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Funkhausanthologie 23. Woche 2016


Beiträge 251-260

von: Carolina Schutti (Bilddokument), Nikolaus Glattauer, Semier Insayif, Elffriede (1–3), Janko Ferk, Susanne Scholl, Silvia Konstantinou, Alfred Komarek


Carolina Schutti (Bilddokument): Mit herzlichem Gruß



Nikolaus Glattauer

Weil du ja jetzt dann kommst, heute schnell noch mein Wunsch, und der Einfachheit halber hat er mit Schule ausnahmsweise rein gar nichts zu tun. Hier mein Wunsch: Liebes Christkind, mach bitte, dass Ö1 bleibt, wie es ist. Mach, dass mein Lieblingsradiosender, dieses für mich einzig gültige Argument für ORF-Gebühren, sein Gesicht behalten darf, sein eigenes, unverwechselbares, schönes Gesicht. Ö1 droht nämlich der totale, weil schleichende Identitätsverlust: Dafür verantwortlich weniger die bevorstehende Übersiedlung auf den Küniglberg (schlimm genug für gute, alte Bäume, jetzt verpflanzt zu werden), als die geplante Neuorganisation des Programms. Dem Vernehmen nach - und ich vernehme es quasi aus erster Hand - wird Ö1 nach dem Umzug strukturell an ein „multimediales Newscenter“ und inhaltlich an „Kultur, Wissenschaft und Religion“ andocken, sprich künftig jene Krümel vom Kuchen kriegen, die aktuell nicht aufgegessen werden. „Best of rest“ nennt das bezeichnenderweise der aktuelle Programmchef Peter Klein. Man kann es auch anders ausdrücken: Fläche statt Nischen, Quoten statt Noten, News statt Feuilleton, und wo bisher noch Stil war, wird ganz der Style Einzug halten. Liebes Christkind, bitte lass das nicht zu! Es war seinerzeit die stimmliche Anmut Friederike Raderers, übrigens viele Jahre AHS-Lehrerin, die mich mit ihren „Pasticcios“ in den Ö1-Bann gezogen hat, heute will ich ohne Hubert Arnim-Ellissen, Andrea Maiwald, Christa Eder, Martin Haidinger, Otto Brusatti, Dorothee Frank, Heinz Janisch, Günter Kaindlstorfer und wie sie alle heißen weder in die Tage hinein noch aus diesen wieder heraus. Die „Spielräume“, um eine Sendung zu nennen, haben Richard Hawley, Bill Callahan und zuletzt Sarah Ferri in mein Leben gebracht, Miriam Jessa Gianmaria Testa und Poulenc - und von den vielen großartigen Textbeiträgen rede ich gar nicht. Kurz, liebes Christkind, habe ich überlegt, ob ich mir lieber eine Bildungsreform wünschen sollte. Aber dann hab ich mir gesagt, a) kriegst du die wahrscheinlich selbst nicht hin und b) freut mich ehrlich die beste Schule nicht, wenn ich zu Hause das Radio nicht mehr aufdrehen kann.

Quelle: Kurier


Semier Insayif

ich blicke zurück. sehe r und mich. sehe uns beide. in decken gehüllt. sonntag einundzwanzigster dezember zweitausendunddrei. gemeinsam lauschen wir m. seinem atem. seinen händen. seiner angst und seiner euphorie. dem scharren. dem singen und knarzen. dem kreischen und schwitzen. dem artikulieren und sprechen mit tönen. dem flüstern. dem tanzen. dem jubeln und dröhnen. beinahe splittert das holz und der bogen. die saite reißt. und stop. aufnahme. darmsaiten nackt. a und d. g und c mit silber umsponnen und wolfram. barockbogen neu. gerbeth nulldrei. schlangenholzfeuer gemustert. piratinera guianensis. guadagnini der bauch. giovanni battista. piacenza. siebzehnhundertdreiundvierzig. ex van zweyberg. preludium. suite nummer eins in g-dur. aus den suiten für violoncello solo. von johann sebastian bach. wieder und wieder. was für eine wärme. geburt und sonnenaufgang. klar hell und kalt. dieser raum eines raumes.

ich blicke zurück. und m. wir erzählen. vor laufendem aufnahmegerät. funkhaus wien. argentinierstraße. drei augenpaare. der blick von einem zum andern. und dann. e, journalistin und interviewerin, stellt fragen. ansatzlos und ins zentrum gegriffen. m sogleich mit einer gegenfrage. typisch m. dachte ich damals. wir drei lachten. spielten miteinander das spiel des fragens und antwortens. des gegenfragens und vertiefens. spielten mit ruhe und zeit. mit intensität und freude. und später. wieder geholt. dieses bild. aus den bildern. erzählt. wie sie sprechen. die drei. versunken. im dunkeln. der raum. nochmals offen. das kleine rote licht am schwarzen aufnahmegrät, das vor uns auf einem runden kaffeehaustischchen stand. in einem studio. im zweiten stock. drei augenpaare. bereit. über das mikrofon hinweg. das gespräch und das herz. digital. und gespeichert. im blick zueinander. gemeinsam verschluckt diesen köder. den ton und das wort. poesie und musik. libellen und tanz. bach und die stille. ist still. niemals ganz. und niemals.

(ausschnitt aus dem noch nicht veröffentlichten manuskript „mondasche“, von semier insayif © 2016 by semier insayif)


elffriede: (Bilddokumente) aufzeichnensysteme, "n gegen unendlich. eine art buch 2", ritter verlag 2017, 1 – 3




Janko Ferk: „MEIN“ FUNKHAUS

An das Funkhaus habe ich die allerbesten Erinnerungen. Immer bin ich freundlich aufgenommen worden und – in der Wortbedeutung – perfekt. Viele Redakteurinnen und Redakteure, Radiomenschen von bestem Schrot und Korn, sind für diese Erinnerungen verantwortlich. Und ich hatte bis heute mit einigen zu tun.

Ein Gruß, verbunden mit meinem herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, (in alphabetischer und keiner anderen Reihenfolge) an:

Edith-Ulla Gasser,
Doris Glaser,
Konrad Holzer,
Peter Klein,
Volkmar Parschalk,
Rainer Rosenberg,
Barbara Zeithammer,
Stefanie Zussner
und viele andere,
die mich in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten im Funkhaus empfangen und betreut haben.

Stellvertretend für alle „Funkhäusler“ möchte ich aus dem Protokoll der Sendung vom 4. März 1992, dem damaligen „Tag der Lyrik“, als ich Gast Volkmar Parschalks in der Reihe „Von Tag zu Tag“ war, eine Frage und eine Antwort zitieren: „Volkmar Parschalk: Ist es für Sie leichter in Deutsch zu schreiben als in Slowenisch? Janko Ferk: Nein, es ist beides gleich leicht und gleich schwer.“ Ich möchte weiterhin im Argentinierstraße-Funkhaus Gast sein dürfen. Und ich wünsche dasselbe meinen Kolleginnen und Kollegen.


Susanne Scholl

Zwei Jahre hab ich in diesem wunderschönen Gebäude verbracht. Na ja, wunderschön ist vielleicht übertrieben – aber das Funkhaus hat was. Zum Beispiel muss man sich nicht schick machen, wenn man hier her zur Arbeit geht. (Undenkbar ungeschminkt und ungekämmt auf dem Künigel-Berg zu erscheinen!) Zum Beispiel kann man in der Mittagspause den Schülern des Teresianums beim Sport zuschauen. Zum Beispiel kann man sich selbst beim Reden zuhören. Und, wenn man aus dem Studio kommt, die ersten positiven oder negativen Kommentare zur eigenen Arbeit einsammeln. Was das Funkhaus für mich aber besonders liebenswert machte war die Tatsache, dass die täglichen Redaktionssitzungen anders als im Fernsehen für wirklich alle zugänglich waren und man hie und da auch über Inhalte streiten konnte. Und dass es neben Kollegen auch Freunde gab, mit denen man beispielsweise regelmässig das Mittagessen teilte. Das Funkhaus hat eben Atmosphäre – und die schlägt sich auch in der Qualität der Arbeit nieder, die hier getan wird. Wenn das verloren geht, geht auch ein Stück Radio der besten Art verloren.


Silvia Konstantinou: FUNKHAUSLAMENTO

Wien ist anders. Aber doch bitte nicht so! Immer wieder kommt hier Kulturgut unter die Räder, wird etwas geschliffen, und wir schauen geschockt auf eine Baugrube, wo noch davor eine Stätte der Begegnung existierte. Nacht- und Nebelaktionen, die keiner nachvollziehen kann. So geschehen letztes Jahr auch im Neunten in der Badgasse, in der das ehemalige „Narrendattel“, in einem alten Fuhrwerksgasthaus untergebracht war. Es begann im Jahr 1996, wo jahrelang Wiener Künstler und Kunstbeflissene beherbergt waren, ein Sprungbrett für später Größeres fanden. Akkordeonfestival, KlezMore-Festival, Musikalischer Adventkalender – alles begann dort, wo nun ein riesiges Erdloch Ausdruck unverständlicher Ignoranz ist. Von den Festivals hören wir jedoch nach wie vor von Mirjam Jessa auf Ö1. Das freut wieder. Und nun das Funkhaus! Nein, bitte das doch nicht! Man könnte völlig verzagen! Das Funkhaus hat mein Leben bereichert, immer. Doch erst in der Pension durfte ich als alter Radio-Freak diesen Schatz voll heben und auskosten, weil eben auch mit reichlich Tagesfreizeit beschenkt. Als Kind schon mit Konstanten wie Heinz Conrads, Autofahrer unterwegs, Ilse Buck, und Dschi Dschei Wischer durchs Leben geführt, wurden es später die Stimmen von Axel Corti oder Richard Langer, die mir Kostbares vermittelten, auch Hugo Portisch, Marcel Prawy und so viele mehr. Unzählbare Werte, unzählige Wertvolle. Sie alle öffneten mir Türen einer Welt, die mir nicht in die Wiege gelegt wurde. Auch André Heller tat das Seine dazu. So vieles, das mich heute ausmacht, meine eigene Kreativität formte, mein eigenes Schreiben befeuerte, verdanke ich dem Funkhaus. Literatur, Musik, Kunst und Kultur, Politik, Naturwissenschaften, reiche Information zu und aus allen Genres. Auch spazierte ich abends immer gerne in die Argentinierstraße, fast im Zentrum, leicht erreichbar, und erlebte so manchen außergewöhnlichen Abend. Das soll bald nicht mehr möglich sein? „Gehört gehört“ liegt am Frühstückstisch und ist wichtiges Utensil für die Tagesgestaltung. Einmal schwärme ich von dieser Bereicherung meines Lebens. Für mein Gegenüber nichts Neues. „Ö1?“, kommt es abgeklärt. „Na klar, davon habe ich meine ganze Bildung!“ Und jetzt? Nein, bitte nicht! Werte-Terrorismus ist das, subtil und leider nachhaltig. Harakiri der Entscheidungsträger, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ein Wiener Mini-Aleppo. Lasst uns doch das Funkhaus!


Alfred Komarek: Im Vierten, in der Nacht

Da kommt einer nach der Matura aus dem Salzkammergut nach Wien, hat dort nichts zu suchen und findet demnach nichts. Zuhause, da war Tal und Gipfel, Fluß und See. Aber Wien? Häusergewirr in geometrische Willkür gedrängt, überall mehr Fassade als Dahinter. Wohin also, wenn es keine Ziele gab? Lustvolle Resignation demnach. Sich treiben lassen, Nachts vor allem, wenn nur noch ein paar Fäden Dunkelheit die grellen Mottenlöcher säumten. Die Innenstadt, hohle Ringstrassentheatralik ringsum, dann eine Strasse, die aus unerfindlichen Gründen Argentinierstraße hiess. Endlich, mitten in der Fremde, plötzlich Heimat. Die Heimat als Skulptur, als Tempel, als Dach über dem Kopf, als Intensivstation. Keine Ahnung, wo ich war. aber ich war am Ziel. Augenblicke später die Erkenntnis: Funkhaus, Radio, Zauberkasten, Wunderhorn, Weltmaschine. Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Es sei denn ihr seid hoffnungslos verliebt, leidenschaftlich begabt, hemmungslos sensibel und zu jeder umwerfend schönen Schandtat bereit. Seit fast fünfzig Jahren werbe ich um dieses Haus: fordernd, bittend, mit kämpferischer Wut und zärtlichster Begierde. Erhört wurde ich nie, aber eingelassen, umfangen, gefangen. Wir haben was miteinander, das Funkhaus und ich. Viel ist das nicht, aber viel zu viel, um darauf verzichten zu können.

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Veranstaltungen
Junge LiteraturhausWerkstatt – online

Mi, 15.04.2020, 18.00–20.00 Uhr online-Schreibwerkstatt für 14- bis 20-Jährige Du schreibst? Du...

Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber - online

Mo, 20.04.2020, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Lesen ist deine...

Ausstellung
KEINE | ANGST vor der Angst

virtuelle Ausstellung 6. April bis 30. Juni 2020 www.erichfriedtage.com Besuchen Sie die...

Tipp
REANIMATION LAGEBEZEICHNUNG
flugschrift von Christian Steinbacher

Lediglich in Stichwörtern, ja so möchte sich eine besonnene Konzeptliteratur verwirklicht...

Incentives – Austrian Literature in Translation

mit neuen Beiträgen zu Marco Dinic, Raphaela Edelbauer, David Fuchs, Nadine Kegele, Angela Lehner,...