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Markus Mittmannsgruber: Verwüstung der Zellen


Leseprobe

S. 88:

das projektil durchquert die linke herzkammer, es hinterlässt eine markierung am schmutzigen t-shirt, einen blutorden neben den schwarzen lippen von kate moss. hetzt los, drückt im laufen mit den knien und dem gewicht des körpers die liegenden stühle weg, dem kaputten knöchel trotzend. bahnt sich den weg durch die verteidigungslinie aus holz. Die tanzfläche kommt näher. Der mann stemmt seine schulter gegen die tischplatte, sie ist das letzte trennende schild. prallt dagegen. In das quietschende geschiebe mischt sich das schreien des neugeborenen und die stimme der mutter. beschützen liegt dem mann im blut und also im gedächtnis, der heimat-, der grenz-, der familien-, der ehrenschutz, die furcht vor dem fremden im inneren und von außen. Da ist über ihm und reißt dem mann sein herz heraus. Danach treibt es zur mutter mit dem kind. Es schreit nach wie vor in ihrem arm. Zum stillen am milchgefüllten busen kommt es nicht mehr. beißt der mutter die halsschlagader auf. Ihr fällt das bündel vor die füße der negativen materie, die es aufhebt und verschlingt. Dabei ist nicht böse, ist kein zurückgekehrter racheengel. ist auch kein gespenst, kein astralleib, denn ist nicht unheimlich, besucht niemanden und sucht auch nicht mehr nach einer heimat. so verlässt jetzt auch das gasthaus, denn letztlich ist nur ganz allgemein gegen das leben und gegen den tod. gegen das leben, weil es falsch erinnert und gegen den tod, weil er falsch vergisst. und daher ist , in dem als lebendiger/toter beides steckt und nichts mehr von beidem, letztlich besonders auch gegen sich selbst.

S. 148- 150:

Wir mussten uns aufstellen, mit den Gesichtern zueinander und jeweils in rund einem halben Meter Abstand. Johanna stellte sich mir gegenüber. Ich bemerkte samtbläuliche Ringe unter ihren Augen. Julia sagte, wir sollen die Hände hinter dem Rücken verschränken und die Zungen weit herausstrecken. Sie machte einen Witz über die Kommunion in der Kirche. Wir lachten leise und einvernehmlich. Dann ging sie vor die Tür und kam Sekunden später zurück. Sie hielt eine mit Arabesken verzierte Holzschatulle in ihren Händen, aus der sie Zuckerwürfel klaubte. Für jeden einen. „Heute – liquide Ekstase“, sagte Julia. Der Zuckerwürfel schmeckte seltsam, hinter der Süße versuchte sich erfolglos ein Geschmack wie von Anis oder oder Ammoniak zu verbergen. Dann begann Christian uns zu (...) indem er in die Hände klatschte. Es handle sich hier um eine Übung, die unsere normativ-normierten Schalen aufbrechen lassen würde, sagte er und klatschte nochmals. Er fragte uns, ob wir dazu bereit seien. Wir antworteten geschlossen mit ja. Er fragte uns, ob wir Kamele nun endlich zu Löwinnen und Löwen werden wollten. Wir antworteten lauter mit JA. Dann sagte Christian, dass nun die beiden Frauen den Männern ins Gesicht schlagen müssten. Eine Ohrfeige, ergänzte Julia. Aber fest. Die Ohrfeige sei ein komplexes Symbol, sagte Christian. In ihr würden sich jene Gewalttätigkeiten verschränken, die unseren Körpern angetan worden seien.
„Erduldet sie“, sagte Christian. „Denn das ist Verarbeiten. – Über das Erdulden kommt man zum Bejahen“, sagte er, während er zwischen uns auf- und abging. „Und über das Bejahen kommt man zur Freiheit. – Das ist Leben“, sagte er im Gehen und kam dabei in ein rhythmisches Sprechen, dessen Betonungen auf seine Schrittfolge abgestimmt waren.
„Vergesst die Arbeit.
Öffnet euch dem Schmerz.
Nehmt ihn gelassen.
Der Körper ist euer Tempel, euer Heiligtum, eure feuchte Positivität.
Verherrlicht ihn. Seid in ihn vernarrt. Seid obsessiv!
Der Körper ist mehr als ein Vehikel!
Er will sich transzendieren!
Lasst ihn sich transzendieren!
Lasst die Diktatur des absoluten Rausches zu!!
Spreizt die Beine!!
Feiert den Exzess, die Ekstase des Körpers!!
Befreit eure Schwänze und eure Mösen und eure Ärsche!!
Befreit eure Löcher!!
Seid Miley Cyrus!!
Leckt!! Fickt!! Spritzt!! Blutet, ihr verfluchten Drecksnutten, ihr elendigen Huren!!
Fickt euch das Kultivierte und das Zivilisierte aus dem Leib!!
Belebt die Vergangenheit in ihm!!!
Und dann schlagt sie ihm aus der Haut!!!
Lasst auf eurer Haut die Erinnerungen erblühen!!!
Und reißt sie dann aus euch heraus mitsamt ihren Wurzeln!!!!“

© 2016 Luftschacht, Wien

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