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Leseprobe: Karl-Markus Gauß - "Zu früh, zu spät. Zwei Jahre."

(S. 59f)

Der Krieg begann in der Nacht auf den 20. März, pünktlich um drei Uhr 36.
Der erste Soldat der amerikanischen Streitkräfte, der fiel, hieß José Antonio Gutierrez und stammte aus Guatemala. Er versprach sich von seinem Einsatz die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er posthum auch erhielt.
Die erste Soldatin, die fiel, hieß Lori Piestewa, war eine Hopi-Indianerin und glaubte, nach ihrer Rückkehr einen Stipendienplatz an einem College zu erhalten.

Amerika ist eine europäische Erfindung, die Neue Welt wurde aus dem Baustoff europäischer Träume errichtet, dem Traum vom freien Menschen in einem freien Land, dessen Menschenrechte durch Fürstenwillkür und Tyrannei nicht angefochten werden. 300 Jahre lang waren aus Europa gerade die Mutigsten übers Meer gefahren, weil sie religiöse Unterdrückung, politische Despotie oder wirtschaftliche Not nicht mehr dulden wollten. Aber auch der staatsbegründende Sündenfall, mit dem der Kontinent in Besitz genommen wurde, der Völkermord an der indianischen Urbevölkerung und die Versklavung der ins Land verfrachteten Afrikaner, geschah gewissermaßen noch aus europäischem Geist: waren die Europäer doch überzeugt, daß es gottgefällig sei, sich die Welt untertan zu machen und jeden zu beseitigen, der ihnen dabei im Wege stand.

(Wer der erste Iraker war, der fiel?)

In der Nacht, bevor der Krieg begann, wurde in einem Gefängnis bei Terre Haute ein 53jähriger Mörder namens Louis Jones vom Leben zum Tode verbracht. Er hatte im ersten Golfkrieg tapfer im Irak gekämpft und in Friedenszeiten in den Staaten mit dem Töten nicht aufgehört. Die Kernspintomographie, die erweisen sollte, ob sein Gehirn geschädigt und er infolge des "Golfkriegssyndroms" nur vermindert schuldfähig sei, wurde vom Justizministerium aus Kostengründen abgelehnt, wie es George W. Bush jetzt auch noch rasch ablehnte, den Soldaten seines Vaters zu begnadigen.

Amerika wurde von den Europäern zu dem gemacht, was es heute ist, aber auf dem Wege dorthin begannen die Ausgewanderten sich irgendwann nicht mehr als Europäer zu fühlen, sondern ihre Welt als spezifisch amerikanische zu begreifen. In den Europäern, die zu Hause geblieben waren, reiften unterdessen ambivalente Gefühle, die aus Bewunderung und Verachtung gemischt waren. Schon im 19. Jahrhundert war Amerika ein Vorbild und Schreckbild zugleich. Die einen identifizierten es mit dem Reichtum, zu dem es dort Europäer brachten, die in den statischen Gesellschaften der Alten Welt Armut und niedriger Stellung niemals hätten entrinnen können, und mit der Freiheit, die immerhin jedem garantiert war, der die europäische Hautfarbe hatte. Die anderen identifizierten es mit der seelenlosen Maschinerie des Kapitalismus, die in den USA ungleich effizienter ratterte als im feudal vermorschenden Europa, oder mit dem verwirrenden Durcheinander der Völker, aus dem Amerika entstand.

Vielen Europäern graute vor Amerika, weil dort Europäer - Iren und Engländer, Polen und Deutsche, Türken und Griechen - friedlich zusammenlebten, während sie in Europa noch vollends damit beschäftigt waren, sich periodisch aufeinander hetzen zu lassen und einander auf den Schlachtfeldern zu massakrieren. Was die Europäer des 19. Jahrhunderts vor allem störte, war also die Tatsache, daß es auf einem anderen Kontinent gelungen war, eine Art von europäischer Union zu bilden.

© 2007 Zsolnay Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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