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Klaus Oppitz: Landuntergang

Roman.
Salzburg: Residenz Verlag 2016.
336 Seiten; geb.; 19,90 Euro.
ISBN 978-3-7017-1658-6.

Autor

Leseprobe

Österreich ist im Niedergang. Mittlerweile seit Jahren vom rechtspopulistisch-rechtsextremen Bundeskanzler Michael Hichl – gegelt, blaue Augen, spitzes Kinn – regiert, ist die Republik selbstverständlich aus der EU ausgetreten, daher dürfen auch nur noch altersschwache Glühbirnen verwendet werden, die Glühlampenreform war schließlich eine EU-Richtlinie, Gemeindewohnungen heißen – Fremdenfeindlichkeit ist institutionalisiert – nun „Österreicherwohnungen“, Ausländer und jene Österreicher, deren Großeltern einst zuwanderten, haben entweder freiwillig das Land verlassen oder wurden dazu genötigt, auf den Straßen rumpeln so genannte Österreicherwagen umher, nicht viele, weil die Volkswirtschaft eh am Boden ist.
Durch dieses demolierte Land lässt der 1971 geborene Klaus Oppitz, am bekanntesten wohl für seine Szenaristenschaft der TV-Sendung „Wir sind Kaiser“, vier sehr unterschiedliche Protagonisten irren: die Grünweger-Emma aus dem Mühlviertel, die in einer der Zwangsarbeitstextilfabriken des Systems Hichl schuftet und, als ein deutsches Fernsehteam zu Besuch kommt, ein Zeichen setzen will, um Hichl zu stürzen – sie hält eine Hand, geplant die linke, in der Aufregung wird es dann die rechte, in eine der laufenden Maschinen, die sie ihr abtrennt. Ihr Skandal-Plan scheitert freilich, nach der Schließung der Fabrik geht sie, abgehärtet und weitgehend skrupelfrei, in den Untergrund ins Waldviertel. Der zweite ist Pascal, ein homosexueller Callboy, der, da Homosexualität unter Strafe steht, denunziert wird, im weißen wehenden Bademantel flieht, und als Heilsbringer und rhetorischer Anführer an die Spitze der Widerstandsgruppe namens Christliche Republik gespült wird. Der dritte ist Wolf, genannt „Wolferl“, Sohn des im Hichl-System sehr hoch gestellten Liebhabers von Pascal. Wolferl ist der Ex-Freund von Valentina Putschek aus jener Familie, die in Oppitz’ Roman „Auswandertag“ von 2014 die zentrale Rolle einnahm. Damals brachen die Puscheks auf, verließen das Michael-Hichl-Österreich, kreuzten auf dem Weg ins türkische Exil den Weg von burgenländischen Schwarzhändlern, politisch verfolgten Kärntnern und „echt arischen“ Sinti und Roma und strandeten in einem Auffanglager in Istanbul. „Landuntergang“ ist so etwas wie das Prequel, spielt zeitlich also davor. Und Oppitzens vierte, und zwar die entschiedenste Anti-Heldin von allen, ist die von der großen Liebe träumende Pirklhuber Alwine, Tochter einer nordische Götter anbetenden zänkischen Mutter, die allerdings physisch dermaßen zurückhaltend von der Natur beschenkt worden ist, dass nur sie selbst annimmt, es stünden ihr alle amourös-romantischen Möglichkeiten zur Verfügung.
Diese vier so unterschiedlichen Protagonisten treibt Oppitz durch eine räuberpistolenartige Groteske. Geschickt lässt er dabei jede Figur aus ihrer sprachlich wie intellektuell und emotional jeweils anders gearteten und anders beschränkten Perspektive erzählen. Das bewirkt auch eine oszillierende Nähe und Distanz zu den gleichermaßen Larmoyanten und Radikalen wie zur halb- bis unterbelichteten Begleitbagage.
Nichts ist in diesem Buch dabei, so wie es scheint. Das darf, das muss Satire ja sein: auf das herrlichste unausgewogen und allseits hundsgemein ungerecht. Der Aufstand gegen Hichl im Waldviertel ist kein moralisch hochstehender, die so genannte „Christliche Republik“ entpuppt sich rasch weder als Republik, noch als christlich. Öffentliche Exekutionen sind an der Tagesordnung. Am Ende wird gar ein Selbstmordattentäter nach Wien entsandt ...
Auf der anderen Seite wird Wolferl durch eine Kette von Ereignissen in die Reihen der paramilitärischen Polizeitruppe geschwemmt. Und erlebt dort Fanatismus, Eitelkeit, Machtrausch und Machtberauschung und die ideologisch bewusste 360-Grad-Verdrehung der Wahrheit und von Begriffen wie Freiheit und Toleranz.
Dass Oppitz nicht das feine Florett einsetzt, sondern viel häufiger das Breitschwert oder gar die grob geschnitzte Holzkelle, macht das Ganze so unterhaltsam, und so heiter bis bitter – denn manchmal gerinnt das Lächeln beziehungsweise bleibt das Lachen im Halse stecken. Und zwar allen Leserinnen und Lesern gleich welcher politischen Couleur. Verdient die rasende Gegenwart nicht etwa gnadenlose Überzeichnung? Kann man genug zu- und überspitzen in Zeitläuften, die selbst stoisch veranlagten Gemütern als vollständig verrückt, ja schier irrsinnig erscheinen? Natürlich sind sämtliche Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse, politische Vorgänge und Akteure alles, nur kein Zufall. Auch dass ein verrückter Wissenschaftler auftritt, der in einem unterirdischen Labor Hühner züchtet, die allesamt aussehen wie ein gewisser, nicht mehr unter den Lebenden weilender Kärntner Landeshauptmann und dort auch als heiligste Reliquie ein Schrottgewühl aufbewahrt, welches sich im Namenszug, der zu entziffern ist, auf einen Sonnengott oder so bezieht.

Alexander Kluy
29. März 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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