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Wolfgang Pennwieser: Ich und Vater.

Roman.
Wien: Czernin Verlag 2016.
189 Seiten; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-7076-0571-6.

Autor

Leseprobe

Der Verlauf einer Schwangerschaft gliedert sich in drei Abschnitte, die medizinisch „Trimenon“ genannt werden. So bezeichnet Wolfgang Pennwieser auch die Hauptstränge seines Romans, der als Bericht an das ungeborene Kind zu lesen ist und wenig überraschend aus Schwangerschaftswochen (SSW) besteht. Diese folgen mehrheitlich einem Hauptthema, zum Beispiel: „9. SSW – Wir sind müde“, „21. SSW – Katastrophenmeldung“ oder „33. SSW – Betty ist krank“. In diese Erzählteile integriert sind eine Reihe von weiteren Aspekten, die den wortreich vor sich hin fabulierenden Ich-Erzähler im Zusammenhang mit Vaterwerden und Kindbekommen mehr oder weniger beschäftigen oder gar in Aufregung versetzen.
In diesen teilweise mit beeindruckender Empathie geschilderten Passagen geht es nicht bloß um die Sorgen eines sich bislang eher als „Antifamilienmensch“ verstehenden Mannes ohne sicherem Einkommen und um die immer brennender werdende Frage, „was kommen wird, wie es kommen wird, was passieren kann“. Hier werden auch Ängste formuliert: vor einem „durchgeplanten Kleinfamilienleben“ oder vor dem Umstand, so zu werden wie „diese Arschlöcher, (...) die ihre Kinder anbrüllen, sie mit Süßigkeiten bestechen, (...) ihnen Schuldgefühle machen und ihre Erwachsenenposition ausspielen“, wo eine Neigung, „ungeduldig, schnell entnervt, mitunter cholerisch (...) und vor allem schwach“ zu werden auch beim parlierenden Protagonisten unverkennbar existiert.
Dementsprechend lässt es sich nicht verhindern, dass er mit seiner Gefährtin in „eine verzwickte Arbeit-Vater-Mutter-Kind-Karriere-Diskussion“ gerät. Er peckt auch auf Menschen hin, die „Kaffee aus Pappbechern trinken und sich super vorkommen dabei“, echauffiert sich über den „Wollsocken-im-Sommer-Typ“ und zieht über die Zusatzversicherung her, die nur dem „Primarius (hilft), der den Großteil des Geldes einsackt“.
Im Verlauf seiner teils witzigen, mitunter ironisch aufgeladenen, hin und wieder recht ernsthaft geführten Schwadroniererei macht er sich aber auch bewusst, dass er der „Lebensgefährte-einer-erfolgreichen-Frau-der-die-Kinderbetreuung-übernimmt-Rolle“ kaum entkommen wird, wo er doch eher nicht zu jenen Männern gehört, welche „für die finanzielle Versorgung der Familie die Hauptverantwortung“ tragen wollen. Das lässt ihn kurzfristig in einem „subdepressiven, antriebsverminderten, testosterongeschwächten Zustand“ versinken. Und weil er auch noch findet, dass er sich „zwischen Wohnungssuche, Autokauf, Kinderwagenkauf, Paartherapie, Ultraschalluntersuchungen und Bankterminen nicht mehr erholen“ kann, glaubt er gar „ein Vaterwerdenburnout“ zu haben.
Natürlich ist es für jemanden wie ihn, der trotz mehrjähriger Beziehung zu Freundin Betty seine eigenen vier Wände nie aufgegeben hat, schwer, sich vom bisherigen Leben zu verabschieden. Es bedarf einiger „Trauerarbeit“. Glücklicherweise steht ihm eine verständnisvolle Partnerin zur Seite, die ihn nicht nur für „sehr fürsorglich“, „unglaublich liebevoll“ und „sehr zärtlich“ hält, sondern sich von Anfang an hat vorstellen können, gemeinsam mit ihm ein Kind großzuziehen. Das beflügelt natürlich. Und dann ist die drei Jahre ältere Betty auch noch auf dem Land aufgewachsen und im Gegensatz zu ihm, dem „Innenstadtneurotiker“, alles andere als „verweichlicht und verwärmt“. Sie ist eine richtig „harte Nuss“, geht „ins fünfzehn Grad kalte Meer schwimmen, verwendet im Winter weder Handschuhe noch Mütze (...) und springt im Sommer in die Brennnesseln, weil es gesund ist“. Mit ihrer Unterstützung verlieren jegliche Überlegungen, in denen er sich ein "Wir drei" kaum vorstellen kann, geschweige denn wie „das funktionieren wird“, ihr belastendes Gewicht.
Dennoch schaffen es Skepsis und Ungewissheit hinsichtlich der bevorstehenden neuen Lebensphase bis zum Schluss immer wieder, den Gefühlshaushalt der beiden in Unordnung zu bringen. In solchen Momenten zweifelt er dann wieder ausgiebig an seinem Vatersein und sie an ihrem Muttersein. Und gemeinsam zweifeln sie am Eltern- und Paarsein.
Aber all diesem Zweifeln zum Trotz tauchen in diesen drei „Trimenons“ auch Phasen des Glücks und der Freude auf. Dementsprechend erhält die Adressatin (das ungeborene Kind) sehr gefühlvolle Mitteilungen. Sie machen vertraut mit „Familiengründungsanspannung“ und „Vaterwerdenpanik“, mit „Ratgeberliteraturwahrheiten“ sowie Ansichten zu Liebe, Kind und Beziehung. Bereitwillig gibt der knapp über dreißigjährige Mann Auskunft über seine Innenwelt. Man erfährt so einiges über Dinge, die den Prozess des Hineinwachsens in die neuen Aufgaben begleiten: Er vergleicht die Rollenbilder seiner Eltern von damals mit den seinen von heute. So ist sein Vater rauchend vor dem Kreißsaal gestanden, während er sich gewissenhaft darauf vorbereitet, „ein stiller, freundlicher Begleiter“ der Geburt zu sein. Er analysiert allerlei Klischees, auf die er während seiner Lektüre von Frauen- und Elternzeitschriften, Broschüren und Büchern zum Thema gestoßen ist. Er setzt sich mit der Schwangerenindustrie auseinander, gelangt dabei vom Kinderwagen über das Babyfon zur Vorsorgeuntersuchung, deren einzigen Zweck er in der „Befundproduktion“ zu erkennen glaubt. Und streift zu guter Letzt noch die Bildungspolitik, wo er den Umstand, dass der Unterricht an Schulen um acht Uhr beginnt, als „bildungspolitischen Blödsinn“ diagnostiziert, zumal Kinder „erst am späten Vormittag richtig aufnahmefähig“ sind, wie Experten festgestellt haben.
Derlei geistreiche Bemerkungen finden sich neben kleinen Rückblenden in die Vergangenheit, zeitweiligen Auseinandersetzungen mit den Erfahrungswerten des besten Freundes Stephan, der bereits zwei Kinder hat, und der feinsinnigen Darstellung einer jenseits von „Glückseligkeitsgeheuchelei und Schwangerschaftswohlfühltheater“ angesiedelten Zweierbeziehung im temporeichen Fahrwasser der sich immer schneller nähernden Geburt. In Summe ergeben die briefähnlichen Mitteilungen und Betrachtungen einen Roman, der ein vergnügliches Leseerlebnis garantiert.

Andreas Tiefenbacher
25. April 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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