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Anna Rottensteiner: Nur ein Wimpernschlag


Leseprobe:

Wenn wir am Meer neben den Muscheln ausgewaschene Fotos fänden, vollgesogen mit Hoffnung und Tod, das Meer nicht mehr grau oder blau, sondern bunt, ein Meer voll der Liebe und Zuneigung, die Blicke und Gesten derer, die zurückblieben. Von den Rändern her wieder trocknend, am Herzen getragen die Gesichter der Lieben. Wir sammelten die Bilder auf, bügelten sie stundenlang glatt mit unseren Fingern. Bänden sie zusammen zu Drachen, die wir steigen ließen, hinauf in die Lüfte, die blau sind und gleichgültig und alles so lassen, wie’s ist.
Wenn wir am Horizont die Schiffe sähen. Wie sie kommen von Afrika. Morsche Kähne, abgetakelt, absplitternde Farbschichten. Gehen fast über vor lauter Menschen, gehen gleich unter. Stehen teilweise, der Mensch neben dir dein einziger Halt, und diesem wieder jener neben ihm. Die sitzen, haben es besser. Wenn einer fällt sind alle in Gefahr. Und die Bootsführer lachen sich ins Fäustchen, so viele, die hinaufwollen, großzügig können sie sich zeigen, komm nur auch noch rauf, und du, Mama, mit deinen fünf Kindern, da drüben der Platz, welcher Platz, fragt sie, na der, ganz für dich.
(44f.)

An der Zeit, dass ich dir noch einmal erzähle, sagst du, Meta, zu mir. Ich habe die Worte dafür gefunden, gemeinsam mit dir, in den Nächten in deiner Wohnung, als wir uns einander vorsichtig begegneten, abtasteten und nach und nach kennenlernten. Es ist nicht so, wie du dir es gedacht und die ganze Zeit vorgestellt hast. Mein Leben in deiner Fiktion. Mal gut und mal böse, so waren sie schon immer, eure Vorstellungen von uns, die deine von mir. Ich will dir jetzt sagen, so sagst du zu mir, dass es nicht so war. Kein Meer, kein Boot, kein beinahe Ertrinken. Mit dem Flugzeug kam ich, mit jenen Menschen, die mich gekauft haben und als Sklavin in ihrem Haus hielten. Die Versprechungen waren groß, in einem der feinsten Häuser in Dubai würde ich Hausmädchen sein. Ich erzähle es dir noch einmal, immer und immer wieder, jetzt, da ich die Worte dafür gefunden habe.
(160f.)

© 2016 edition laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 


 

 

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