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Funkhausanthologie 19. Woche 2016


Beiträge 211-220

von: Walter Leitner, Peter Wawerzinek, Christine Tippelreiter, Elke Papp, Andreas J. Obrecht, Beatrix Kramlovsky, Annemarie Moser, Herbert Christian Stöger, Hannah Sideris, Rudolf Habringer


Walter Leitner: Das Notenarchiv fährt Blumenrad
In memoriam Brigitte Lapanja und Thaddäus Ehrenreich

Es begab sich an einem Sommertag Ende der Neunziger, an einem Tag, an dem wir keine Faxe verschickten, keine Orchesterstimmen zählten, keine Leihmaterialbestellungen tippten und unserer Kopiermaschine ein Tacet verordneten. Stattdessen saßen wir, Brigitte Lapanja, Norbert Balzer, Thaddäus „Teddy“ Ehrenreich und ich in einem Schanigarten auf der Praterstraße, wo die Altspatzen für mich Geschichten zum Besten gaben. Diese Geschichten spielten in jener fernen Märchenepoche, da sich der ORF eine Bigband leistete, einen Chor und ein Notenarchiv, das mit vier Vollzeitangestellten besetzt war. Die Altspatzen orakelten, dass diese Zeiten wohl endgültig passé sein würden, und sie sollten recht behalten. Nach ihrem Abgang wurden nicht nur ihre Posten „kassiert“, nein, sogar über die Auflösung des Radio-Symphonieorchesters wurde nachgedacht – anfangs laut, nach heftigen Protesten leiser. Wir aber wollten uns an diesem schönen Sommertag von solchen Aussichten nicht die Stimmung vermiesen lassen. Lieber schlenderten wir in den Wurstelprater, wo ich meine Veteranen zu einer Fahrt im Blumenrad überreden konnte. Mein Gott! Das Blumenrad! So etwas Verrücktes! Sie schwärmten noch Monate später von diesem wunderbaren Betriebsausflug. Es sollte das erste und das letzte Mal gewesen sein, dass ich sie alle auf einen Fleck beisammen hatte. Brigitte Lapanja erlag bald darauf einer schweren Krankheit, Thaddäus „Teddy“ Ehrenreich, der Gründer der gleichnamigen Bigband, folgte ihr vor einigen Jahren, und Norbert Balzer ist längst in Pension. Als um die Jahrtausendwende zusätzliche Verkaufsfläche für den ORF-Shop gesucht wurde, kam jemand auf die glorreiche Idee, dafür den angrenzenden Kopierraum des Notenarchivs heranzuziehen. Die Verbindungstür zwischen Kopierraum und Archiv wurde zugemauert,  die frei gewordenen Quadratmeter kurzerhand dem Shop zugeschlagen. Seither ist das Archiv noch beengter, und die arme Kopiermaschine fristet in einem schmalen Vorzimmer ihr kümmerliches Dasein. Wir lernen: Ist das Skalpell einmal gezückt, gibt es kein Halten mehr! Wie unter Zwang wird solange geschnitten und amputiert, bis nichts mehr übrig ist: Bigband, Chor, Notenarchiv – schließlich das ganze Haus. Und was sagen Brigitte und Teddy dazu? Vermutlich nichts, sie haben ja diese Entwicklung vorausgesehen. Wie ich sie kenne, schütteln sie halb amüsiert, halb verdrossen die Köpfe, wünschen ihrem Norbert alles Gute, steigen in die Gondel und drehen noch eine Runde. 


Peter Wawerzinek: Warum ich lieber schreibe als rede

Ich weiß noch, wie sie sich zu mir setzt und auch eine schöne kurze Weile neben mir aushält, mich ins Vertrauen zieht, mich zu meinem Vorhaben fragt, ein Bücherwurm oder Ohrwurm werden zu wollen. Und mich dann zwischen dem Interview für ein bisschen meschugge und noch nicht ganz komplett durchgedrehten Typen erklärt, im Vertrauen gesagt, nach dem ich ihr die Absicht gegenüber als real und erstrebenswert bestätige. Ich weiß nicht warum sie mich im Weggehen unflätig anschreit, einen Schlappschwanz schimpft. Ich weiß nur, dass wir früher ein Paar waren, auch das nur kurz und heftig. Ich spreche in ein Mikrophon. Nein, das ist wirklich lustig, ausser dass einem die eigne Stimme unbekannt albern hoch vorkommt, man sie kaum ertragen kann. Geht doch allen so. Selbst Rundfunkansagern. Ich zeichne meine Selbstgespräche auf, höre mir den Mitschnitt aber nicht an. Hebe die Aufnahmen auf. Für später, sage ich mir, obwohl ich weiss, dass ich später nicht den Mut haben werde, mir die alten Aufnahmen anzuhören. Ich werde sie liegen lassen wie man Wein ablagert, dass er besser werde dadurch. Ich schreibe einen Teil meiner Gedanken in Tagebüchern nieder und werde sie später dann wohl auch nicht lesen.


Christine Tippelreiter: Radio, Radio, Radio.

In den Fünfzigerjahren zogen die Eltern mit uns Kindern in ein altes Haus. Damals. Es war ein baufälliges Haus, ein Haus ohne Wasser und ohne Strom. Aber es war unser Haus. Das erste, was meine Eltern ändern ließen, es wurde elektrischer Strom eingeleitet. Endlich. Und damit funktionierte auch unser altes Radiogerät wieder. Ein Röhrenapparat. Der Apparat stand über dem Esstisch in der Küche auf einer kleinen Konsole. Im Mittelpunkt. Das Radio wurde nur zu bestimmten Zeiten aufgedreht. Nachrichten hören etwa. Und dann wurde wieder ausgeschaltet. Strom war kostbar und teuer. Als ich etwa Zehn war, konnte ich das Radioprogramm lesen. Selbstständig. Ich strich mir die Sendungen an, die mir gefielen. Mit Rotstift. Da waren Hörspiele im Programm, Hörspiele für Kinder. Eine neue Welt tat sich auf. Die Sendungen waren so interessant, dass ich auf den Tisch stieg. Am Lautsprecher klebte. Keiner durfte mich stören, niemand konnte mich unterbrechen. Jedes Wort wollte ich hören. Die Hörspiele für Erwachsene interessierten mich immer mehr. Eine eigenartige Faszination. Die meisten Hörspiele waren mit Musik und Klang untermalt. Die die Wirkung steigerten. Meinen Eltern kam es unnütz vor. Das Kind auf dem Küchentisch, es lauschte gespannt. Sie fragten mich öfter. Hast du nichts Gescheiteres zu tun? Ich sog diese fremde Welt in mich auf. Sie gefiel mir sehr gut. Es waren die Worte, wie sie eingesetzt wurden. Wie sie aneinandergereiht waren. Als ich dann selber zur Feder griff und Literatur verfasste. Ob sie nichts Besseres zu tun hat? Dann meine ersten Erfolge als Autorin. Meine Eltern waren stolz auf mich. Das Radio öffnete Tore in eine andere Welt. Radio hören zahlt sich aus.


Elke Papp: Es funkt!

Was alles muss eine sich im Laufe der Zeit anhören. Inmitten von all dem das Radio ... geborgenste aller Geräuschwelten ... „Autofahrer unterwegs” als Kind bei der alten Nachbarin, die noch nie selber Auto gefahren war, die mit ihrer „Hermi” in der Küche saß, Most trank und Karten spielte, während Hermis Dackel schlief oder jemanden in die Wadeln zu beißen versuchte. Radio, das waren Arien aus dem ewigen Arkadien und die Hitparade im elterlichen Auto, bis die Hits schließlich immer wieder kopfschüttelnd weggeschaltet wurden. Radio, das war der „Schalldämpfer”, als Ö3 noch ungedämpft gehört werden konnte, mit dem älteren Bruder, eine frühe gemeinsame Wellenlänge, später erst auf Differenzfrequenz unterwegs. Der „Guglhupf” am Sonntag, der mit dem Großvater nicht angehört werden durfte, auch wenn er am Sonntag immer einen frischen am Tisch haben wollte, weil er sonst die Rosinen auf das Radio geschossen hätte, seine süßen, braunen Geschosse. Die Radiowellen trugen sie in andere (bessere!) Welten. Immer noch tun sie das. Wenn anderswo der Traum von besseren Welten längst ausgeträumt scheint. Ö, dieser seltsame Laut, der im Radio soviel verspricht, den soviele auf anderen Wellenlängen nicht aussprechen können. Der Name dieses Landes aus Wort, Klang und Gesang zwischen der Argentinierstraße und der Taubstummengasse. War da nicht auch noch ein oranges Radio, in dem die Freundin sich für eine Weile als Radiomacherin versuchte, neben anderen auch sie und ihre „grauenfruppe” interviewte, bevor sie dann doch zur Zeitung wechselte, die Freundin, an die sie immer bei „Im Gespräch” mit der wunderbar wort- und weltgewandten Renata Schmidtkunz denken muss, weil auch sie eine Frau der unversiegbaren Fragen ... Ö1, Radio der Frauen, der Freundinnen, die, als sie noch nicht von der Familie, der Arbeit, den vielen Ausbildungen ... aufgesaugt wurden, ihren Tag nach dem Radio ausrichteten. Gedanken für den Tag, die eine wirklich in den Tag mitnahm, die nicht sogleich im Morgengeschrei versickerten, Radiokolleg, Radiogeschichten ... waren das noch Vormittage! Und auch das Leben der Natur hatte eine dank Ö1 ins städtische Herz geschlossen. Auch so manche Männer entpuppten sich als wahre Radio ... welches Tier eignet sich hier zum Vergleich ...? Konsequente Radiogebührenverweiger, die dafür den Sender gebührlich mit Lob und Kritik bedachten (anonym versteht sich!). Nicht vergessen die Jahre, in denen sie den Ö3 Wecker über sich ergehen lassen musste, das einzige, was den Ex irgendwann doch aus dem Bett in die Arbeit trieb. Jetzt schläft sie als Auslandsösterreicherin mit dem Mann ihrer Träume irgendwann mitten im „Salzburger Nachstudio” über „globalisierte Ängste” ein, aber sie können es dank „7 Tage hören” morgen ja nochmals versuchen. Dass sie einmal Ö1 am Computer an/nachhört findet sie immer noch irgendwie unerhört ... Soviele menschliche Stimmen sprechen ihr Mut zu, wenn ihr vor lauter globalisierten Ängsten die Menschlichkeit abhanden zu kommen droht .... Wort, Klang, Gesang ... „Menschenbilder”, „Tonspuren”, „Zeitton”... Da fällt ihr ein anderer Zeitungsschreiber ein, jetziger Mann der ehemaligen Radiomacherin, die sich vielleicht sogar beim Radiomachen ineinander verliebten?, der jedes “Diagonal” (damals noch nur für ZeitgenossEN) auf Kassette aufnahm, bis seine kleine Wohnung unter dem Kassettenturm zusammenbrach. Und sie hatte sich derweilen per Email ins „Ex libris” eingeschlichen und durfte eindringen in dieses Land aus Wort, Klang und Gesang zwischen der Argentinierstraße und der Taubstummengasse ... Auf Ö1 (BE)SPRECHEN, gehört werden und sich selbst im Radio hören mit Herzklopfen, als wäre es eine Liebeserklärung. Und das war es. Das ist es. Es funkt, ja, es funkt nur so, es funkt noch immer und wie es funkt!


Andreas J. Obrecht: Im Studio AR1-1 – Gäste und Idealtypologien

Seit September 2004 moderiere ich – ein ansonsten im Wissenschaftsbetrieb tätiger habilitierter Soziologe – etwa zwei- bis dreimal im Monat die Ö1-Live-Sendung „Von Tag zu Tag“. In der Sprache der soziologischen Methode stellt eine jede Sendung auch ein exploratives Ausloten von Merkmalsräumen dar und ähnlich wie in der Sozialwissenschaft lassen sich hinsichtlich dieser Selbstrepräsentationen des jeweiligen Gastes Idealtypen formulieren, von denen einige hier kursorisch vorgestellt werden: da gibt es die Medienprofis, die unaufgeregt, eloquent, didaktisch geschult auch bei den kompliziertesten Themen die Inhalte druckreif darlegen und dabei auch stets biographische Episoden einstreuen, die die Aufmerksamkeit gegenüber der eigenen Person steigern und die Abhängigkeit des jeweils Erkannten von der eigenen Leistung belegen sollen; da gibt es die medial ungeschult Schüchternen, die teilweise – insbesondere vor Sendebeginn – sehr aufgeregt sind und mit Versagensängsten zu kämpfen haben, nicht nur weil die Situation für sie ungewohnt ist, sondern weil sie die öffentliche Darstellung von Wissensinhalten mit unangenehm empfundenen Leistungsnachweisen in Verbindung bringen; da gibt es auch die Vielredner, aus denen die Worte nur so heraus sprudeln, die man – sind sie einmal in Fahrt geraten – nur mit Mühe stoppen kann, und die sich dann auch regelmäßig thematisch verlieren, sozusagen „vom Hundertsten ins Tausendste“ kommen; da gibt es die Altruisten, die jedes Thema und jedes Wissensgebiet nutzen um an das Gute im Menschen und den „kategorischen Imperativ“ zu appellieren, gerne Untergangsszenarien ausmalen, um dann mit gebotenem Eifer zu kommentieren, dass es „nie zu spät“ sei und die Menschen noch auf den richtigen Weg in die Zukunft geführt werden könnten; da gibt es die Narzissten beiderlei Geschlechts, die jedes Gespräch, gleich in welcher Öffentlichkeit – und so auch im Radio –, zur Inszenierung ihrer „besonders interessanten“ Persönlichkeit umfunktionieren; da gibt es die Stillen, denen man mit Bedacht Aussage um Aussage entlocken muss und die oft den Eindruck machen als wäre zwar ihr Körper, nicht aber ihre Seele im Studio AR1-1 angekommen; es gibt die, die sich stets auf „Objektives“ berufen, auf wissenschaftliche Studien, Statistiken, Beweise, religiöse Gewissheiten oder sakrosankte Lehrmeinungen und damit implizit den Gegenstand des Gesprächs weit von der eigenen Person und den eigenen Lebenserfahrungen rücken möchten; und es gibt auch die, die in unprätentiöser Einfachheit Lebenserfahrung und Wissensinhalte miteinander verbinden, gleichsam aus dem Vollen ihrer Neugierde gegenüber der Welt, aber auch aus dem Wissen der Begrenzung eines jeglichen Wissens schöpfen und das in einer Weise zu vermitteln verstehen, die jedenfalls die Mehrheit der Zuhörer fasziniert und zum Reflektieren anregt.


Beatrix Kramlovsky: ERSTKONTAKT

Frühsommer 2002: Betreten des Funkhauses, zum ersten Mal eingeladen in ein Büro. Erinnerung an das, was man mir sagte, zurief, erklärte. Ein Hörstück: Kommen’S mit, ich hab mir da nämlich was gedacht, das müssen’S hören. Weil zu der G’schicht tät das passen.  Nein, nicht die mit den Schmetterlingen und dem Tod, sondern die vom Ehering und den Löwen.  Ja, wir nehmen beide, das geht sich gut aus mit der Sendezeit, auch mit der Musik dazwischen. Setzen’S die Hörer auf, ja so, genau. Na, was sagen’S? Ein toller Effekt. Tatsächlich? Der WDR hat Ihnen mit Jazzigem einmal hineingefunkt? Nein, die Stimme können’S nicht auswählen, aber ich hab schon die Richtige. Genau. Da sind wir auf einer Linie. Das macht richtig Spaß, gell? Nett war das. Jetzt, wo wir uns kennen, könnt ja was draus werden. Gehn’S einfach da raus, da finden’S gleich runter und wo es rausgeht. Mahlzeit! Jö schau, i kenn Sie do vom Dorf! Von die Kinda! Jo, i oabeit in da Buchhaltung do. Na is des neeeett. Dann werd i boid über Ihnan Namen im Büro drüba stolpern. So hin und wieda. Die Wööd is klaa. Da san ma fast Nachbarn und treffn tan ma uns in Wean. Und i schick Eahna bald a Gööd. So geht des im Rundfunk. Es is wia a Kraas.


Annemarie Moser:
Es geht nichts über die Ausstrahlung

Zum Funkhaus gehört das Unsichtbare. Das, was nur zu hören ist. Die Ausstrahlung. Abgesehen von den aberhunderten Sendungen, die ich mit Gewinn gehört habe und höre – Salzburger Nachtstudio, Im Gespräch, Diagonal usw. – verbinden mich mit dem Funkhaus prägende Innen-Erfahrungen. Als ich zum erstenmal zu einem Interview hineinging, hat das Sichtbare dominiert, die Menschen und die Technik. Eine frühe Aufnahme in einem Studio der „Baracke“, wo eine Schauspielerin meine Gedichte las und ich nur zuhörte, hat mich mit dem Horror der damaligen Technik konfrontiert. Die Schauspielerin sollte den Abstand zum Mikro nicht ändern, keinen Hall erzeugen, die Zischlaute nicht zischen etc., die Mikros in der „Baracke“ waren nervenzerfetzend empfindlich. Als fast die ganze Sendung aufgenommen war, ist ein Mikrophon ausgefallen, dann das Aufnahmegerät mit den Bändern, dann ein Ersatzmikrophon, und das ganze Team musste in ein anderes Studio wechseln und von vorn wieder anfangen, wegen der unterschiedlichen Akustiken. Später, in besseren Studios, habe ich mich wohlgefühlt. Als Ernst Meister meine Geschichte „Die Kernspaltung der Zukunft“ las, war ich mehr als zufrieden. Andächtig. Ein Interview hatte etwas Crashkursartiges, als mich die Moderatorin zuerst mit unverständlichen Fragen zur Verzweiflung brachte und schließlich sagte „meine Fragen schneiden wir sowieso heraus“, worauf ich nur mehr unkontrollierte Wortschwälle auf das Mikro losließ. Mein erstes Hörspiel, von Prof. Hiesel eingerichtet – wieder eine andere Hör-Welt. Einmal in „Von Tag zu Tag“ ein Live-Gespräch mit Anrufenden. Immer wieder „Nachtbilder“ mit meinen Gedichten – es hat intensive Sendungen von oder mit mir gegeben, mindestens eine, die mir kostbar ist, auch. Als Hilde Sochor eine ganze Sendung für mich aufgenommen hat, war ich tief beeindruckt. Seither weiß ich, was alles möglich ist, wenn die Technik klammheimlich perfekt funktioniert und die Schauspielerin sich stimmlich frei entfalten kann. Übersiedeln kann man das, was mir und vielen anderen, via Ausstrahlung, das Funkhaus gegeben hat, nicht. Abstellen und auf dem Küniglberg etwas anderes anfangen? Wenn die ORF-Chefitäten hören können, ohne Bilder, Filme, Videos HÖREN (HÖREN!!), schlagen sie sich das aus dem Kopf.


Herbert Christian Stöger: LEER RÖHREN

der griff an der rundfunkhauseingangstür
der noch glatt ist von letzten benutzern
der noch nicht vom staub eingefangen ist
der noch nicht vereinsamt durch verlassen

von stimmen die stimmungen erzeugten
von damals als publikumsgeräusche
von hier hinaus in den äther gingen
von so vielen radios erwartet

und sich so fühlen als wäre man da
und doch nicht dort im tonfall gefangen
und bald nur noch lautes röhrenrauschen
und dann vergeblich suchen nach damals

den unverwechselbaren raumklang
den unvergeßbaren raum im traum


Hannah Sideris

ich weiss, wo es ist. ich weiss, was von dort kommt.?ch lese (schon immer) das programm von oe 1.?rueher in zeitungen, heute online. als kind wollte ich unbedingt ein radio. ich bekam eins vom christkind. 2 wochen später wurde es mir weggenommen. das sei zeitverschwendung, meinte mein vater. bei meinen grosseltern hoerte ich opern und las die partituren. als mein vater davon erzählt bekam, durfte ich eine lange zeit nicht zu meinen grosseltern. das sei zeitverschwendung. als meine mutter blind und haarlos nur mehr lag, kaufte ich ihr ein radio. sie gab es mir am nächsten morgen zurück. sie würde radiohören nicht ertragen. sie wüsste dann, was sie alles versäumt hätte. kurz nach ihrem tod vor ca. 30 jahren, stellte ich dieses radio neben mein bett. drehte auf. ich war 23 jahre, hatte eine 5 jährige tochter, meine eigene wohnung und nahm mir vor, ö1 nie wieder abzuschalten. nichts versäumen. keine zeitverschwendung. ich weiss, dass es im oktober 1986 war. abends. 5 minuten hielt ich aus. das radio wurde nie wieder aufgedreht. fast 30 jahre hielt ich aus. solidarität mit meiner toten mutter. der nahe flüsternde mund meines vaters. wenn ich mit martin nun auf der autobahn, meine ängste vor tempo, bremsungen, anderen autos, lichtern, holpern, schnee, regen, gegenlicht, dämmerlicht und die einflugschneise flughafen schwechat. abends oft. nachts oft. meine hände vor meinen augen. meine daumen in meinen ohren. spüre ich seine rechte hand. ganz kurz an meinem linken oberschenkel. ganz kurz an meiner linken hand. ich kann dann ein bisl den daumen aus dem ohr. den einen. links nur.?nd dann höre ich. irgendetwas mit violinen oder so irgendjemanden über irgendetwas oder so. und atme.


Rudolf Habringer: Meine Geschichte mit dem Radio

Meine Geschichte mit dem Radio beginnt Mitte der 6oer Jahre bei Inge Maria Grimm und „Seid mucksmäuschenstill“ und führt unerklärlich geradlinig über die Direktübertragung der ersten Mondumkreisung von Apollo 8 am Morgen des 24. Dezember 1968 – schaffen es die Astronauten, wieder Funkkontakt mit der Erde aufzunehmen? – hin zu Walter Richard Langers „Vocal Instrumental International“. Bis Ende der 70er Jahre besaßen wir zu Hause kein Fernsehgerät. Das Medium Radio bildete für mich als Kind die Nabelschnur zur Welt, eine Hörschleuse in – vor allem seit der Gründung von Ö3 1967 – musikalisch unendliche Weiten. Diese große Bandbreite, das das Sendeschema von Ö3 damals präsentierte, prägte und erweiterte mein musikalisches Bewusstsein nachhaltig. Vom oberösterreichischen Kuhdorf aus war ich nur einen Knopfdruck von den verschiedenen Stilen und Spielarten des Jazz entfernt. Persönlichkeiten, Charakterköpfe, Eigenbrötler- und innen gaben Einblick in ihre ganz individuellen Musikvorlieben, entfernt vom heutigen Einheitsbrei des von Computer generierten Formatradios. Erstmals hörte ich Gene Puerlings Arrangements für die Singers Unlimited in Gerhard Bronners „Schlager für Fortgeschrittene“, lauschte ich spätabends der von Paul Polansky anspruchsvoll programmierten „Musik zum Träumen“, österreichischer Popmusik mit Eva Maria Kaiser, „Folk mit Jack“ Grunsky, „Living Blues“ mit Hans Meitner, „Musik aus Lateinamerika“ mit Erika Vaal, Chansons mit Hans Christian Sauer, dem sehr persönlichen Musikgeschmack von Louise Martini, Rudi Klausitzer und Ernst Grissemann, der Vorstellung ganzer Langspielplatten mit Trixi Neundlinger (Musik auf 33), dem schrägen Günter Schifter, dem Radiocowboy Connie Tex Hat, der Verbesserung der Welt in der „Musicbox“, später dem Pop Museum. Radio: das war ein zusätzlicher Raum in unserer engen Wohnung, ein Fenster zur Welt, eine Höruniversität im Kopf und auch ein Fest der Stimmen. An manche Sendungen erinnere ich mich nach fast vierzig Jahren noch immer. Die Kurzgeschichte „Der Mann im Spiegel“ von Kurt Tucholsky, gelesen und interpretiert von Axel Corti in seinem „Schalldämpfer“ habe ich damals auf Kassette aufgenommen, abgeschrieben und in eine Deutschschularbeit eingebaut. Zum „Kopf-Hörer“ gemacht haben mich die  Features des Teams um Alfred Treiber („Darf ich Sie im Namen des österreichischen Rundfunks um eine kleine Wortspende bitten?“), aber auch die „Alpenländischen Interviews“ mit Otto Gründmandl, die verspielten Texte von Alfred Komarek in „Melodie Exklusiv“ und auch die samstägliche Konferenzschaltung der Fußballspiele mit Edi Finger und seinen Kollegen. Heute ist Ö1 das neue Ö3, von „Pasticcio“ bis „Diagonal“, vom „Radiokolleg“ bis zur Jazznacht und zur Alten Musik. Das Medium Radio ist für mich bis heute eine Hochschule des Hörens. Des lustvollen Lernens. Des staunenden Entdeckens von Welt. Eine Schallquelle von Trost und Rat. Lebensqualität und Lebensmittel. Von den Märchen bis zur dark side of the moon. Diese Qualität soll erhalten bleiben.

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REANIMATION LAGEBEZEICHNUNG
flugschrift von Christian Steinbacher

Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

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mit neuen Beiträgen zu Marco Dinic, Raphaela Edelbauer, David Fuchs, Nadine Kegele, Angela Lehner,...