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Norbert Gstrein: In der freien Welt.


Leseprobe

Der Tod meines Freundes John in San Francisco ist mir mit wochenlanger Verspätung bekannt geworden, aber die genauen Umstände liegen immer noch im dunkeln. Es war wenige Tage nach seinem einundsechzigsten Geburtstag, ein Zufall wahrscheinlich, und die ersten Berichte in den Online-Ausgaben des San Francisco Chronicle und des Examiner gleichen sich fast aufs Wort, sind hier überschrieben mit »Poet dies in knife attack«, dort mit »Poet knifed to death«, ohne weiter darauf einzugehen, dass er Schriftsteller war. Kaum überraschend lautet die offizielle Version, dass er von einer Gruppe Jugendlicher überfallen und, obwohl er sich nicht zur Wehr gesetzt habe, auf offener Straße niedergestochen worden sei. Er war auf dem Heimweg von einer Abendeinladung im Mission District unterwegs, kurz vor Mit-ternacht, es gab keine Zeugen, und in der amerikanischen Kriminalstatistik ist er sicher nur ein Toter mehr, insbesondere wenn man bedenkt, dass Oakland auf der anderen Seite der Bucht jahrelang eine sogenannte Hochburg des Verbrechens war und vielleicht immer noch ist. Dabei sticht in seinem Fall eine Besonderheit ins Auge, die der Polizei unmöglich entgangen sein kann.

Er trug sein Smartphone und angeblich einen Betrag von exakt 157 Dollar 40 bei sich, ohne Zweifel mehr als zu den meisten Zeiten seines Lebens, und ist nicht ausgeraubt worden. Damit fällt das naheliegendste Motiv weg, und bei der Frage, warum sonst er umgebracht worden ist oder wer Interesse gehabt haben könnte, ihn aus der Welt zu schaffen, sehe ich sofort zwei Ermittlungsbeamte aus dem Fernsehen vor mir, die an eine Tür klopfen und sich treuherzig erkundigen, ob er Feinde gehabt habe. Dazu habe ich Johns Stimme im Ohr, die mich in ihrer Anschmiegsamkeit immer an die Stimme eines Synchronsprechers erinnerte, obwohl es original Englisch war, und wie er sagt, Feinde, um nach einer langen Pause eine dieser einfachen Wahrheiten loszuwerden, vor denen er trotz seiner scharfen Intelligenz keine Scheu hatte, ein Mann, der keine Feinde habe, sei kein Mann.

Ich hatte die Nachricht von Elaine, und das war natürlich kein Zufall. Mit ihr war John zusammen gewesen, als ich Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zum zweiten Mal ein paar Monate in Kalifornien lebte, und wir telefonierten immer noch von Zeit zu Zeit. Ich hatte sie angerufen, weil ich in der Zeitung auf einen unfreundlichen Artikel über San Francisco gestoßen war und mit ihr darüber sprechen wollte, und als ich mich nichtsahnend erkundigte, wie es unserem gemeinsamen Freund gehe, fragte sie, ob ich es denn nicht gehört hätte.»Nein«, sagte ich. »Was?«

Ich hielt mich zurück, während sie erzählte, was passiert war.


(S. 13, Romananfang)
© 2016 Hanser Verlag, München

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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