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Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex.

Roman.
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag, 2016.
752 Seiten; geb.; Euro 25,70.
ISBN 978-3-10-002464-0.

Autor

Leseprobe

Ein 13-jähriger Junge aus der Weststeiermark möchte Schachgroßmeister werden, ein Schriftsteller kämpft 30 Jahre später mit seiner Alkohol- und Drogensucht – und Jonas, den wir schon einmal auf den Mount Everest begleitet haben, macht sich nun mit seiner Freundin Marie auf den Weg zum Südpol. Thomas Glavinic lässt in seinem jüngsten Roman „Der Jonas-Komplex“ drei Stränge parallel laufen, die zusehends durch unzählige Motiv- und Handlungsfäden miteinander vernetzt werden. Genau genommen nicht nur miteinander, sondern auch mit einigen früheren Glavinic-Romanen.
„Der Jonas-Komplex“ bedeutet in der Psychologie die Angst vor der eigenen Größe, die Angst davor, das Leben in die Hand zu nehmen und sich schwierigen Aufgaben zu stellen. Glavinic hat sich der Aufgabe gestellt, ein literarisches Netz um ein virtuelles Schriftsteller-Ego, dessen früheres Ich und seine wichtigste Romanfigur zu spinnen und ein paar Fäden davon auch mit seinen bisherigen Büchern (oder zumindest etlichen davon) zu vernetzen – und das durchaus selbstironisch. Außer dem stellt sich auch Jonas scheinbar ohne Not Abenteuern und schwierigen Aufgaben – und besteht bzw. löst sie. Sei es, dass er sich von seinem Anwalt „in der Welt verstecken“ lässt und an immer absurderen, gefährlicheren Orten aufwacht, sei es, dass er sich auf die Expedition in die Antarktis einlässt, die Marie sich so sehnlich wünscht. Jonas ist ein Mensch, der – reich und unabhängig – keine Alltagssorgen kennt und sich deshalb andere Sorgen schafft. Was aber auch bedeuten kann, dass er vor der eigentlich noch viel schwierigeren Aufgabe davonläuft: nämliche eine dauerhaft glückliche Beziehung mit seiner großen Liebe Marie zu führen.
„Der Jonas-Komplex“ führt den Handlungsstrang um Jonas ungefähr dort weiter, wo er im vorigen Roman („Das größere Wunder“) zu Ende gegangen ist, die Verbindung zwischen den beiden Romanen wird auch durch Rückblicke und Anspielungen auf „Das größere Wunder“ aufrecht erhalten. Auch wohlbekannte andere Figuren tauchen wieder auf: der Hüne und Problemlöser Zach und die Toten aus Jonas’ Jugend: Mike, Werner und Piccus. Und natürlich Marie.

Der Jonas-Trilogie („Die Arbeit der Nacht“, „Das Leben der Wünsche“, „Das größere Wunder“) wurde also jetzt ein viertes Buch nachgeschickt, und dieses ist nun eine Art Trilogie in sich. Der Jonas-Geschichte stehen ein Jahr im Leben eines 13-jährigen Jungen in der Weststeiermark (1985) und ein Jahr im Leben eines 43-jährigen Schriftstellers (2015) gegenüber. Die Vermutung, dass es sich bei letzteren beiden um ein- und dieselbe Person handelt, kann früh erhärtet werden, und beim Lesen stellt sich zuweilen der Gedanke ein, dass es ganz gut ist, dass er Junge nicht weiß, womit er sich in 30 Jahren wird herumschlagen müssen. Er hat es auch so schon nicht ganz leicht. Neben den allgemeinen Troubles des Erwachsenwerdens (die in manchen Aspekten auch ein wenig an den früheren Roman „Wie man leben soll“ erinnern), schlägt er sich mit eher zerrütteten familiären Verhältnissen herum, die viel Einsamkeit und Unsicherheit mit sich bringen. Ansonsten ist er ein Genie, das im Schachclub brilliert – sein IQ spiegelt sich allerdings nicht in den Schulnoten und hilft ihm auch nicht dabei, die von Ferne bewunderte M. anzusprechen.
Die Handlungsstränge 1985 und 2015 sind über die Erwähnung etlicher Ereignisse (und Katastrophen) in der Realität verankert, die Eckdaten werden immer wieder von Nachrichten abgesteckt: 2015 sind es die Anschläge in Paris im Jänner und im November, der Tod von Günter Grass oder das grauenvolle Ersticken der 71 Flüchtlinge in einem Schlepper-LKW auf dem Weg von Ungarn nach Österreich. 1985 ist es u.a. der Vulkanausbruch in Kolumbien, bei dem Tausende Menschen ums Leben gekommen sind. Und dann geht nach der Betroffenheit das Leben weiter, als wäre nichts geschehen: „Ich meine, wir schauen uns betroffen an, Markus und ich, und stellen uns diese Hölle vor, aber dann kommt die Chemiestunde. Da sind die Toten schnell futsch.“ (S.682) Weit weg sind sie. Sonst würde das auch gar nicht so gut klappen mit dem unbeschwerten Weiterleben. 30 Jahre früher oder später, das spielt keine Rolle. Zahlen und Zahlenmystik allerdings schon. Der Junge aus der Weststeiermark schenkt seinem Großvater zum Geburtstag die Annalen aus dessen Geburtsjahr 1903 (schon wieder ein Rückblick auf ein ganzes Jahr), der Junge ist 13, der Schriftsteller 43, dazwischen liegen 30 Jahre. Wir haben 3 Handlungsstränge, und vor dem „Jonas-Komplex“ gab es eine Jonas-Trilogie. Verschiedene Arten von Aberglauben, Vorzeichen oder schönen und hässlichen, sympathischen und unsympathischen Zahlen spielen ebenfalls immer wieder eine Rolle in den Dialogen der Figuren. Und auch andere Motive werden vielfach gespiegelt und mutiert.

„Der Jonas-Komplex“ ist eine Art Bilanz des bisherigen Schaffens von Thomas Glavinic. Vieles wird angeschnitten, was wir aus anderen Büchern kennen, und es wird hier zusammengeführt zu einem dichten Gesamttext, der vielseitig verlinkt ist. Die Hyperlinks bleiben im analogen Printmedium virtuell und unmarkiert, das Vernetzungsangebot richtet sich an jene, die die anderen Texte eben auch gelesen haben. Neben der Jonas-Trilogie und „Wie man leben soll“ ist das etwa „Das bin doch ich“ (ein früheres Ich der Schriftstellerfigur im „Jonas-Komplex“?) oder „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ (Willkommen in der Welt der Schachspieler) oder „Meine Schreibmaschine und ich“ (von der Idee zur Literatur). Lesen kann man den Roman aber auch sehr gut ohne alle diese Links.
Der Roman dreht sich um nicht mehr und nicht weniger als um das Leben – und wie das Ich sich darin zurechtfindet und es sich zurechtzimmert, mal besser, mal weniger gut. Es geht darum, was das Leben bereithält an Schrecklichem und an Schönem, an Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten. Und um die Frage, wie wir damit umgehen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich und anderen das Leben zu verpfuschen. Und irgendwann ist es vorbei … und was dann? Vielleicht ein Weiterleben in den Köpfen anderer. Und dann ist da noch die Sehnsucht … und die Sucht: die Sehnsucht nach Halt oder Liebe oder Erfolg oder allem zusammen – und die Sucht nach Rausch, die sich zwischen das Leben und alle Chancen und Möglichkeiten stellen kann. Und natürlich das Schreiben, Ideen, Wünsche und Träume, die das Leben liefert und die diverse Wandlungen durchmachen, bis sie dann in deutlich anderer Gestalt Literatur geworden sind. Die Literatur gibt sich dabei zuweilen recht nahe an der Wirklichkeit, andere Male weit abgedriftet in die Fiktion. Nicht umsonst gibt es keine Jahreszahl im Jonas-Strang. Dieser Teil ist zeitlos. Dieses alter Ego braucht keinen aktuellen Kalender.

Der Schriftsteller hingegen verwendet seinen Kalender als Tagebuch für Erfolge und Misserfolge in seinem Kampf gegen die Sucht. Nüchterne Tage: – / Alkoholexzess: A / Alkohol und Kokain: AK. (Als „writer in residence“ in einem verschlafenen Ort wie Carlisle klappt es besser mit dem Nüchtern Bleiben als in Wien oder New York.) Und dann gibt es da noch das Kind. Das Kind macht seinen Vater glücklich, wenn es da ist … und erinnert ihn wohl auch an das Kind-Ich, das er einmal gewesen ist. Zu einer Zeit, als noch alles offen war, noch nicht festgelegt, was für ein Erwachsenen-Ich daraus einmal werden wird. Das „Ich“ ist ohnehin eine relative Größe: „Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen“, heißt es am Beginn des Romans (S.7). Und all diese Ichs versuchen sich in der Welt zu orientieren, in ihrem „Ausgesetzt-Sein“, in ihrer Veränderung. Jedes frühere Ich bereitet den Weg für das spätere, schafft Möglichkeiten oder schafft sie ab. Am Ende mündet der Roman in ein Plädoyer für all diese Ichs, dafür, dass sie füreinander Verständnis haben mögen. Im Fluss der Zeit sind wir alle multiple Persönlichkeiten … und werden auch Träume und Wünsche mitgerechnet, wird es noch komplexer. Nachgerade Jonas-komplex.

Sabine Dengscherz
29. März 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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