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Funkhausanthologie 15. Woche 2016


Beiträge 171-180


von: Robert Kraner, Franzobel, Michael Amon, Daniela Stockinger, Chris Lohner, Michael Benaglio, Werner Stangl, Sabine H. Kaup, Christine Hubka, Michael Burgholzer


Robert Kraner: funkhaus

ich komme aus lehm
wusste putziges
verschlug mich

vernahm  ö1
schaute funk
trat ein

argentin klingt im ohr
kopfschnurknoten entwirrt
solarplex gelichtert

welt
abseits künigl
umrundet


Franzobel: Vorfreude auf den Umzug

Nun ist es bald soweit. Der General hat befohlen und schon werden die Kräfte gebündelt, Pakete geschnürt und alles, was Radio ist, zieht mit Mikro und Aufnahmerecorder vom alten Funkhaus in der Argentinierstraße auf den hochmodernen, schmucken Küniglberg, wo man dem Funk eine moderne Trutzburg aus Betonplatten errichtet hat, einen küniglichen Palast. Es wurde ja auch höchste Eisenbahn. Das alte Funkhaus, nur unweit der barocken Karlskirche gelegen, ist viel zu zentral, um einen abhängigen Journalismus zu garantieren. Da kommt es vor, dass Reporter zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren und so mit der Bevölkerung in Kontakt kommen, mit Meinungen kontaminiert werden. Außerdem weiß man trotz der modernen Großraumbüros, die man in den letzten Jahren hinein gesprengt hat, nicht recht, wie viele Journalisten sich noch in irgendwelchen Kämmerchen versteckt halten, und von dort aus ihre subversiven, troglodytischen Beiträge in die Welt hinaus senden. Da ist der Küniglberg doch eine gute Lösung. Gut, böse Zungen behaupten zwar, der Teich vor dem Gebäude sei so seicht wie das TV-Programm und das Gebäude selbst so unübersichtlich, dass man fürchten müsse, Mitarbeiter würden sich am Weg zur Kantine verlaufen und verhungern, aber dafür hat man dann alle unter einem Dach, was es endlich ermöglicht, die eigenen Produkte entsprechend zu würdigen und anzukündigen und zu erwähnen und einzubetten – selbstverständlich unauffällig. Da können dann die Dancingstars gleich auch im Mittagsjournal auftreten, ist es möglich den neuen Tatort-Kommissar zum Vormittagskonzert zu befragen, dürfen die Vorstadtweiber die Nachrichten verlesen und die Staatskünstler geben den Radiodoktor. Wenn ein Fernsehmensch seine Lebenserinnerungen schreibt, kann er gleich die Büchersendung ex libris gestalten. Außerdem wird es möglich, aktuelle Fernsehstars nicht nur zu Stöckl, Karlich, Russwurm, Willkommen Österreich, Frühlingszeit, Sport am Sonntag und in die Promimillionenshow einzuladen, sondern auch noch in sämtliche Radioformate. So etwas spart Geld, bringt Quote und kommt somit dem vielzitierten, über Gebühr strapazierten GIS-Zahler zugute. Ist das ungebührlich? Nein, es ist herrlich! Natürlich sehen das nicht alle so, aber ein paar notorische Nörgler gibt es schließlich immer. Die beschweren sich über so lächerliche Dinge wie den weiten Weg hinauf zum Küniglberg, oder sie sehen im Funkhaus in der Argentinierstraße plötzlich ein schützenswertes Kulturgut. Dabei hat das Gebäude so viel Charme wie das Zentralbüro der Komsomolzen in Nishni Novgorod. Ein reiner Zweckbaum, in dem man sich wohlfühlt. Aber soll man sich denn an seinem Arbeitsplatz wohlfühlen? Da bietet doch ein sachlicher, als Parkgarage getarnter Betonbau mit Asbestisolierung eine weitaus aufreibendere Umgebung. Und was den angeblich so langen Weg betrifft, so ist ohnehin längst eine Art olympisches Dorf für alle Mitarbeiter geplant. Stellen Sie sich vor, Beverly Hills für den österreichischen Rundfunk. Gut, Palmen werden in Hietzing keine wachsen, aber man kann große Lettern auf den Berg stellen: ORF! Außerdem ist an einen Walk of Fame gedacht mit allen Stars: Armin Assinger, Harry Prünster, Grissemann und Stermann, Armin Wolf. Und was das Beste daran ist, im Orf-Dorf werden dann einfach Kameras montiert und schon hat man für den noch zu gründenden ORF 4 eine Art Big Brother. Na, ist das etwa nichts? Wir freuen uns und jubeln.


Michael Amon: Ich war wirklich im Funkhaus!

Frühjahr 1973. Der Mittelschüler-Kartellverband (MKV) hatte im Dunstkreis der ÖVP eine Gegenorganisation zum Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) gegründet, der damals in den Schulen dank Anti-Bundesheer-Kampagne und Schülerzeitungsboom ziemlich gut verankert war. Man versuchte dem VSM mit der Union Höherer Schüler, die sich im Gegensatz zum VSM als unpolitische, gewerkschaftsähnliche Schülerorganisation ausgab, ein Gegengewicht vorzusetzen. Im Rahmen der Music-Box sollte eine Diskussion zwischen jeweils einem Vertreter von VSM und UHS stattfinden. Die Rolle des VSM-Vertreters fiel mir zu, ich war damals der einzige Schüler im VSM-Vorstand und nebenbei auch Geschäftsführer des Österreichischen Schülerzeitungszentrums, einer Gründung von VSM-Schülerzeitungs-Redakteuren, deren Zeitungen in diesen Jahren die SZ-Szene dominierten. So kam ich zu meinem ersten öffentlichen Auftritt, allerdings ohne das Publikum zu sehen, wie das halt beim Radio meist der Fall ist.

Mit großer Ehrfurcht betrat ich die heiligen Hallen des Funkhauses in der Argentinierstraße, dem Ort, von dem aus damals die meisten jener Sendungen ausgestrahlt worden sind, die ich täglich zu hören pflegte. An erster Stelle stand natürlich die Music-Box von Ö3. Wer damals auf sich hielt und nicht völlig vernagelt war, hörte diese Sendung, die man sich heute auf Ö3 nicht mehr vorstellen kann. Auch nicht auf FM4 übrigens. Allein die Tatsache, erstmals den Menschen zu sehen, der hinter der unverwechselbaren Stimme von Michael Schrott stand, war mehr als nur spannend. Nur vergleichbar mit meinem ersten Besuch eines Rolling Stones-Konzertes zwei Jahre davor. Oft ist die leibliche Begegnung mit einem Stimmträger extrem enttäuschend. Nicht bei Michael Schrott. Ich hatte ihn mir zwar anders vorgestellt, aber er paßte trotzdem perfekt zu seiner Stimme. Oder seine Stimme zu ihm. So vertrauenseinflößend wie seine Stimme war auch der dazugehörige Mann. An die Diskussion selbst kann ich mich nur noch schwach erinnern. Ich glaube, es war ein recht wildes Scharmützel, für die Zuhörer wahrscheinlich eher abschreckend als animierend, sich bei einer der beiden Organisationen zu engagieren. Wirklich beeindruckend war für mich das Funkhaus. Obwohl ich im ersten Moment enttäuscht war. Ich hatte mir das alles viel größer und bombastischer vorgestellt. Mehr sichtbare Technik, irgendwie großräumig und großzügig halt. Aber das Radiostudio glich mehr einer Zelle als meiner Vorstellung von einem grandiosen Senderaum. Das Studio bestand, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, aus zwei von einander getrennten, sehr kleinen Räumen. Im einen saßen wir zwei Diskutanten und Moderator Schrott vor einem kleinen Tisch mit unscheinbarem Mikrofon. Im zweiten Raum, wiederum hoffe ich auf richtiges Erinnern, befand sich eine Tontechnikern, die uns betreute und unser Gespräch, naja, eher ein wildes Geschwafel, mitschnitt. Nach der Aufzeichnung haute der UHS-Vertreter sofort ab. Schrott ging mit mir noch in die Kantine. Wir plauderten ein wenig, ich weiß nicht mehr worüber, tranken Mokka und Cola (Erinnerungs-Vorbehalt). Aber Schrott, der Promi, war mir, dem Unbekannten gegenüber unprätentiös und völlig allürenlos. Keine Ahnung, ob von der damaligen Sendung noch eine Aufzeichnung existiert. Ich weiß nur, ich saß bei der Ausstrahlung mit einigen VSMlern gebannt vor dem Radio. Bilde ich mir jedenfalls ein. Oder ist meine Erinnerung völlig falsch? Hatten wir gar live diskutiert? Ehrlich: ich weiß es nicht mehr.

So viel zur Stringenz von „oral history“. Aber im Funkhaus war ich wirklich. Und der Schrott war ein Sympathler. Das kann ich beschwören.


Daniela Stockinger: Interpretationssache

Zwei Welten, die nicht unterschiedlicher sein konnten: Eine altmodische, in der man zum Stenographie-Diktat gerufen wurde und interne Memos per Hauspost an die Abteilungsleiter verschickt wurden – und die glanzvolle „Neue Welt“ mit Aufbruchstimmung ins Internetzeitalter, habe ich als junge Ferialpraktikantin miterlebt, gerade als die ORF Homepage mit Startschwierigkeiten online ging und erste E-Mails verschickt wurden. „Fräulein - zum Steno-Diktat bitte“, hieß bei einer wichtigen Besprechung in der Kaufmännischen Direktion. „Ein Memo an das Funkhaus.“ Komplizierter hätte es nicht sein können, Sendefrequenzen, technische Abkürzungen und eine Reihe unverständlicher Begriffe folgten. Fast wie Chinesisch. Würde ich meine eigene Handschrift später entziffern können? Mit jedem Wort stieg die Panik, die rasche Begriffsfolge selbst mit bestem Wissen und Gewissen nicht richtig wiedergeben zu können. Warum durfte ich kein Aufnahmegerät verwenden? Welche Folgen hätte wohl eine falsche Interpretation meiner Worte für das Funkhaus? Ob meinetwegen ein Sender eingestellt oder ein beliebtes Programm völlig umgestellt würde? Nach der Ferialpraxis habe ich das Geschehen weiterverfolgt. Heutige Probleme können hoffentlich nicht auf einen Tippfehler meinerseits zurückzuführen sein?


Chris Lohner

Meine Funkhausliebe, das war Ö3, wo ich die lustigsten Radiozeiten verbracht habe. Ich war damals ja schon Fernsehsprecherin am Küberg, aber das Radio hat mich auch sehr interessiert, weil es ja so unkompliziert direkt sein darf/durfte! Und nach einem Termin mit Rudi Klausnitzer, damals Ö3 Chef, hab ich dann erstmals Radio „gemacht“! Und im Gegensatz zu heute konnte man jede Sendung moderieren und auch sagen, was man wollte: Learning by doing! Das war natürlich grossartig! Und eine Hetz haben wir alle miteinander gehabt. Kann mich an keinen Konkurrenzkampf erinnern. Wir haben auch in unserer Freizeit so einiges gemeinsam unternommen. In meiner Lieblingsgeschichte von Ö3 ist Dieter Dorner der Star! Wir durften nämlich ohne Probleme die Werbung kommentieren und unsere Witze machen. Bis zu dem Zeitpunkt als Dieter nach Werbung für ein After Shave folgendes verkündete: „Sie können es auch für’s Gesicht verwenden!“ Danach war Schluss mit lustig! Das war aber damals die einzige Auflage an uns Moderatoren! Tempora mutantur ... Funkhaus und Radio: Meine Liebesaffäre!


Michael Benaglio: Ö1 auf der Salzkammergut-Bundesstraße

Wie immer trat er das Gaspedal durch. Salzkammergut-Bundesstraße zwischen Stainach und Bad Aussee live. Der alte VW-Polo stöhnte. Mein Sohn grinste. Über und zwischen allen Lauten das dröhnende Radio. Ö 1. Immer Ö1. Seitdem ich öfter Beifahrer in besagter alter Schüssel sein durfte, gewöhnte ich mir, spät aber doch, das Hören von Ö 1 an. Vor allem beim Kochen, Frühstück genießen, Abendessen vertilgen. Gerade die politischen Journalsendungen sind konkurrenzlos gut. Erstaunlich, wie viele junge Menschen wieder zu dem führenden österreichischen Radiosender greifen. „Alles andere kannst du nicht hören“, erfahre ich oft. „Das ist nur noch kommerzieller Schrott.“ Na bitte. Viele meiner Freude, Bekannten teilen diese Ansicht. Als die Absicht bekannt wurde, das Funkhaus solle geschlossen und Ö 1 abgehalftert werden, schrieen es die Tauben von den Bäumen, die Singvögel von den Sträuchern, die Hunde aus den Gassen und die Jungen bei einer Flasche Bier, dass es eh klar sei, „dass die alles abdrehen, was noch irgendwie gut ist.“ Aber noch dröhnt Ö 1 im alten VW-Polo, wenn er schnittig um die Kurven der Salzkammergut-Bundesstraße pfeift. Und so soll’s bleiben.


Werner Stangl: Traumatisches Erlebnis

Es muss zwischen 1959 und 1961 gewesen sein. Ich ging damals in eine der ersten Klassen des Gymnasiums in der Diefenbachgasse und nahm mit meinen 35 Mitschülern an einer Exkursion in das Funkhaus teil, die von unserem Klassenvorstand Herrmann Mayer organisiert worden war. Da er als Literaturbegeisterter – er war Herausgeber der „Neuen Wege“, in denen ich später meine ersten literarischen Versuche veröffentlichen durfte – uns für alles interessieren wollte, was mit Sprache zu tun hat, sollten wir auch erfahren, wie Rundfunk funktioniert und wie Theaterstücke in einem Studio aufgenommen werden. Nach einer ausgedehnten Führung durch einen Mitarbeiter sollten wir nun auch in einem Tonstudio ausprobieren, wie eine solche Aufzeichnung vor sich geht. Es hieß „Freiwillige vor!“ Ich meldete mich schließlich mit meinem Klassenkameraden Rainer, da sich kein anderer getraute. Wir wurden durch eine gepolsterte Tür in einen abgedunkelten Raum geführt, in dem ein bedrohlich großes Mikrophon von der Decke hing. Allein mit Rainer stand ich da und starrte abwechselnd auf das Mikrophon und das große erleuchtete Fenster, hinter dem ein Tontechniker an einem Mischpult saß, umringt von meinen Klassenkameraden. Über einen Lautsprecher kam die Aufforderung, mit dem Sprechen zu beginnen. Ich blicke meinen Freund an, er blickte mich an. „Du!“ „Nein, Du!“ war alles, was wir herausbrachten. Schließlich begann ich aus Verlegenheit zu lachen und mein Freund stimmte in das Lachen ein. Jedes Mal, wenn einer von uns versuchte, etwas zu sagen, begann der andere zu lachen. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Schließlich erlöste uns der Tontechniker mit einem kurzen „Danke!“ und wir verließen beschämt das Aufnahmestudio. Wohl aus Rücksicht hat uns später niemand auf diese peinliche Geschichte angesprochen. Seither saß ich, beruflich bedingt, immer wieder in einem Ton-Studio vor einem Mikrophon – erst jüngst im ORF-Linz für ein Ferninterview zur Sendung „Moment - Leben heute“ –, doch jedes Mal, wenn ich ein solches dickes, gepolstertes Mikrophon sehe, erinnere ich mich an dieses erste Erlebnis. Ohne zu lachen. 


Sabine H. Kaup: Das Radiokulturhaus

„Was? Da gehst du hin? Das hat doch keine Atmosphäre, das ist so kalt!“. Mit diesen Worten gelang es einer Bekannten, mich doch etwas zu verunsichern. Voll der Begeisterung hatte ich kundgetan, ein Konzert im Radiokulturhaus zu besuchen, welches live in Radio Wien gesendet werde. „Ich besuche das Radiokulturhaus das erste Mal“, erwiderte ich zaghaft. In Gedanken sprach ich mir Mut zu: Egal! Ich höre auch nicht immer auf ihre Kritik bei Kino- oder Theaterbesuchen! Atmosphäre war mir stets ein wichtiges Anliegen gewesen. Sollte ich es wagen? Gut, die Karte hatte ich bereits erworben, also würde ich dem Konzert beiwohnen. Es kam  d e r  Tag. Auf dem Hinweg klang mir wieder die Stimme meiner Bekannten in den Ohren. Ich wischte die Gedanken beiseite und bog in die Straße ein. Ah, hier war es ja! Der – gar nicht so imposante – Bau stand nun vor mir. Wunderbar, hier gab es auch ein kleines Café! Ich komme gerne etwas früher, um mich „einzustimmen“. So blieb genug Zeit, Platz zu nehmen und etwas zu bestellen. An dem Tisch, an welchem ich Platz gefunden hatte, saß eine illustre Runde, die sich – ebenso wie ich – erwartungsvoll auf das Konzert freute. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir in derselben Reihe sitzen würden. Wir bezahlten und betraten das Gebäude, suchten unsere Reihe und nahmen Platz. Langsam füllte sich der Saal. Ich mag es, zu erleben, wie sich eine „location“ stetig durch die hereinströmenden Menschen erwärmt. Ein Murmeln, Raunen und Lachen war zu hören. Von wegen keine Atmosphäre! Dann erloschen allmählich die Lichter, jeder Laut verstummte und  e s  begann. Mir bleibt lediglich zu sagen, dass mein erster Besuch im Radiokulturhaus nicht der letzte geblieben war und ich die Atmosphäre jedes Mal genossen habe.


Christine Hubka: Argentinierstraße 30A

„Wie heißt du?“ „Wo wohnst du?“ Im Kindergartenalter überprüfte meine Mutter alle paar Tage, ob ich über diese Fragen ordnungsgemäß Auskunft geben könne. Eine Vorsichtsmaßnahme war es. Sollte sie mich verlieren, sollte ich mich verlieren im Großstadtdschungel, hätte mich jeder Polizist den Meinen an die richtige Adresse zustellen können. Soweit ich mich erinnern kann, bestand ich diese kleinen Tests jedes Mal anstandslos. Die Adresse meines Wohnhauses war in meinem Gedächtnis fest verankert. Die zweite Adresse, die mir schon in jungen Jahren genauso geläufig war, wie meine Wohnadresse lautete: Argentinierstraße 30A. Unzählige Postkarten schickte ich als Volksschulkind in den 1950ern ins Funkhaus. Auf ihnen stand außer meiner Absenderadresse, die vielleicht doch eines Tages eine Gewinneradresse sein würde, ein einziges Wort. Das Lösungswort der sonntäglichen Sendung „Wer ist der Täter?“ Die Lösung war der Name des Täters. Jeden Sonntag saß ich gemeinsam mit dem um ein Jahr älteren Nachbarsbuben gespannt vor dem Radio. Wir hörten das kleine Kriminalhörspiel, dessen Auflösung erst in der kommenden Woche gesendet wurde. Nach der Bekanntgabe des Bösewichtes der Vorwoche wurden auch die Namen der Gewinner genannt. Aus den offenbar unzähligen richtigen Einsendungen wurden einige Karten gezogen. Welche Preise es zu gewinnen gab, weiß ich nicht mehr. Gut kann ich mich an meine Enttäuschung erinnern. Und an die felsenfeste Überzeugung, dass in der nächsten Sendung meine Lösungskarte gezogen werden würde. So schrieb ich jahrelang hoffnungsfroh und unverdrossen jeden Sonntagabend auf eine extra dafür vorbereitete Postkarte die Adresse: Argentinierstraße 30 A und warf Montag früh sie am Weg in die Schule ins Postkastel. Gewonnen habe ich nie. Jahrzehnte später erzählte ich unter dem Titel „Wer ist der Täter?“, eine Woche lang in den „Gedanken für den Tag“ biblische Kriminalgeschichten in Rätselform. Aufgenommen wurden sie im Haus mit der vertrauten Adresse Argentinierstraße 30A.


Michael Burgholzer: Vielleicht

Vielleicht ist das Funkhaus ja in Wirklichkeit ein Funkenhaus, in dem die Funken sprühen, ein Funkensprühhaus also, und vielleicht sind diese sprühenden Funken schöne Götterfunken, zumindest für die Gläubigen unter uns, für die Ungläubigen seien es eben schöne Weltenfunken, die genau so große Freude auslösen unter den Töchtern und Söhnen des Elysiums, die groß in der Hymne, eingebettet in ihre Heimat, besungen werden, dieser unserer Insel der Seligen, vielleicht ist das Funkensprühhaus das Elysium selbst, das wir feuertrunken betreten, obwohl wir schon ewig in ihm und mit ihm sind, ohne es zu wissen, vielleicht sind das Betreten und das In-ihm- und Mit-Ihm-Sein ein- und dasselbe, und wenn es denn so ist, dann sollten wir uns keine Mühe geben, das Elysium an einen andern Ort zu rücken, denn es ist unverrückbar, soviel ist gewiss.

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