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Sabine Scholl: Die Füchsin spricht.


Leseprobe:

Was heulst du?
Weiß nicht. Das ist wie ein Wasserfall, eine flüssige Wand. Es rinnt einfach...
Kikis lange Wimpern fangen Tränen.
Bind dir doch die Haare zusammen!
Nein, lass mich! Das sieht nicht gut aus. Ich brauche die im Gesicht.
Mach die Haare zurück! Das ist schlecht für deine Haut. Dieses scharfe Mittel, mit dem du färbst. Viel zu schwarz!
Aber ich nehme Tabletten gegen Unreinheiten.
Sie knallt die Tür zu, damit Toni merkt, dass sie nicht reden will. Dreht den Schlüssel im Schloss.
Kiki, ich komm rein.
Geht nicht. Zieh mich gerade an.
Kiki, es ist bereits Mittag.
Lass mich! Ich habs doch geschafft, mein Abitur. Sogar mit Erfolg.
Ich komm rein.
Nein!
Kiki steht vor dem Kleiderschrank und kann sich nicht entscheiden. Hose oder Rock. Bluse oder Pulli, schwarz oder schwarz. Steckt die Stirnfransen mit Spangen hoch, betrachtet ihr Gesicht. Rote Flecken, schuppig flockige Haut. Sie cremt, das Rot wird stärker, Pusteln, sie taumelt zurück, schiebt eine Schlafbrille über die nassen Augen, wirft sich aufs Bett.
Kiki, lass mich rein!
Nein.
Toni drückt kurz die Klinke, gibt dann auf. Zieht sich zurück an den Schreibtisch, krempelt langsam die Ärmel ihrer Bluse hoch. Kämmt das weißblonde Haar mit den Fingern zurück, dreht die Strähne, verstärkt die Spannung, windet das Haar zu einem Knoten, befestigt ihn mit einem Bleistift im Nacken. Rutscht auf der Sitzfläche des Stuhls, sicht die richtige Haltung. Eine, die dem Rücken nicht schadet.
Sie muss eine Bewerbung schreiben, mit dicken Linien ihre Vorzüge unterstreichen, mit Großbuchstaben die Aufenthalte im Ausland herausheben. Worte finden, ihre bisherige Arbeit mit den Anforderungen des Jobs zwangsläufig überzeugend zu verbinden. Die Belüftung des Laptops surrt. Die Mülltonnen im Hof klappern. Sie zählt Leerflaschen mit, die klirrend in den Altglasbehälter krachen, und gibt bei der dreiundzwanzigsten auf. Aus Kikis Zimmer dröhnt Gesang.
This is a weeping song. Nick Cave? Die Gesänge bilden Zeitschleifen, Knoten, die sich nicht lösen. True weeping is yet to come.
Als nichts aus ihnen fließt, nimmt Toni ihre Fingerspitzen von der Tastatur. Starrt auf die leichten Wellen des blauen Bildschirmhintergrunds. Findet keine Worte. Schnappt ihre Schlüssel. Muss sich bewegen.

Zu Hause zeichnet Kiki die Tränen auf ihrer Wange mit einem schwarzen Schminkstift nach. Greift zum Handy, fotografiert, überträgt das Bild in den Rechner. Vergrößert, zerschneidet die Aufnahme, bis nur ein Flecken Haut bleibt mit schwarzer Schmiere in Tropfenform. Stellt ihr Werk ein, wartet, schaut zur Seite. Schnieft, schaut in den Spiegel.
Ping. ein erstes like, Rosie, ihre beste Freundin, wie immer online.
Ping. ihr Kommentar,
what's up?
Kiki antwortet nicht, offenbart bloß einen winzigen Ausschnitt ihrer selbst.

Toni inzwischen auf der Parkbank, in der Nähe des Spielplatzes, in den Händen das Telefon. Von der Tochter entfreundet, kann sie lediglich die banalsten Meldungen einsehen, die Kiki versendet. Videos von Menschen und Tieren, die sie nicht kennt, wahllos aus dem Pool von Millionen Hoffnungen auf Aufmerksamkeit gegriffen. Während die Kleinkinder auf der Rutsche nach Mama schreiben, streicht Toni über das Display auf der Suche nach schriftlichen Aussagen, an die sie sich halten könnte. Etwas, das Kiki von sich gibt, Signale, die die unsichtbaren Fäden berühren, welche sie mit der Mutter verbinden.

Dann piepst das Telefon, eine Nachricht. Toni hofft, dass Kiki sich versöhnen will.
Liest stattdessen:
Hi, erwarte dich, zwischen
eins und halb vier. Fritz

(S. 6-8)

© 2016 Secession Verlag für Literatur, Zürich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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