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Christoph Reicho: Schlaraffenland.

 

Leseproben:

Die Schreibmaschine hat sie auf dem Dachboden ihrer Großmutter gefunden. Unter einem billigen Hirschgeweih-Imitat ist sie gelegen, völlig verstaubt und ohne R-Taste. Ihre Großmutter hatte sie gar nicht gefragt, sie hat sie einfach mitgenommen. Wenn etwas jahrelang auf einem Dachboden liegt, verstaubt und unbeachtet, dann wird es wohl niemandem fehlen. Sie hat diese Schreibmaschine so sehr ins Herz geschlossen wie andere ein Haustier. Und ihr sogar einen Namen gegeben: Utopia. Weil sie mit ihren nur 42 Tasten ein ganzes Universum erschaffen kann. Sich selbst Welten erschreiben, aus Buchstaben Körper formen, die sich bedingungslos lieben.
Das laute Klappern der alten Tastatur unter dem leichten Druck ihrer Finger versetzt sie in Trance, ein hypnotisch monotoner Sound, der eine beruhigende Wirkung entfaltet.
(S. 65f.)

Die erste weibliche Gestalt, die mir den Kopf verdrehte, war das Mädchen mit der Schokoladenhand. Da war ich gerade einmal fünf Jahre alt. Zum ersten Mal sah ich sie, als sie sich hinter ihrer Großmutter versteckte. Eigentlich sah ich sie gar nicht. Ich bemerkte lediglich schwarze Strähnen, die hinter der alten Dame hervorragten. Zuerst dachte ich, es wäre ein Hund, ein Retriever vielleicht. Im selben Moment griffen jedoch ein paar zierliche Finger nach dem wollenen Mantel der alten Frau. Grün. Dunkelgrün. Der Mantel, nicht die Finger. Die waren eher bräunlich. Anscheinend von der Schokolade, die die Oma in den Händen hielt. Ich stand regungslos da und sah sie an. Die Oma stand regungslos da und sah mich an. Das Mädchen – von dem ich noch nicht wusste, dass es ein Mädchen war – stand auch regungslos da und sah den Rücken der Oma an. Sie versteckte sich hinter dem Mantel. Die alte Dame lächelte und fragte: „Ja, wer bist denn du? Möchtest du vielleicht ein Stück Schokolade?“ Energisch schüttelte ich meinen Kopf, verfinsterte meine Miene und wich drei Schritte zurück. Die Erziehungsarbeit meiner Eltern schien voll aufzugehen. Sie hatten mir bereits als Baby eingetrichtert: „Trau keinem Menschen, fremden Menschen trau noch weniger und lauf so schnell du kannst davon, wenn dir ein fremder Mensch etwas Süßes anbietet!“ Weglaufen konnte ich aber nicht, schon gar nicht schnell. Hinter mir war der Zaun, vor mir die Alte mit dem Süßen, hinter der Alten die Straße. Ich presste mich fest gegen den Zaun und wartete mit meiner grimmigsten Miene erst einmal ab. Die Alte war etwas irritiert, zog die mit Schokolade vorgestreckte Hand zurück und hielt inne. Ich blieb regungslos. Plötzlich schien ihr einzufallen, dass sich hinter ihr noch jemand befand. Die kleine Schokoladenhand klammerte sich nach wie vor an dem alten Mantel fest. „Aber Kindchen, sei doch nicht so schüchtern! Das ist doch nur ein ganz gewöhnlicher, kleiner Junge.“ Meine Miene verfinsterte sich noch drastischer: Ich war vieles, aber sicher nicht gewöhnlich! „Jetzt komm doch einmal nach vorn. Du bist doch sonst nicht so!“ Die kleine Schokoladenhand verkrallte sich noch fester. Der alten Dame versetzte es dadurch einen unerwarteten Ruck, woraufhin sie beinahe ihr Gleichgewicht verlor. Ich nutzte diese Situation zu entfliehen. Wie der Blitz sauste ich an ihr vorbei und stürmte vollkommen verstört nach Hause. Das Mädchen mit der Schokoladenhand lugte dabei hinter dem Buckel der Oma hervor und sah mir neugierig nach.
(S.75 ff.)

Die reinste Partyhölle ist inzwischen ausgebrochen. Hunderte Menschen drängeln sich im Gang, auf den Toiletten, auf der Tanzfläche und auf den Voyeurs-Plätzen. Am Herren-WC wird ihm ein Joint angeboten und man fragt Butler nach Meskalin. Er verdreht seine Augen, lässt seine Zunge aus dem Mund hängen, schnalzt sie auf und ab, macht ein hypnotisches, lallendes Geräusch dazu und fragt: „ Wie wär’s mit ein bisschen Nebenniere?“ keiner versteht das Zitat. Die Toiletten sind besetzt, daher übergeben sie sich in eines der Pissoirs, wobei er mehr Butlers linkes Bein erwischt als die schräg an die Wand montierte Schüssel. Als er hinausgeht, versucht ihn ein vom Tanzen verschwitztes Mädchen abzuschmusen. Er haucht ihr ins Gesicht, doch sie lässt sich nicht davon abschrecken. Er schubst sie zur Seite und kauft sich ein Bier zum Nachspülen.
Ein wenig später steht Adriano zum zweiten Mal im WC, das sich nicht verschließen lässt. Natürlich öffnen zwei Mädchen genau zum falschen Zeitpunkt die Tür. Sie lassen sich von seinen Uringeräuschen jedoch nicht abschrecken, sondern stellen sich einfach hinter ihn, schließen die Tür und rauchen seelenruhig einen Joint. Er beutelt seinen Penis, packt ihn wieder ein und drängt sich durch die Mädchen hinaus. Eine fragt ihn, ob sie ihm für zehn Euro einen blasen soll? Er bedankt sich mit rülpsendem Kopfschütteln.
(S.92)

 

© 2016 Septime Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

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