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Christine Haidegger: Zum Fenster hinaus. Eine Nachkriegskindheit.

(Neuauflage)
Salzburg-Wien: Otto Müller Verlag, 2016.
289 Seiten, geb., 21 Euro (E-Book 16,99).
ISBN 978-3-7013-1239-9.

Autorin

Leseprobe

Als Kind einer deutschen Mutter und eines im Zweiten Weltkrieg vermissten Vaters wächst die Ich-Erzählerin Irene in Oberösterreich auf und hat es nicht leicht dabei. Die Mutter bemüht sich, ihrer Tochter in den schwierigen Jahren nach dem Krieg ein liebevolles Zuhause zu bieten, das allerdings auch ein sehr ärmliches ist. Sie versucht, die magere staatliche Rente mit gelegentlichen Schneiderarbeiten aufzubessern, um die kleine Familie über Wasser zu halten. Zudem ist sie „zu gut“ für ihre Umgebung und lässt sich von Nachbarn und Verwandten immer wieder über den Tisch ziehen und ausnützen. Verschwiegenes und Tabuisiertes schwingt zuweilen in Randbemerkungen durch. Über den Holocaust wird möglichst nicht geredet, weder vor dem Kind, noch anderswo. An der Oberfläche des Schweigens treibt allenfalls manchmal ein dummer Witz.

Das Leben geht weiter. Irgendwie immer. Irene bemüht sich, eine „gute Tochter“ zu sein und ihrer Mutter keinen Kummer zu machen. Christine Haideggers Schilderung einer „Nachkriegskindheit“ war lange Zeit vergriffen und wurde nun wieder neu aufgelegt. Die kindliche Ich-Erzählerin, die ebenso authentisch wie sympathisch erscheint, wünscht sich das Unmögliche: dass es allen gut geht, dass alle zufrieden sind. Und genau daran scheitert sie auch. „Zum Fenster hinaus“ erweist sich dabei als ein mehrdeutiger Titel, der Sehnsucht nach einem anderen Leben ebenso mit einschließt, wie (harmloses) nächtliches „Aussteigen“ aus einem Internatsfenster – und dabei eine Vorahnung des tragischen Endes mitschwingen lässt.

Die Ich-Erzählerin Irene ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie beobachtet sehr genau und kommentiert, was um sie herum geschieht. Lange bevor sie in die Schule kommt, kann sie lesen und früh beginnt sie auch zu schreiben. Tagebuchaufzeichnungen, Geschichten, sie schreibt sich Probleme von der Seele. Und sie schreibt über die Diskrepanz zwischen ihrer eigenen Wahrnehmung der Menschen ihrer Umgebung und der Wahrnehmung ihrer Mutter, die immer das Gute in allen sehen möchte. Dabei möchte die Mutter auch, dass es die Tochter einmal besser hat, und schickt sie deshalb in eine „Eliteschule“, ein Gymnasium, ein Internat. Dafür verzichtet man darauf, zum Onkel nach Amerika auszuwandern. So wird bereits in der Volksschule Leistungsdruck aufgebaut: Die ohnehin sehr gute Schülerin muss sich noch mehr anstrengen, damit sie ein Stipendium bekommt, die Mutter könnte sich das Schulgeld niemals leisten.

Nach ihrer Aufnahme ins Internat wird Irene auch dort mehr und mehr Verantwortung aufgehalst, sie ist ein beliebtes Kind und eine gute Schülerin, hat ein offenes Ohr für Kinder mit Heimweh und anderen Problemen – und das wird auch von ihr verlangt, selbst von Seiten der Erzieherinnen. Die mal mehr, mal weniger absurden Rituale des Internatslebens schildert Christine Haidegger sehr anschaulich: Den militärisch uncharmanten morgendlichen Weckruf, die Kastenkontrolle, den Tischdienst nach dem Essen, die lückenlos eingeteilte Zeit ohne auch nur irgendwie eingeplante Gestaltungsfreiheit, dafür mit erzwungenen Parkzeiten, Studierzeiten, Waschzeiten, Schuhputzzeiten, Gruppenabenden etc., samt Heimzeugnissen, die den Eltern mitteilen, wie ihre Kinder so sind – oder vielmehr wie sie von den Erzieherinnen gesehen werden. (Etliche dieser Rituale haben sich übrigens über Jahrzehnte hinweg bis zumindest in die 80er Jahre gehalten). Das Internat bleibt namenlos, aber Haidegger schildert den Park, das Schloss, Wege in die Stadt und an den See – Schloss Traunsee ist für Eingeweihte unschwer wiederzuerkennen. Darum geht es aber gar nicht. Es geht weniger um eine bestimmte Schule als vielmehr um einen bestimmten (Zeit-)Geist. Einen Geist der Zucht und Ordnung, der maximale Anpassung verlangt und Individuelles zum angeblichen Wohle der Gemeinschaft unterdrückt. Maximale Kontrolle bei minimalem Rückhalt. Und es ist nicht zuletzt dieser Geist – zusammen mit einem Zuviel an Verantwortung –, der der Elfjährigen so lange die Luft abschnürt, bis sie keinen Ausweg mehr weiß, als „einen großen Schritt in die Luft hinaus“ zu tun.

Irene glaubt sich verantwortlich für das Glück ihrer Mutter, die längst nach Amerika auswandern hätte können, wenn sie keine Tochter hätte. Sie fühlt sich verantwortlich für andere Kinder, die mit ihrem Heimweh zu ihr kommen und sich trösten lassen. Und je mehr sie sich um andere kümmert, desto weniger schafft sie es, ihren eigenen schulischen Erfolg zu sichern. Dazu kommen Sorgen um die Mutter, die dabei ist die Wohnung zu verlieren und von ihren Nachbarn bedroht wird. Das alles ist zu viel für das Kind. Irene möchte „so gerne mit jemandem darüber reden“, aber in der Schule geht es darum zu lernen, mit „Problemen selbst fertig zu werden“ (S. 285). Oft Wiederholtes oder stark BETONTES steht dabei in Versalien (siehe Leseprobe). So stecken die anderen die Rahmenbedingungen ab.

Drei Mal kommt das Motiv „Zum Fenster hinaus“ zentral vor: einmal springt Irene in der Nacht aus einem niedrig gelegenen Internatsfenster, um heimlich draußen zu lesen, einmal steigt die Mutter aus dem Fenster ihrer Wohnung, um vor dem betrunkenen, aggressiven Nachbarn zu flüchten. Und beim dritten Mal ist alles aus. Trotz seines tragischen Endes kommt das Buch über weite Strecken aber leichtfüßig daher, Christine Haidegger stellt ihre Ich-Erzählerin Irene als sehr genaue Beobachterin dar, die ihre Lebensweisheiten mit erfrischender Offenherzigkeit von sich gibt. Umso stärker wirkt es auch, dass sie am Ende an ihrer Umgebung zerbricht. Damit tun sich auch Parallelen zu B. Travens Totenschiff auf: beide Texte sind von einer Stimme getragen, die ebenso witzig wie traurig sein kann, und in beiden Texten ist dem erzählenden Ich kein Happy-End beschieden. Und in beiden Texten ist es eine sehr authentische Stimme, die ihre Zeit kommentiert. Darüber hinaus hat der Roman „Zum Fenster hinaus“ aber etwas ganz Zeitloses bzw. Aktuelles: Es geht um das alltägliche Ungleichgewicht von Geben und Nehmen, um das Wegschauen, nicht wissen Wollen. Die Forderung, dass alle ihre Probleme selber lösen sollen, ist die Basis für systematisch unterlassene Hilfeleistung. Natürlich: Verantwortung zu übernehmen ist nicht immer einfach. Im Extremfall kann man sogar daran zugrunde gehen.

Sabine Dengscherz
13. Juli 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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