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Wolfgang Pennwieser: Ich und Vater.


Leseprobe:

Ich will nicht der Typ Vater sein, den du kaum siehst und nicht kennst und der am Samstagvormittag und im Urlaub fragt, ob er bitte mitmachen darf. Was soll denn das? Ich werde da sein, das verspreche ich dir, ob du willst oder nicht. Willst du das eigentlich? Willst du einen Vater haben, der viel da ist? Oder willst du einen Vater haben, der dir viel kaufen kann? Oder ist das gar kein Widerspruch, geht beides? Und umgekehrt? Wenig da sein heißt nicht automatisch, dass man viel Geld verdient – und was ist viel Geld? Wie viel werden wir brauchen? Mehr als jetzt, klar. Aber wie viel mehr, das Doppelte?
Was kosten etwa Windeln und wie oft muss man sie dir wechseln und wie lange wirst du Windeln tragen und sollen wir Stoffwindeln oder Industriewindeln verwenden und wie ist das mit der Windelallergie? Abgesehen davon muss ich für mich noch die Frage klären: Will ich Karriere machen? Nein, sagt mein Bauch. Was ist eigentlich Karriere? Einen dunklen Audi A6 Kombi als Firmenwagen fahren und dreimal so viel wie mein Friseur verdienen? Immer ein unaufhörlich blinkendes, dafür aber das neueste Smartphone in der Tasche? An fünf Tagen pro Woche einen Anzug tragen, am Wochenende stündlich E-Mails abrufen, unbeschränkt der Firma zur Verfügung stehen, sind das Kennzeichen einer Karriere? Da mache ich lieber auf gemütlich.

(S. 71)


Wenn zwei zusammenkommen wie Betty und ich, die beide ganz gern arbeiten – Betty sicher ein bisschen lieber als ich – und auch gerne bei dir sein wollen, wird es schwierig. Betty arbeitet nach wie vor, obwohl es aufgrund ihrer Übelkeit sehr beschwerlich ist. Sie fährt auch inzwischen nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit, sondern mit dem Bus. Das meiste erledigt sie aber derzeit von zu Hause aus – Home-office –, bis es ihr wieder besser geht. Sie mag ihren Job und sie ist gut darin. Im Gegensatz zu mir ist sie eine von den Unentbehrlichen in der Firma. Vielleicht fiel deshalb die Freude ihrer Kollegen und ihres Chefs über ihre Schwangerschaft etwas verhalten aus, das ärgerte Betty. Sie sagte es zwar nicht so, aber an der Art, wie sie es erzählte, wurde es deutlich. Sie versuchte möglichst sachlich zu bleiben: „Der Chef hat mir alles Gute gewünscht und mir jede Art von Unterstützung für den Wiedereinstieg angeboten. Als Witz meinte er, ich könnte auch erst mal nur eine Stunde pro Woche kommen und das Baby gleich mitnehmen. Ist das nicht nett?“ Klar ist das nett. Erwartet hätte sie sich aber etwas anderes. Gleich vom Wiedereinstieg zu sprechen hat nicht gepasst, wo die Firma so etwas wie eine zweite Familie für sie geworden ist. Architektur schweißt zusammen. Nicht selten war sie knapp vor einer Projektabgabe bis drei Uhr morgens im Büro und mit ihr die gesamte Belegschaft. Da zogen alle an einem Strang, meint Betty und ist stolz auf diesen Teamgeist. Mit den Kolleginnen ging sie nach Feierabend zum Yoga und am Wochenende traf sie sich oftmals mit ihnen zum Essen.
Ich bin der Meinung, dieses Teamgeist- und Familiengetue ist ein geschickter Schachzug des Chefs, mit dem er die Truppe bei der Stange hält. Betty sieht das nicht so, sie glaubt, besonders großes Glück zu haben, bei dieser Firma untergekommen zu sein. Es ist aber genau das Gegenteil der Fall, die Firma hat Glück. Womöglich hat Betty mittlerweile erkannt, dass Geschäft eben Geschäft ist und nicht Familie. Im Geschäftsleben wird nach anderen Regeln als in der Familie gespielt. Auch wenn sich alle lieb haben und gut verstehen, wird ein Job immer nur ein Job sein, sagte ich heute wieder zu Betty, insgesamt wohl schon das hundertste Mal. Ihre Überstunden bis spät in die Nacht gehen mir nämlich gehörig auf den Keks. Betty wirft mir dann fehlendes Engagement vor und meint, dass ich nicht von mir auf andere schließen soll, denn Teamgeist und Zusammenhalt sind im Job möglich. Wie weit es damit her ist, durfte sie jetzt erfahren. Ich glaube, sie hatte erwartet, dass die Kollegen zuerst fragen, wie es ihr geht mit der Schwangerschaft, und das Kapitel Wiedereinstieg außen vor lassen. Auch deshalb, weil wir nicht wissen, wie wir uns nach der Geburt beruflich ‚aufstellen‘, ist diese Thema aktuell schwierig. Im Untergrund rumort es, bisher konnten wir es aber noch elegant umschiffen.

(S. 75-76)

© 2016 Czernin Verlag, Wien

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