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Norbert Gstrein: In der freien Welt.

Roman.
Hanser Verlag, München 2016.
496 S.; gebunden; 25,60 Euro.
ISBN: 978-3-446-25119-9.

Autor

Leseprobe

Eines wird man als Frau ja nie erleben: die Wonnen einer Männerfreundschaft. Hugo und John, die Hauptfiguren in Norbert Gstreins Roman „In der freien Welt“, könnten unterschiedlicher nicht sein, sind aber ziemlich beste Freunde. Hugo ist ein nicht mehr ganz junger österreichischer Schriftsteller, der sich im heimischen Literaturbetrieb so durchhangelt. Sein etwas älterer Freund John ist Amerikaner, schreibt ebenfalls und malt im Stil Francis Bacons. Man muss ihn sich wohl als einen jüdischen Hemingway vorstellen. Fast zwei Meter groß, über 100 Kilo schwer, sportlich, trockener Alkoholiker, wagemutig und ein Frauenheld – mit Vorliebe für den immergleichen Frauentyp –, möchte er „im Augenblick der Liebe“ sterben, wie es das Klischee vom wahren Casanova verlangt. Außerdem hat er im ersten Libanon-Krieg als Freiwilliger in der israelischen Armee gedient. Dieser John also wird eines Tages in San Francisco von einer Gruppe unbekannter Jugendlicher erstochen. Warum, weiß kein Mensch. Ausgeraubt wurde er jedenfalls nicht.

Dies könnte der Anfang eines Krimis sein; bei Gstrein ist es der Anlass für ein großes Nachdenken, das des Ich-Erzählers Hugo. Hugos Erinnerungen an John gelten vor allem den Neunzigern. Damals lebte Hugo für einige Monate in Kalifornien und verbrachte viel Zeit mit John und dessen damaliger Freundin Elaine. Obwohl Hugo und John sich manchmal in den Haaren lagen, war es für Hugo doch die glücklichste Zeit seines Lebens. „No more fiction, Hugo! No more fake shit! Get real, man!“ forderte John von Hugo, der wiederum berief sich in den Streitgesprächen über gute Literatur lieber auf die intellektuellere europäische Grundhaltung. Doch trotz seiner Kraftnatur war dieser John, man ahnt es bald, im Grunde eine gebrochene Persönlichkeit. Als Kind litt er unendlich darunter, dass seine Mutter, eine Holocaust-Überlebende, nachts in den Bronx die Fotos ihrer ermordeten Familie aus einem alten Pappkoffer zog. Ein Indiz für seine zerrissene Seele sind auch seine (übrigens sehr nachgefragten) Bilder, die ein verzerrtes „Self-Portrait as a hated Jew“ oder Menschenpaare mit zerfetzten Gesichtern zeigen.

Der Roman spielt vor allem in den USA, in Österreich, aber eben auch in Israel, vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts. Dabei kommt eine dritte Hauptfigur ins Spiel: der junge palästinensische Schriftsteller Marwan, der im wirklichen Leben Toiletten und Badezimmereinrichtungen verkauft, aber eben auch Goethes „West-östlichen Diwan“ auf Deutsch liest. Hugo, John und Marwan lernen einander bei einem österreichischen Kulturfestival kennen – und freunden sich ein bisschen an. Doch der junge Marwan arbeitet zum Schluss bei einer Moralpolizei, die an der Universität von Ramallah über die Trennung der Geschlechter wacht. Es kommt sogar der Verdacht auf, dass Marwan in irgendeiner Form mit der Ermordung Johns, der ein engagierter Freund Israels war, zu tun hatte, da er eine seltsam genaue Schilderung darüber verfasst hat. In einem literarischen Wutausbruch schreibt Marwan über palästinensische Kriegsopfer mit schweren Gesichtsverletzungen, die sich nur nachts aus dem Haus trauen. Das Motiv des entstellten Gesichts fand sich ja bereits auf Johns Bildern – geht es Gstrein darum, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern als Bruderkrieg darzustellen? Den Hass als spiegelverkehrten Selbsthass?

Inhaltlich erfährt man nichts Neues über den israelisch-palästinensischen Konflikt in diesem Roman. Eher wird darüber reflektiert, wie sehr das Thema von Unterstellungen, Verdächtigungen und Empfindlichkeiten besetzt ist, gerade wenn Österreicher und Deutsche – als Nachfahren der Täter – involviert sind. Obwohl Hugos Herz für Israel schlägt, wird doch anschaulich, wie Terrorangst auf der israelischen Seite und jahrzehntelange Benachteiligung auf der palästinensischen zu einer Front aus Hass und Gewalt versteinert sind. Es scheint fast so, als ob Norbert Gstrein sich bei der Charakterzeichnung ein wenig an dem großen amerikanischen Erzähler Philip Roth orientiert hätte. Doch „In der freien Welt“ präsentiert zu viele vorgefertigte Bilder, gerade, wenn es um die Figur Johns geht, um ein ganz großer Wurf zu sein. Das Buch lässt einen etwas ratlos zurück. Und abgesehen vom ungeklärten Mord an John verrät es über die Geheimnisse von Männerfreundschaften denn doch weniger, als man zunächst erhofft hatte.

Judith Leister
4. Juli 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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