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Gerald Lind: Lumbers Reise.

Roman.
Berlin: Neofelis Verlag, 2016.
274 Seiten, Hardcover, Euro 19,-.
ISBN 978-3-95808-045-4.

auch als E-Book (PDF) erhältlich.

Autor

Leseprobe

Samuel Lumber ist per Bahn unterwegs nach Boston, um dort einer Konferenz beizuwohnen. Doch der Zug verunglückt, und als Lumber wieder zu sich kommt, wird er von einem Mädchen, das vor dem Unfall neben ihm im Abteil saß, gebeten, ein entlaufenes weißes Kaninchen zurückzuholen. Noch etwas benommen, macht Lumber sich auf den Weg und in einem nahegelegenen Wald auf die Suche nach dem Tier, ohne zu ahnen, was diese Reise für ihn bereithalten wird.

Am Beginn von Gerald Linds neuem Roman „Lumbers Reise“ steht also, wieder einmal, ein weißes Kaninchen. Doch dieses Mal folgt diesem nicht ein kleines Mädchen namens Alice, sondern ein Amerikaner mit österreichischen Wurzeln, der sich schließlich an einem Ort wiederfindet, der im Gegensatz zu Lewis Carrolls Wunderland nichts Kindliches oder Unschuldiges mehr an sich hat, sondern um einiges düsterer daherkommt. Denn es handelt sich hierbei, wie Lumber (und auch dem Leser) bald zu dämmern beginnt, weniger um ein Reich der Phantasie als vielmehr um ein Reich des Todes, in dem zum Teil Gesetze herrschen, die sich nicht mit jener Welt vereinbaren lassen, die wir zu kennen glauben.
Wo genau Lumber sich befindet, bleibt allerdings unklar, ebenso die Frage, aus welchem Grund er sich dort aufhält. Vielleicht ist er bei dem Zugsunglück gestorben, vielleicht aber auch nicht – Tatsache ist jedenfalls, dass sich der Übergang von der einen in die andere Welt nicht plötzlich, sondern graduell und erst mal mehr oder weniger unbemerkt vollzogen hat. Robert Holzer, eine Art Alter Ego von Lumber, dem dieser schon bald auf seiner Reise begegnet, versucht diese Art sukzessiver Transition mit folgenden Worten zu erklären: „Wann das genau begonnen hat, wann ich die Grenze überschritten habe, hab ich gar nicht bemerkt. Es kann nicht zum Todeszeitpunkt passiert sein, ich denke eher, dass das fließend verläuft. Sterben verläuft fließend. Nicht wie in den Filmen, wo es bumm macht und dann legt der Hilfssheriff den Finger an die Halsschlagader und sagt: Er ist tot, Boss. Sterben ist langsam. Entzieht sich. Dir, mit allen. Trotzdem merkt man es irgendwann. Irgendwie.“ (S. 49)

„Lumbers Reise“ dreht sich, wenn man es auf ein Schlagwort herunterbrechen will, in erster Linie um das Sterben, um den Tod, und behandelt dabei essentielle Fragen, die sich die Menschheit seit jeher stellt: Was passiert, wenn man stirbt, merkt man das selbst überhaupt? Existiert ein Leben danach, und wenn ja, wie sieht dieses aus? Im Fall von Lumber zumindest gibt es definitiv eine Art Leben nach dem Tod, und zwar eines, das sich überraschenderweise nicht grundlegend von seinem vorherigen unterscheidet. Nicht zu Unrecht bemerkt er auf seiner Reise des Öfteren, dass sich alles „unrealistisch normal“ anfühle: „Wenn man ein paar Begleitumstände beiseite ließ, könnte man meinen, das hier sei ein Wanderausflug.“ (S. 85)
Eine zentrale Frage des Romans ist auch, ob man überhaupt von Sterben sprechen kann, wenn man, wie Lumber, nie wirklich gelebt zu haben scheint: „Ich hatte immer das Gefühl, als würde ich auf Stand-by stehen, auf irgendetwas warten. Immer habe ich über alles nachgedacht. Bevor es passiert ist. Ohne dass es passiert ist. Ich habe mir ausgemalt, was wäre wenn. Hatte ein fiktives Leben. Oder zumindest kein reales. Ein zu wenig reales. Viel zu wenig. Was die Realität betrifft, bin ich noch Jungfrau. Da hat auch keine Therapie geholfen. Kein Medikament.“ (S. 151) Wie Lumbers Leben hätte aussehen können, wenn er sich mehr getraut hätte, führt ihm buchstäblich Holzer vor Augen, der nicht nur eine österreichische, sondern vor allem auch eine lebendige Version Lumbers darstellt – und insofern vielleicht sogar als die eigentliche, die geheime Hauptfigur des Romans angesehen werden kann.

Trotz der komplexen Themen und Fragen, die der Text aufwirft, mehrerer Ebenen sowie vieler Referenzen, Verweise und Zitate ist „Lumbers Reise“ ein überaus lesbares und, entgegen der prominenten Rolle des Todes darin, lebendiges Werk, das niemals zu gekünstelt oder zu sperrig wirkt. Es ist ein mutiger Roman, der die Leser, einem weißen Kaninchen gleich, in eine andere Welt entführt, in ein Wunderland, das zu entdecken sich lohnt – ganz egal, ob man sich nun in den dessen Tiefen verlieren oder lieber an der Oberfläche verharren möchte. Holzer trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er meint: „Über das hier […] könnte man wohl ziemlich viel und ziemlich intensiv nachdenken. […] Aber scheiß drauf. (S. 117)

Simon Leitner
27. Juli 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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