft; da ist nicht zuletzt das Schuleschwänzen der Oberstufenschülerinnen, die schon einmal statt in die Schule nach Wien fuhren. Ein ganz besonderes Erlebnis der frühen Kindheit sind die Schneeverwehungen im Dorf, die in der Schilderung der Autorin eine ganz einmalige, rätselhafte Atmosphäre ausstrahlen. Das eigene Aufwachsen ist immer in Wechselwirkung mit den politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen in der Heimatgemeinde, im Burgenland, in Österreich und darüber hinaus verbunden, allem voran die unmittelbare Nähe des Eisernen Vorhangs mit all den Horrorgeschichten über das Land und die Menschen „da drüben“. Allerdings verlängert sich mit dem Älterwerden des Mädchens stetig auch ihr Bewegungsradius: nach dem Gymnasium in der Bezirkshauptstadt Neusiedl und einigen Ferienaufenthalten (einmal sogar in Italien!) folgt der Umzug nach Wien, zwecks Studium. Bedauerlicherweise bekommen weder die Schule noch das Studium (u. a. Germanistik) einen eigenen, ihnen gebührenden Platz in den Erinnerungen an diese Jahre, denn sehr bald wird das nächste große Thema angeschnitten: das Reisen. Hier breitet Ivancsics eine ihrer größten Leidenschaften vor ihren LeserInnen aus. Von den europäischen Destinationen wird lediglich Paris eine lobende Erwähnung gegönnt, sehr bald geht es aber wirklich in die Ferne: nach Südamerika, in den arabischen Raum und nach Südostasien. Dabei erweist sich die Autorin als völlig unerschrockene und unglaublich anpassungsfähige Reisende: sie ist neugierig und spontan, bringt den „einfachen Menschen“ und dem Alltagsleben in den fernen Ländern großes Interesse und ebenso großen Respekt entgegen. An der Seite dieser umsichtigen, weisen, aber auch humorvollen Rucksacktouristin können sich die LeserInnen noch im hintersten Winkel der weiten Welt sicher fühlen.

In den beiden letzten Essays – obwohl alle vier Texte eher als eine Einheit gelesen werden sollten – wird u.a. auf die Frage der eigenen ethnischen Herkunft eingegangen und auf die frühere und zum Teil noch bestehende massive Diskriminierung der beiden nationalen Minderheiten im Burgenland – der Kroaten und der Roma. So haarsträubend es sich liest, dass sich das Mädchen Karin wegen ihres verdächtigen Familiennamens bis zu einem gewissen Alter schämen und ihn daher verstecken musste, noch um einiges schockierender sind die Interviews, die die Autorin nach den Bombenanschlägen in Oberwart 1995 mit der (ethnisch österreichischen) Bevölkerung führte und fein säuberlich aufzeichnete. Es geht beinahe ins Tragikomische, wie auch die etwas verbesserten Lebensbedingungen der Roma (richtige Häuser, saubere Gärten …) von Menschen, die hartnäckig an ihren Vorurteilen festhalten, sofort gegen die Volksgruppe verwendet werden („die haben für den Termin extra aufgeräumt“); in dieselbe Kategorie fällt auch die Geschichte des kroatischen Vaters der Autorin, erstens wegen seines Vornamens Adolf und zweitens wegen seiner guten Beamtenposition, die er trotz seiner bäuerlichen Herkunft errungen hat, da er als einziges von vielen Kindern seiner Familie ein katholisches Gymnasiums besuchen durfte. „Etwas passte nicht zusammen, etwas passte nicht mit uns.“ (S. 116)

„Aus einem Strich die Landschaft“ ist eine lohnende, anregende und auch ästhetisch ansprechende Lektüre; es sind Texte, die, von der Landschaft im äußersten Osten Österreichs ausgehend, ohne Eile und scheinbar ganz nebenbei wichtige Fragen der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart verhandeln und beispielhaft das Politische im Privaten zur Sprache bringen.

Jelena Dabic
21. März 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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