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Peter Waterhouse: Der Fink. Einführung in das Federlesen.

Matthes & Seitz, Berlin 2016.
Reihe: Fröhliche Wissenschaft.
158 Seiten, Softcover, 15 Euro.

ISBN: 978-3-95757-262-2.

Autor

Leseprobe

Es sind filigrane Textvorgänge, feinstoffliche gewissermaßen, die in den Essays dieses Bändchens freigelegt werden. Es erweist sich damit auch ästhetisch als Pendant zum 1998 erschienen „Im Genesis-Gelände“, in dessen Studien Waterhouse die generierende Kraft der Silbe in der Lyrik von Celan nachweist und bei Zanzotto den poetischen Raum des „re-member“ als Zusammensetzung des Verlorenen, Präsenz des Abwesenden in der Topologie der Landschaft erkennt. In dieser erhebt sich nun luftig-leicht „der Fink“, der sich ebenfalls aus einem einzigen Laut generiert, wenn Waterhouse in den Sprachmetamorphosen bei Mayröcker die Verwandlung des Lautes pinx in pink und Fink vollzogen sieht und diese aus der Lektüre heraus weiterspielt: „Aus dem Wort fing wird der Vogel Fink oder der Mann Fink oder der Vogellaut Fink (…) wird der Mann verwandelt in Jauchzen und Gesang und gekleidet ins Federkleid der Finken und in die Blüten der Bäume?“

Das „Gedicht im Entstehen“ bei Mayröcker wird sichtbar als Vorgang lautlicher Transformation, die Vielfalt der Prozesse von poetischer Sprachwandlung stellt Waterhouse einer eindimensionalen „Ja/Nein-Sprache“ entgegen. „Die Übergänge in dem Gedicht sind also Übergänge zu einer sich selbst aussprechenden Sprache, Übergänge zur Poesie.“ Die Worte haben „Unbedeutungen, sind wie Bewegungen und Flüge“, Anfang wie Ende, selbst der Tod werden als Übergang gedeutet, „so dass etwas fern Getrenntes wirklich auch etwas nah Verbundenes sein kann.“ Schwere und Wirksamkeit der Worte ersetzt Waterhouse durch die „Leichtkraft“, mit der im Gedicht die Sprache „aufersteht“, zum Medium einer luftigen Durchlässigkeit wird: „Der bedeutenden Sprache stellt das Gedicht die entstehende gegenüber“, so lautet einer der programmatischen Sätze in diesem Buch.

In fünf poetologischen Studien wird hier dem Instabilen und Gewichtlosen in Sprachklang und Wortlaut nachgelauscht, akribisch wird der Wirksamkeit von Sprache nachgegangen, um „die Kampfzone zu verlassen, die bewaffnete Sprache also zu verwandeln in die entwaffnende“. Die Texte sind jeweils anlassbezogen entstanden als Vortrag, Laudatio, Rede oder „Lecture“ zu Preisverleihungen (Laudatio für Mayröcker, Fried-Preis an Waterhouse), der abschließende Text zu Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ resultiert aber aus der Arbeit mit dem „Versatorium“, einer von Waterhouse ursprünglich universitär begründeten, produktiv weitergeführten jungen Übersetzergemeinschaft. Wie in der analysierenden Rede zu Erich Frieds Vietnam-Gedichten wird auch hier institutionelle Gewalt mit ihrer manipulativen Sprache der Verfälschung dekuvriert. Der Umgang mit Schutzsuchenden nach Gesetzesparagraphen veranlasst Waterhouse zur Frage nach dem „Schutz vor dem Schutz, Schutz vor der Sicherheit? (…) Ist Deutsch eine Anstalt geworden?“ Er ruft in Erinnerung, „dass das Wort einmal aus einem anderen Land gekommen ist, fremd war und aufgenommen wurde, ein fremdes Recht, weit gereist wie die, die Asyl suchen.“ An einer winzigen Differenz, einem möglichen Druckfehler, erschließe sich in Jelineks Stück dagegen etwas wie Wahrheit: „Fehlt manchen Druckfehlern gar nichts? (…) Fast ganz versteckt in einem Kleinbuchstaben ist das kleine Zeichen der Schönheit.“

Schon in seiner Zanzotto-Übersetzung sprach Waterhouse vom „Federkleid aus Unabschließbarkeit“, er macht viel Federlesen um Kleinigkeiten, kehrt das Mörderische einer Haltung, die „nicht viel Federlesen macht“ ins Positive einer filigranen Fragestruktur um. Unter Wandel und Transformation bildet sich dabei ein Begriff des „Kontinuum“ heraus, den Waterhouse schon in seinem Band „Die Geheimnislosigkeit“ als Grundton unter den jeweiligen Momenten belegt hat. Wieder greift Waterhouse auf die in seinem wuchtig-zarten Epos „(Krieg und Welt)“ entwickelte Frageform zurück, in der „die Sprache selbst zum Ereignis wird“ (Christine Vescoli in einer Rezension auf www.literaturhaus.at), lässt sich durch klangliche und assoziative Impulse leiten, die auch alogisch und nicht immer wissenschaftlich haltbar durch mehrsprachige etymologische Klangspiele gehen, sich entziehen und mit dem Unsinnigen spielen; dahinter steht die Rebellion gegen den festgemachten Sinn und den autoritären Begriff: „(…) gestatten Sie mir den Unfug“, schiebt der Erzählende im „Fink“ ein, und sein „Unfug“ erweist sich dann als filigranes Federlesen verklebter und verfilzter Formulierungen, um die Laute wieder einer fröhlichen Luftigkeit zuzuführen.

Verblüffend und erstaunlich immer wieder die Konklusionen, mit denen die Texte schließen, indem sie etwas eröffnen. Schön das Layout und elegant, manche Eigenwilligkeiten lassen sich allerdings optisch nicht so leicht auseinander klauben: Zitate gehen nahtlos über in die Interpretation, nur am Anfang wird der Eintritt in den Fremdtext gekennzeichnet durch einen kleinen hochgestellten Kreis. Aber vielleicht steht ja auch hinter diesem Anverwandeln die Innensicht einer akribischen Lektüre? Der Mitvollzug dieser Texte fordert und fördert so jene Konzentration, mit der Waterhouse nicht nur dem Wortsinn auf der Spur ist. Von der Schreibfeder zum Federlesen führt die sublime Lektüre des „Fink“ in Zonen größter poetischer Intensität.

Martin Kubaczek
25. Juli 2016

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