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Funkhausanthologie 13. Woche 2016


Beiträge 151 – 160

von: Gerhard Ulbrich, Maria Eisenreich, Martina Sinowatz, Martina Gajdos (Beitrag 1), René Freund, Christine Mack (Ausgeträumt 1 und 2), Daniela Beuren, Martina Gajdos (Beitrag 2), HG Fader


Gerhard Ulbrich: WINKELLIEBHABER UND DOTTERSTEIN (Aus „Kleine Dramen und Kurzgeschichten“, TRITON Verlag, 1995 Wien, gelesen auf Ö1 im Mai 1987)

An einem grauen und langweiligen Nachmittag brachte mich Dotterstein zur Haltestelle.
Ich war entlassen.
Grün - Grün.
Dotterstein sagt, er wird grün.
Ich bringe Dotterstein zurück in die Portierloge, mit einer Flasche Bier.
Dotterstein will nicht allein stehen bleiben.
Der Portier nimmt Dotterstein an seiner linken Hand.
Dotterstein steht.
Dotterstein steht und weint.
Dotterstein, der Portier und wir alle ... schauen, ... wir weinen.
Dotterstein sagt, es gibt keinen Dotterstein.
Der große rote Autobus kommt.
Steigen Sie doch ein, sagt der.


Maria Eisenreich

Das Funkhaus in Wien als bedeutender kultureller Veranstaltungsort MUSS erhalten bleiben! Es ist ein kulturelles Zentrum in der Stadt, die Veranstaltungen sind schöne Abschlüsse für Stadtspaziergänge, Museums- oder Kaffeehausbesuche. Ich besuche oft die Veranstaltungen des ORF dort – eine Verlegung auf den Küniglberg würde große Nachteile bringen: schlechte Anbindung an den öffentlichen Verkehr, entrische Gegend am Abend nach der Veranstaltung. Deshalb ersuche die Herren (und die Damen? – wie viele gibt es denn?) des Stiftungsrates, ihre Entscheidung für eine Verlegung des Studios rückgängig zu machen.


Martina Sinowatz:
Das Radiorätsel und der Preis

Das Funkhaus war in meiner Kindheit hauptsächlich etwas, wohin ich meiner Meinung nach richtige Antworten von Preisrätseln schickte. Die Adresse wusste ich auswendig: Argentinierstraße 30 A, 1040 Wien. Einen Preis gewann ich nie. Der große Sendesaal war der Ort "von Autofahrer unterwegs", jeden Tag via Radio von mir gehört. Vom Funkhaus hatte ich keine Vorstellung, auch nicht vom großen Sendesaal. Ich wohnte ja noch lange nicht in Wien. Gerne hätte ich einmal meine Stimme aus dem Radio gehört. Das Radio war mir ein Rätsel. Als ich Performancekünstlerin wurde, wollte ich so gerne einmal mit einem Funkmikrophon auftreten. Wie ein Funkmikrophon funktioniert, war mir ein Rätsel. Am 16. Juni 2004 wurde die grauenfruppe, eine literarische Performancegruppe, der ich gemeinsam mit Daniela Beuren, Elke Papp und Karin Seidner angehöre, zu einem Auftritt bei der Schlussveranstaltung eines Poetry Slams im großen Sendesaal des RadioKulturhauses eingeladen. Jede von uns bekam ein Funkmikrophon. Das Rätsel war gelöst. Am 17. März 2015 bekam ich als Mitglied der grauenfruppe wieder ein Funkmikrophone im Radiokulturhaus. Diesmal im KlangTheater, denn die grauenfruppe hatte im Zuge des Ö1-Lyrikwettbewerbs Hautnah einen Preis gewonnen, weshalb ihr eine Sendung mit unseren Texten, die wir im KlangTheater präsentierten, gewidmet wurde. Ein paar Wochen später hörte ich meine Stimme aus dem Radio.


Martina Gajdos: BEITRAG 1

Gegen Mitternacht radle ich ins Funkhaus. Herzklopfen begleiten mich zu meiner ersten Livesendung, im Nachtquartier soll ich zu meinem Buch Rede und Antwort stehen. Das riesige Ohr in der Argentinierstraße lotst von weitem meinen Herzschlag. Ich steige die Stufen hinauf, eine riesige Empfangshalle nimmt mich auf. Meine Erregung fügt sich in die Schwingungen, die Atmosphäre prickelnd, magisch, spannend. Da spüre ich auf einmal die Herzschläge Tausender, die vor mir diesen Weg beschritten, so sehr pulsiert dieses Haus, funkt es, funktioniert. Ein Jahr später darf ich wieder zu einem Interview radeln, diesmal am Nachmittag. Wieder umhüllt mich die Magie dieses Hauses, seine Geschichte samt den vielen Geschichten. Das pulsierende Herz dieser Stadt. Ohne Herz kein Leben.


René Freund


Als junger Mensch war ich schrecklich nervös. Musste ich vor fünf Leuten reden, schlief ich in der Nacht davor nicht. Als ich beim Erscheinen meines ersten Buches in die Sendung „Von Tag zu Tag“ eingeladen wurde, schlief ich zwei Nächte lang nicht. Ich sollte nicht vor fünf, sondern vor Tausenden, vor Zehntausenden Menschen reden! Die Vorstellung war grauenvoll. Ich würde ganz sicher während der Sendung kollabieren. Live! So betrat ich im Jahr 1995 das Funkhaus wie der Delinquent das Schafott. Und wurde sofort von dieser Atmosphäre der Ruhe und der Konzentration in Beschlag genommen. Ich atmete durch. Hier war es schön. Hier war ich sicher. Das Funkhaus, soviel wurde mir beim Gang zum Studio klar, ist eine geheimnisvolle Gedanken-Anstalt, wo Wissen und Schönheit gesammelt und für die laute Welt da draußen aufbereitet wird. Hier gehörte ich dazu, nach wenigen Augenblicken. Im Funkhaus regiert ein mächtiger Genius loci. Das spürt jeder. So einen Tempel verkauft man nicht. Wer glaubt, man könne einen Sender wie Ö1 so mir nichts dir nichts einpacken und woanders wieder ausspucken, ohne dass sich etwas verändert, hat von der Magie des Lebens keine Ahnung, also von der Wirklichkeit.


Christine Mack: Ausgeträumt 1

Weit erinnere ich mich zurück, an damals, als ich noch an die Magie der Dinge glaubte, mir vorstellte, in unserem Radiokasten würden Menschen sitzen. Diese Menschen scharren mit Füßen, klopfen an die Radiowand, schieben Sesseln. Und sie sprechen in einer sehr klaren Sprache, für die ich sie bewunderte. Ganz dicht hielt ich mein Ohr an den Lautsprecher und so fühlte ich mich den Figuren der erzählenden Geschichte wunderbar nahe. In meinem Kopf lebten viele Geschichten und ich stellte mir vor, ich würde sie im Radio hören. So konnte ich kaum erwarten, meine Geschichten auf Papier zu bringen. Acht Jahre war ich alt, als ich meine erste Abenteuererzählung niederschrieb. Sie handelte von einem Mädchen, das in einem Baumhaus lebte. Ich schrieb und schrieb, wahrscheinlich mit vielen Fehlern und unleserlich, wie meine Schrift damals war. Und ich achtete sehr darauf, dass man in der Geschichte viele Schritte hörte, dass an Türen geklopft und mit Sesseln gerückt wurde. Und man musste die Münzen fallen hören, die das Mädchen in einer Höhle gefunden hatte. Drei Bögen Papier steckte ich in ein Kuvert und schrieb an Kennwort "Kasperlpost", 1136 Wien. Eine andere Adresse hatte ich nicht.
Tag für Tag saß ich vor dem Radiokasten und wartete. Ich war überzeugt, dass ich meine eigene Geschichte hören würde. Das Radio sendete weiterhin Hörspiele, nur meine nicht.


Christine Mack: Ausgeträumt 2

Sooft ich in all den vergangenen Jahren Literatur auf Ö1 hörte, sagte ich mir: Einmal wird aus meinem Roman gelesen werden. Nun ist er fertig, erschienen im Picus-Verlag. Endlich sah ich eine reale Chance, dass mein alter Traum in Erfüllung gehen könnte. Bis ich in einer Zeitung las, das Funkhaus würde bald nicht mehr Funkhaus sein. Ö1 am Küniglberg? Ich kenne diesen Ort. In diesen Räumen wird nicht aus meinem Buch gelesen. Ö1 wird hier kein würdiges Zuhause finden. Heimatlos wird er von der Tonfläche verschwinden. Keine Stimme, kein Klopfen, kein Füße-scharren, keine Schauspieler und Schauspielerinnen, die mit ihrer klaren Stimme meine Geschichte lesen und spielen. Habe ich nun ausgeträumt?


Daniela Beuren: Haus der Magie

Als ich ein Kind war, hat das Radio – konkret Ö3 und fallweise die Regionalsendung „Autofahrer unterwegs“ – meine Nachmittagsbetreuung übernommen. Das Funkhaus, in dem all die Stimmen wohnten, die mir bis zum Abend Gesellschaft leisteten und mir gut zuredeten, war ein magischer Ort, der sich meiner Vorstellungskraft entzog. Später konnte ich mich von der Existenz dieses Ortes überzeugen und ihn in verschiedenen Rollen erleben: Als Beschwerdeführerin wurde ich für „help – das Konsumentenmagazin“ interviewt, weil mich ein Inkassobüro grundlos mit unlauteren Mitteln bedrohte. Als Zuhörerin bei „Trost und Rat“, der Radio-Wien-Sendung von Willi Resetarits, saß ich mangels anderer Plätze auf der Bühne, als die Direktorin des Technischen Museums Wien, Gabriele Zuna-Kratky, auf dem Motorrad hereingefahren kam. Als Gewinnerin beim Ö1-Quiz, damals noch Live-Sendung mit Paul Catty im Radiocafé, stellte ich fest, dass niemand mit mir feiern wollte: Die Mitspieler*nnen hatten eben nicht gewonnen, und für die Sendungscrew war es ein normaler Arbeitstag. Bei Aufführungen, Proben und Aufnahmen mit der Performancegruppe grauenfruppe sowie dem Sprechchor unter der Leitung von Bruno Pisek wurde ich in den Studios beinahe heimisch und schaute wie hypnotisiert der Studiouhr zu, wie sie für jede Minute einen leuchtend roten Kreis vollendete. Vom Gang vor den Studios schräg nach oben bemerkte ich durch ein Fenster die Aufschrift „FM4“ und weiß nun dort die Stimmen, die ich in der „Morning Show“ höre.  Zugleich landen die Stimmen aus dem Funkhaus in meiner Wohnung und übernehmen für das große, immer noch über die akustische Magie staunende Kind die Morgen-, Nachmittags-, Abend- oder auch Nachtbetreuung.


Martina Gajdos: BEITRAG 2

Gehört gehört
ist der treffendste Werbespruch, der je kreiert wurde und er wird es Jahrzehnte bleiben. Wenn nicht …
… soweit wird es nicht kommen, kann es nicht kommen. Österreich ist ein Kulturland, Wien seine Kulturhauptstadt, im Herzen Wiens pulsiert das Funkhaus. Niemand will ein Herz herausreißen, der Stadt den Puls nehmen, dem Land sein Image.
Hört, hört,
die vielen Aufschreie!
gehört gestört?
     Die Kultur nivelliert,
     die Vielfalt einheitlich gebündelt,
     die Ausstrahlung genommen.
Nein.
Gehört gehört!
So klingt es im Ohr.


HG Fader: Zum Haus (Textfassung)

Der engste ZUSAMMENHANG besteht aus URSACHE & Wirkung! So ein ZUSAMMENHANG bedingt die Abhängigkeit der Existenz. So eine Existenz braucht einen Ort. Der Sender braucht einen Empfänger, die von dort stammende Kodierung muss dekodiert werden, der Hörer tut sich leichter damit, wenn er den Ort kennt. Der Hörer hört den Ort, kennt den Ort, versteht, akzeptiert, kodiert neu. Ohne ORT kein von WO, so auch kein wohin ...

 

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