Daniel Wisser: Kein Wort für Blau.

Erzählungen.
Wien: Klever Verlag, 2016.
114 Seiten; gebunden; Euro 14,90.
ISBN 978-3-903110-06-9.

Autor

Leseprobe

Unter dem Titel „Kein Wort für Blau“ legt Daniel Wisser knappeste Erzählungen vor, von denen keine mehr als eine Seite umfasst, die meisten sind eine halbe Seite kurz, die letzte (Der siamesische Einling) besteht gar nur aus zwei Sätzen. Die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns, so könnte man zusammenfassen, ist das Thema dieser zum Teil wie Zeitungsartikel aufgebauten Texte. Was zu Beginn nach Denkwürdigkeiten an außergewöhnliche Leistungen klingt, driftet sehr rasch ins Absurde ab und endet zumeist in einer realen oder zumindest emotionalen Niederlage.

Die Ausgangsposition der Begebenheit wird klar umrissen, der Name der handelnden Person, Ort und Datum des Geschehens werden genannt. Daniel Wisser spielt mit der Erwartungshaltung der Leserin, die auf ein besonderes Ereignis eingestimmt wird und sich fragt, ob sie etwa die zitierten Personen kennen sollte. Nonchalant streut der Autor zwischen leidlich bekannte Namen wie Robert Wilhelm Bunsen, Joseph Hardtmuth und Guglielmo Marconi einen Handelsreisenden namens Kaltenblut, den Waffelhändler Leppänen oder den Önologen Scheidl ein. Viel wichtiger als die Wahrheitsfindung ist aber die Tatsache, dass die Erwartung schnell enttäuscht wird: Die zitierte Person geht nicht mit großartigen Erfolgen in die (wirkliche oder fiktive) Geschichtsschreibung ein, im Gegenteil, ein Versagen, ein Ungeschick, ein Ungemach bringt die eingeschlagene Laufbahn, die zu Großem hätte führen können, ins Wanken. Schon nach wenigen Zeilen entwickelt sich die realistisch gezeichnete Situation ziemlich fragwürdig: Ein Drechslergeselle verdient sich seine Wanderreise von Wien nach Paris durch den Verkauf von Ansichtskarten seiner üppigen Beinbehaarung (Ansichtskarten) und das Verschwinden der Mona Lisa aus dem Louvre wird mit dem Steigen des Butterpreises in eine unerklärliche Verbindung gebracht (Hitze). Das Schlimmste jedoch, was vielen der handelnden Personen passiert, ist die Interesselosigkeit, mit der ihre Unternehmungen gestraft werden. Die Expedition des deutschen Forschers Ludwig Leichhardt (siehe Leseprobe), die auf ihrer Durchquerung Australiens nie ans Ziel kam, wird keineswegs dramatisiert, sondern erscheint absolut hinfällig, weil niemand sich für dieses Projekt und auch nicht für dessen Folgen interessiert. Sich selbst oder andere mit ehrgeizigen Zielen zu überfordern zieht stets die Nichtachtung nach sich. Selbst Unbekannte, wie ein nicht näher benannter „Schmidt“, dessen Fähigkeit sich unsichtbar zu machen kaum auf Gegenliebe stößt (Agent), müssen diese Erfahrung machen. Neben Philosophen, Forschern, Schriftstellern und Architekten treten Handwerker, eine Hellseherin, ein Tubist, ein Fernfahrer für einen kurzen Augenblick ins Rampenlicht, um schon nach wenigen Sätzen zu scheitern. Sie erscheinen im Fenster einer Geschichtsschreibung, die vom Autor auf den Kopf gestellt wird. Der Nobelpreisträger Guglielmo Marconi wird hier keineswegs als Pionier der Funktelegrafie vorgestellt, sondern mit einem lächerlichen Misserfolg, der auf das zeitgenössische Unverständnis und das Misstrauen gegenüber technischen Neuerungen zurückzuführen ist.

Ob Daniel Wisser nun die Geschichtsbücher durchforstet hat, um auf solche Missgeschicke großer Helden zu stoßen oder ob er nur zufällig über dergleichen gestolpert ist, ob ein Teil dessen pure Erfindung ist und nur der Untermauerung seiner Sichtweise dient, können wir nicht wissen und es spielt auch keine Rolle. Tatsache ist, dass der Autor unser Augenmerk auf das „Unter dem Fußboden“ Verborgene lenken will und zwar „Zurzeit nur für immer“, und dass selbst berühmte Dichter „Kein Wort für Blau“ finden – so die Überschriften zur Ordnung der Texte. Immer ist es das Versagen einer Person, die Vergeblichkeit eines Tuns, eines Ziels und die Auflösung eines Projekts ins Nichts, die Auslöschung durch das Vergessen, um die es geht. Daniel Wisser erinnert nicht an die Großartigkeit der Menschheit, sondern an die Fehler im System, wie er es schon in seinen beiden Romanen „Standby“ und „Der weiße Elefant“ getan hat. Die Menge seiner Protagonisten sind Verlierer, die aus der Bahn des Lebens geworfen werden, ein Thema, das in dieser Ansammlung von Kuriositäten ins Absolute potenziert wird.

Beatrice Simonsen
4. Mai 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.