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Christine Haidegger: Zum Fenster hinaus. Eine Nachkriegskindheit.


Leseprobe (S. 175f):

Die Erziehungsleiterin redet uns prinzipiell mit unserer Wäschenummer an. Sie findet das gut, denn so gibt es keine sozialen Unterschiede. Denn manche von den Kindern haben sehr berühmte Väter und damit sich niemand benachteiligt fühlt, redet sie mit uns, als wären wir Gefangene. Was wir ja auch irgendwie sind. Wir haben keine Zeit für einen freien Willen, zumindest nach außen nicht.
Die anderen scheint das nur mäßig zu stören, dieses Geregelte, Eingeteilte, das einem das Denken abnimmt. Man wird ganz leer. Nur mehr darauf eingestellt, zur richtigen Zeit am richtigen Platz zu sein, wie ein Schlafwandler.
Nach dem Mittagessen gibt es zwanzig Minuten Pause, die wir im Park verbringen müssen, egal wie das Wetter ist. Zum Kopfauslüften.
Aber selbst bei Schönwetter ist es verboten, sich irgendwo auf eine Bank oder Wiese zu setzen. Wir müssen herumgehen oder laufen, sollen nicht in Grüppchen herumstehen, sondern gezielt atmen und nach Möglichkeit Turnübungen machen. Sieht eine Erzieherin irgendwo zwei Mädchen beisammenstehen, schickt sie entweder ein drittes dazu, oder trennt die beiden. Es sollen sich keine Freundschaften bilden, es sei denn, innerhalb der Gruppe, zwischen den Großen und den Kleineren, die wie Geschwister sein sollen, oder, mehr noch, die großen Mädchen sollen sogar eine Art Elternstelle an uns vertreten, und wir sollen mit allen Problemen zuerst zu ihnen kommen, ehe wir eine Erzieherin damit behelligen. Wir sollen lernen, alles selbst durchzudenken und zu lösen, wir sollen selbstständig werden. Uns gegenseitig erziehen. Uns nicht absondern und eine beste Freundin haben. Das ist unsozial. Wir sollen alle Mädchen gleichmäßig gern haben. Wie das wirklich zu schaffen ist, kann ich mir nicht vorstellen.

© 2016 Otto Müller Verlag, Salzburg

 

 

 

 

 

 

 


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