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„Erlebtes und Gedachtes“. Stella Klein-Löw (1904-1986)

Pädagogin – Psychologin – Politikerin – Erwachsenenbildnerin.
Hg.: Traude Bollauf, Ilse Korotin, Ursula Stern.
Wien: Praesens Verlag 2015.

(biografiA – Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung. 16).
162 Seiten mit Audio-CD; brosch.; Euro [A] 28,00.
ISBN: 978-3-7069-0845-0.

Am Ende eines Abschnitts ihrer politischen Laufbahn im April 1970 erklärte Stella Klein-Löw in einem offenen Brief an das Bundesfrauensekretariat der Sozialistischen Partei Österreichs: „Wir alle, wo wir auch stehen, werden nie zufrieden sein mit unserer Arbeit. Selbstzufriedenheit ist der Beginn der Erstarrung. Sozialisten aber dürfen nicht erstarren, sie müssen beweglich, Neuem, noch Ungeformten aufgeschlossen bleiben.“ (S. 131) Am 28. Jänner 2014 jährte sich der Geburtstag der österreichischen SPÖ-Politikerin, Volksbildnerin und Pädagogin Stella Klein-Löw zum 110. Mal. Die Frauenarbeitsgemeinschaft der österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) nahm dies zum Anlass für die Ausrichtung einer Tagung, die im Jänner 2014 im Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien stattfand.

Angeregt wurde die Veranstaltung von einem Ehrenmitglied der österreichischen Gesellschaft für Exilforschung, Hannah Fischer, sie war in der Zwischenkriegszeit Schülerin Stella Klein-Löws in Wien und stand auch im englischen Exil mit ihr in Kontakt. Das Geleitwort des Bandes verfasste Bundespräsident Heinz Fischer. Er verweist auf die vielfältigen Biografien der politischen Persönlichkeiten der 1960er und 1970er Jahre: „Ich weiß schon, es ist ein altbekanntes Phänomen, dass der Blick eines 25- oder 30jährigen auf die (älteren) handelnden Personen seiner Zeit ein anderer ist, als der Blick eines 70- oder 75jährigen auf Akteure aus den nachfolgenden Generationen. Und dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass noch andere Umstände dazu beitragen, dass mir das Profil der Persönlichkeiten, die vor 40 oder 50 Jahren in der österreichischen Politik tätig waren, schärfer, ihre Individualität ausgeprägter und ihre Biographien bunter erscheinen, als bei den heute handelnden Personen.“ (S. 9) Als Beispiele nennt er an ÖVP-Abgeordneten unter anderem Theodor Piffl-Per?evi? und Julius Raab; seine These findet er bei sozialdemokratischen Abgeordneten wie Rosa Jochmann, Bruno Kreisky, Ernst Winkler und selbstverständlich auch bei Stella Klein-Löw bestätigt. Sie wurde durch die Ereignisse der 1920er Jahre, wie dem Brand des Justizpalastes, und durch die stürmischen 1930er Jahren „in die Politik hineingezogen“ (S. 10), so Heinz Fischer.

Stella Klein-Löw fungiert als eine zentrale weibliche Figur der sozialdemokratischen Bildungspolitik der 1960er Jahre sowie als Identifikationsfigur der jüngeren SPÖ-Generation, sie suchte stets den Kontakt mit nachfolgenden Genossinnen und Genossen. Bei ihrer Verabschiedung aus dem Nationalrat formulierte sie folgenden Appell in einem Brief an politische Nachfolgerinnen „Denk daran: allein ist man einsam und klein. In der Gemeinschaft und mit ihr wächst der Mensch, wo immer er steht, was immer er tut. Das ist das Leitmotiv, dem ich in diesem Brief an Euch, die Jungen, Ausdruck verleihen möchte.“ (S. 131) Ab 1959 war Klein-Löw als Nationalratsabgeordnete in den Bereichen Bildungs-, Außen-, Justiz- und Verteidigungspolitik aktiv und konfrontierte das Parlament mit zeitgeschichtlichen Themen. Emanzipatorische Schulpolitik und Volksbildung waren die zentralen Ankerpunkte ihrer politischen Arbeit. Ihre ambitionierte Herangehensweise als Parlamentarierin brachte ihr den Spitznamen „Fragestella“ (S. 11) ein.

Im Jahr 1904 wurde Klein-Löw als Stella Herzig im polnischen Przemy?l geboren und verbrachte eine wohlbehütete Kindheit in einem großbürgerlichen, jüdisch- assimilierten Haushalt. In jungen Jahren übersiedelte Stella Herzig nach Wien und schloss sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an. Mit 18 Jahren trat sie in die Partei ein und begann mit dem Studium der Klassischen Philologie, Germanistik und Psychologie. Im englischen Exil war sie erst als Haushaltshilfe und dann als Pädagogin tätig. Die Entscheidung zur Rückkehr nach Österreich war primär ihrer politischen Haltung geschuldet, „[w]ir wollten als österreichische Sozialisten in Österreich, dem besetzten Österreich, leben und arbeiten: persönlich, beruflich, politisch. [...] Auch hätten wir uns geschämt, gerade jetzt Österreich, Wien, den Sozialismus im Stich zu lassen und auf bessere Zeiten zu warten.“ (S. 19) Unmittelbar nach der Rückkehr war Klein-Löw als Mittelschullehrerin tätig, gründete die Eheberatungsstelle an der Volkshochschule Alsergrund und wurde Mandatarin in der Leopoldstadt. Später übernahm sie die Leitung eines Mädchengymnasiums in Floridsdorf. Hier setzte sich für ein offenes Schulklima fern autoritärer Erziehung ein: „(Ich) war glücklich, Gelegenheit zu haben, in einem Arbeiterbezirk zu zeigen, was ein Sozialist aus einer Schule, die er leitet, machen, wie er sie zu einer Bildungsstätte der Kinder aller Schichten gestalten kann.“ (S. 110)

Der Frauenarbeitsgemeinschaft der österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) war es ein Anliegen möglichst viele unterschiedliche Aspekte des vielseitigen Lebens und Werks der Pädagogin, Psychologin, Politikerin und Volksbildnerin darzustellen. Der Sammelband weist unterschiedliche Zugänge der BeiträgerInnen auf, es finden sich sowohl persönliche Erinnerungen als auch wissenschaftliche Beiträge zu zeitgeschichtlichen Themen. Die Beiträge stammen von Oskar Achs, Traude Bollauf, Hannah Fischer, Heinz Fischer, Renate Göllner, Hilde Hawlicek, Ilse Korotin, Eleonore Lappin-Eppel und Ursula Stern. Wie der Titel des Buchs vermuten lässt, spannt der Band einen weiten Bogen von ihrer Jugend in Wien, ihrer Ausbildung und ihrer Arbeit im österreichischen Parlament bis hin zu Antisemitismus im Ständestaat und Erfahrungen im englischen Exil. Drei Beispiele sollen hier repräsentativ die heterogene Beschaffenheit des Bandes verdeutlichen: Eleonore Lappin-Eppel vergleicht die Darstellung der jüdischen Kindheit im Wien der Zwischenkriegszeit in Klein-Löws Autobiografie „Erinnerungen. Erlebtes und Gedachtes“ (1980) mit Texten ihrer ZeitgenossInnen wie Minna Lachs, Manès Sperber und Käthe Leichter. Stella Klein-Löws Auseinandersetzung mit der Psychologie und Psychoanalyse von Charlotte und Karl Bühler sowie von Wilhelm und Annie Reich stellt Ilse Korotin dar. Ihre Arbeit als Parlamentarierin skizziert ihre jüngere Parteigenossin Hilde Hawlicek. Anhand zahlreicher stenographischer Protokolle zeichnet sie die parlamentarischen Aktivitäten nach, in folgendem Auszug erkennt sie ein Credo von Klein-Löws politischer Bestrebungen: „Ob ein Staat weise ist, erkennt man daran, wie er seine Zukunft baut, indem er sich um die Jugend sorgt. Ob er human ist, erkennt man daran, wie er zu den Älteren und Schwächeren seiner Mitbürger steht.“ (S. 125)

Der Band bietet auch Raum für drei Texte von Klein-Löw selbst: ein offener Brief an politische Nachfolgerinnen aus dem Jahr 1970, ein Bericht mit dem Titel „Woran Ehen zerbrechen. Erinnerungen an die Arbeit in der Eheberatungsstelle der Volkshochschule Alsergrund“ (1980) und ein biografischer Text zu Therese Schlesinger (1964.) Der Sammelband wird zudem durch einige Fotos und den Abdruck eines handgeschriebenen Lebenslaufs von Stella Klein-Löw ergänzt. Auf der dem Buch beigelegten Audio-CD sind ein Ö1-Hörfunkinterview, das der Journalist Manfred Jochum 1979 mit Stella Klein-Löw geführt hat, sowie ein Ausschnitt aus einer Sitzung des Nationalrats nachzuhören.

Vorliegender Band zeichnet erstmals ein umfassendes Portrait von Stella Klein-Löw, einer zentralen weiblichen Figur der österreichischen Sozialdemokratie nach und nimmt eine zeitgeschichtliche Kontextualisierung wesentlicher Aspekte ihrer Biografie vor. Besonderer Verdienst dieses Buchs ist es, zahlreiche Primärquellen, unter anderem Ausschnitte aus den stenographischen Protokollen des österreichischen Nationalrats sowie Auszüge aus Klein-Löws Autobiografie „Erinnerungen. Erlebtes und Gedachtes“ (1980) zugänglich zu machen. Persönliche Erinnerung und wissenschaftliche Auseinandersetzung greifen ineinander, diese heterogene Beschaffenheit der Beiträge ist dem schwierigen Unterfangen, eine Biografie nachzuzeichnen, äußerst zuträglich.

Ursula Ebel
4. Juli 2016


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