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Hans Platzgumer: Am Rand.

 

Leseprobe S. 123-124:

Ich bin kein Monster. Wenn Sie sich ein Urteil über mich bilden, vergessen Sie nicht, dass es nicht gerecht sein kann, weil über andere zu urteilen bloß selbstgerecht ist. Ich will offen und ehrlich sein, mir gegenüber, Ihnen gegenüber. Niemand außer uns hat je davon erfahren, auch Elena nicht, niemand kann es nachweisen. Guido und ich haben sorgfältig alle Spuren beseitigt und unsere schriftliche Kommunikation vernichtet, sorgfältiger, als es notwendig gewesen wäre. Wer hätte schon nach Hinweisen auf eine Tötung gesucht? Allen war es recht, dass Guidos Leben endete und vollendet wurde, was mit dem Schluck L4 begonnen hatte. Guidos Tod ist kein Kriminalfall, wie auch Großvaters Tod keiner ist, und der des alten Herrn Gufler oder Sascha Jovanics nicht. Menschen verschwinden, ohne dass es jemanden kümmert. In Kalkutta, habe ich gehört, werden in Elendsvierteln Verkehrstote oder Bettler, die auf offener Straße verenden, an den Straßenrand gezogen. Die Leichen bleiben im Rinnsal mit dem restlichen Dreck liegen und werden nachts von der Müllabfuhr entsorgt, sofern keine Verwandten das bis dahin übernommen haben. Ein Menschenleben ist in Indien weniger wert als das einer Kuh, und auch bei uns vergehen die unauffälligen Leben von einem Tag auf den anderen, ohne dass das Vergehen hinterfragt wird. Wie mit jeder Stunde, die verstreicht, eine Tierart auf dem vom Menschen geknechteten Planeten ausstirbt, fällt mit jedem Augenzwinkern ein Mensch tot um, irgendwo auf der Welt, oft genug unbemerkt. Menschenleben, die niemanden kümmern, Leben wie das meine, der Großteil von uns führt ein solches, wir kommen und gehen, unerkannt im Lauf der Zeit. Ein kleines Leben führt in einen kleinen Tod, und trotzdem hat es stattgefunden, unleugbar, mein Leben, Guidos Leben, Ihres.

© 2016 Zsolnay Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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