Christoph Reicho: Schlaraffenland.

Roman.
Septime Verlag, Wien 2016.
216 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-902711-53-3.

Autor

Leseprobe

Sind Liederdichter näher am Leben als Romanautoren? Natürlich ist es müßig, diese Frage allgemeingültig beantworten zu wollen, aber vielleicht ist der Sänger zumindest grundsätzlich näher an seinem Publikum als der Schriftsteller, weil er eben auch ein „Performer“ ist und der Schreibende einem sprichwörtlich einsamen Geschäft nachgeht (und oftmals in der Rolle des Vorlesenden nicht unbedingt in seinem Element ist). Christoph Reicho, 1984 in Graz geboren, ist so etwas wie sein eigener Kulturschmelztiegel: der studierte Journalist und Kommunikationswissenschaftler verbindet das Bühnenleben des Musikers „Calim“, der als Singer-Songwriter und Rapper dies- und jenseits der Alpen unterwegs ist, mit der Betreuung von künstlerischen Projekten und eben auch mit der Zurückgezogenheit des schriftstellerischen Schaffensprozesses.
Das legt vielfältige Erfahrungshorizonte nahe, die der durchschnittliche dreißigjährige Mitteleuropäer sonst nicht unbedingt miteinander vereint. Wenn also jemand wie Reicho seinen ersten Roman veröffentlicht, lohnt es sich allemal, genauer hinzuschauen.

Und richtig – in „Schlaraffenland“ geht es natürlich ums Leben, genauer gesagt um eine ziemlich schonungslose Gesellschaftsansicht am Beispiel von Einzelpersonen. Die drei zentralen Figuren Lea, Adriano und Butler geben einen (man darf sagen geradezu erschütternden) Einblick in die Wahrnehmungswelt der jüngeren Generation, die in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren ist und sich permanent auf der Suche nach sich selbst befindet. Alle stammen aus abgesicherten sozialen und monetären Verhältnissen, und unwillkürlich schleicht sich beim Lesen die Empfindung ein: Was haben die eigentlich für Probleme? Geht es denen nicht vielleicht einfach zu gut?
Das Trio kennt sich seit frühester Jugend. Aus Kinderfreundschaft wird erste Liebe mit all ihren Ambivalenzen, man trennt sich und trifft sich zehn Jahre später zufällig wieder. Aus Lea ist eine erfolgreiche, scharf-analytische Zynikerin, Journalistin und Karrierefrau geworden, die sich eher halbherzig auf eine Beziehung zu Butler, dem hoffnungslos romantischen und vor allem seit Anbeginn in Lea verliebten Computernerd einlässt. Zur geplanten Hochzeit ist auch Adriano geladen, der Schnorrer und Tunichtgut, der ewig abgebrannte Frauenaufreißer, und im Vorfeld der Verehelichung ziehen die drei in endzeitlich anmutenden Partynacht-Szenarien durch das überstylte Berlin der Post-Postmoderne.
In der Konstellation von zwei Männern und einer Frau erscheint der Grundkonflikt vorprogrammiert, aber das entpuppt sich nur als die halbe Wahrheit. Entscheidender sind die deutlich divergierenden Veranlagungen der Hauptfiguren, die den finalen Crash aus Drogenkonsum, sexuellen Exzessen, verletzten Gefühlen, grenzenloser Gedankenlosigkeit, Überspanntheit gepaart mit psychischer und körperlicher Selbstzerstörungswut unausweichlich machen. Am Ende landen alle drei gar in der gleichen Klapsmühle: aus dem „Alles oder Nichts“ wird stets das „Alles nichts, oder?“ ihrer Kindheit. In Wahrheit sind alle drei, wie auch alle anderen um sie herum, nichts als grenzenlos vereinzelt – chancenlos, in ein von irgendeinem Sinn geprägtes Leben zu finden.
Jede(r) der drei – und darin besteht der formale Reiz des Romans – verarbeitet seine Sicht auf die Dinge in einer anderen literarischen Gestalt: während Lea in ihrem sogenannten „intimen Manifest“, einer Art ruppigem Essay, mit luzider Grausamkeit sich selbst zerfleischt und die gesellschaftliche Entwicklung gleich mit, betreibt Adriano einen Blog, den er mit seinen Party-, Drogen- und Sexerlebnissen füttert, was von seiner ganz überwiegend geistig wenig konturierten Followerschaft weitgehend unkritisch bejubelt wird. Adriano sieht sich selbst in seinem Zynismus meilenweit oberhalb seiner virtuellen Fangemeinde und schaut mit kalter Verachtung auf sie herab. Butler hingegen schöpft Kraft aus dem Verfassen eines Therapietagebuches, welches er erst in der Klinik beginnt. Er, der einzige Nicht-Zyniker des Trios, ist aber nur scheinbar das größte Opfer der Umstände verglichen mit seinen beiden Co-Akteuren, und er, der einzige der drei, der vorher nicht regelmäßig etwas mit dem Schreiben zu tun hatte, findet in seinen Aufzeichnungen zu den vielleicht anrührendsten und poetischsten Abschnitten des Buches, wenn er sich an die gemeinsame Kinder- und Jugendzeit zurückerinnert.

Die Erzählperspektive wechselt in den jeweiligen Literarisierungen erwartungsgemäß zwischen den dreien hin und her, die Zwischenpassagen werden aus einer Position nahe den jeweils Agierenden geschildert. Die Sprache ist mitunter von starker Gossenhaftigkeit, insbesondere aus der Sicht von Adriano wird nicht mit sexuell konnotierten Kraftausdrücken und explizit frauenfeindlichen Vokabeln gespart. Das Verfahren braucht sich leider schnell ab, die Figur, der ohnehin wenig Sympathisches anhaftet, wird dadurch unnötig stark zum Buhmann stilisiert. Das Verhängnis des Scheiterns aber geht nur scheinbar von Adriano aus, der schließlich auf der Hochzeit im Angesicht des Ehemanns die Braut verführt – alle drei und die sie prägenden Erfahrungen aus Familie und Gesellschaft tragen ihren Teil dazu bei.
So stellt das Buch schlussendlich vor allem die Frage, wie es sich anfühlt, auf dem Scheitelpunkt der Dekadenz zu surfen. Es findet ein paar drastische Antworten: „Was tun wir? Wir tun das, wozu wir Lust haben und zwar immer. Wir saufen Cocktails, kaufen Drogen, tanzen in Clubs, shoppen Kleidung, vögeln bis zur Blasenentzündung, bleiben liegen bis fünfzehn Uhr und frühstücken abends. Das Leben bedeutet Spaß ohne Grenzen“ (Lea). Das hat freilich seinen Preis – siehe oben.
Der Interaktion mit der Subjektivität der drei auch grafisch voneinander durch unterschiedliche Schriften abgesetzten Statements Manifest, Blog und Tagebuch wird das gelegentliche Einstreuen von Informationen über Lea, Adriano und Butler aus den jeweiligen Anamnesebögen der psychiatrischen Klinik gegenübergestellt, was geschickt eine Versachlichung der Problematiken suggeriert, in Wirklichkeit aber das Puzzlespiel aus verzweifelten Emotionen und Reaktionen auf die Spitze treibt. Aus den nüchternen Aufzeichnungen der Klinik geht nebenbei auch hervor, dass selbst die vermeintlichen Namen der Protagonisten Schall und Rauch sind und die wahren ihre Existenzen entzaubern, ihnen gar einen Hauch von piefiger Lächerlichkeit anheften. Welche Helden heißen bitte Breitenmüller (dazu auch noch Kevin!) oder Klamminger? Eben nur Helden, die keine sind.

Christoph Reicho hat mit „Schlaraffenland“ einen achtbaren Anlauf unternommen, anhand von Einzelcharakteren eine ungeschminkte Bestandsaufnahme unserer übersättigten Wegwerfgesellschaft zu wagen. Besonders zeigefinger-politisch wird das hingegen nie, Reicho bleibt dankenswerter Weise lieber nahe an seinem Personal und kommt ohne verkürzende Schuldzuweisungen aus. Vielleicht wäre wie schon erwähnt in der einen oder anderen Passage eine etwas feinfühligere Ausdifferenzierung der Sprache wünschenswert gewesen – doch die formale Umsetzung und die packende Erzählgeschwindigkeit machen das Buch zu einem lesenswerten Roman um die Ausweglosigkeit des Zeitgeists und der unendlichen Einsamkeit derer, die sich in ihm verlieren.

© Marcus Neuert, 30. März 2016