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Funkhausanthologie 30. Woche 2016

 

Beiträge 231-230

von:Werner Richter, Christian Polansek, Herbert Eigner, Susanne Falk, Rosi Grieder-Bednarik, Karl Bednarik (Teil 1), Gia Simetzberger, Karl Bednarik (Teil 2), Hermann Greller, Brita Steinwendtner

 

Werner Richter: FUNK : HOUSE : BLUES
 
Da gab’s mal das Funkhaus im Vierten
Das respektlose Haie ergierten
Irgendwann war’s geschafft
Dank dem köstlichen Saft
Mit dem sie den Stiftungsrat schmierten
 
Einblick in die Werkstatt:
 
Also es ist so: wenn ich ein Gedicht angehe, schreibe ich mir meist zuerst das auf, was ich eigentlich sagen will:
 
Das Funkhaus soll verkauft werden
Dahinter stehen primitive Instinkte sowie Respekt- und Geschichtslosigkeit
und garantiert auch ein Batzen Geld
Die Verantwortlichen werden irgendwann weg sein
Und das Funkhaus dann aber auch
 
Insofern ist dieser Limerick nur begrenzt gelungen. Aber letztlich fasst er das Wesentliche doch zusammen. Das Ganze ist einfach furchtbar. Wenn es so weit kommt.


Christian Polansek: Das Funkhaus

Manche haben ein Heizhaus, die anderen haben ein Wohnhaus einige treiben sich in einem hohen Haus herum. Manche haben gar kein Haus und treiben sich daher den ganzen Tag im Freien freien herum. Die Funken wohnen nicht im Funkenhaus, sondern im Funkhaus. Es ist wichtig ein Funkhaus zu haben, damit, wenn es funkt und blitzt jeder Funken brav und ordentlich ins heimelige Radio flitzt. Wenn das Funkhaus weg ist, weiss niemand mehr, wo es funkt und blitzt. Der die das Radio ist über das Blitzen im Funkhaus froh. Woher kommen die ganzen Funken ins Österreichische Radio, wenn das Funkhaus nicht mehr funkt und blitzt? Sitzt der Herr Frau Reporter und Reporterinnen dann ohne Blitz- und Funkmaschine im Draußen. Ist er dann dem großen Blitz ausgesetzt? Schluss aus, jeder große und kleine Blitz und Funken braucht sein Haus, sonst kennt sich beim Funken und Blitzen gar keiner mehr aus. 


Herbert Eigner: Einfach zum Nachdenken

Vor ein paar Jahren schlug mir eine Schauspielkollegin vor, meine Texte – ich bin ja eigentlich Schriftsteller – in der Ö3-Sendung Einfach zum Nachdenken zu sprechen. Kaum war dieser Vorschlag an mich herangetragen worden, saß ich bereits im Foyer des Funkhauses in der Argentinierstraße und wartete darauf von der zuständigen Redakteurin zur Aufnahme abgeholt zu werden. Aufgeregt war ich schon als ich die Eingangstür zum Funkhaus öffnete und mich anmeldete. Ist ja nicht alltäglich in diesem legendären, aus der österreichischen (Rundfunk-)Geschichte nicht wegzudenkenden, Gebäude meine Gedanken in ein Mikrofon zu sprechen ... Gedanken, die dann auch tatsächlich im Radio gesendet und von nicht gerade wenigen Menschen gehört werden. Mittlerweile bin ich Stammgast im Funkhaus und nehme immer wieder für Einfach zum Nachdenken auf. Alltäglich ist das für mich noch immer nicht. Und obwohl mir das Prozedere des Anmeldens, Abgeholtwerdens und Aufnehmens sehr vertraut ist – die Aufregung bevor ich die Türe des Funkhauses öffne, hat sich nicht gelegt und wird nie ganz verschwinden, denn aus der Aufregung des Neuen ist die Vorfreude auf das Vertraute geworden. Ich wäre alleine zwar in den historischen Gängen verloren, aber sie sind ein Teil meines Schriftstellerlebens geworden. Wie auch die zahllosen Türen in den Gängen, die für mich so viele Geheimnisse bergen. Und genau darin liegt für mich das Besondere des Funkhauses: Im Geheimnisvollen, das jeder Kunst, jeder Kultur innewohnt. Auf dem Funkhaus steht ja nicht umsonst Radiokulturhaus geschrieben. Denn das Funkhaus ist ein Haus der Kultur, davon zeugt allein die Tatsache, dass eine Sendung wie Einfach zum Nachdenken auf Ö3 immer noch Platz hat.

 
Susanne Falk

Der große Sohn, der mir heute bis zur Schulter reicht, ist gerade erst geboren. Wir, enthusiastische aber permanent überforderte Eltern, tragen das Kind durch die kleine Penzinger Wohnung, immer auf der Suche nach Schlaf. Koliken sind eine schlimme Sache und das Babygebrüll schraubt den Lärmpegel auf ein unerträgliches Maß nach oben. Bauch pusten, Bauch streicheln, Bauch massieren, Bauchwehtropfen, Bauchwehzapferl – nichts hilft. Irgendwann kommt der ermüdete Griff zum Radioknopf. Wenigstens etwas Musik für die gestresste Elternseele! Plötzlich wird es ganz ruhig. Ein paar Takte von Mahlers Erster und Mutter, Vater und Kind entspannen sich endlich. Und dann ertönt die Stimme meines frisch gebackenen Doktorgroßvaters, Murray Hall, aus dem Radio und erzählt mir die Welt auf Englisch. Jeden Morgen ein kleiner Gruß aus dem Funkhaus in unsere Kleinkinderküche und alles wird ein bisschen heiler. Danke!


Rosi Grieder-Bednarik: Was „Radio“ für mich bedeutet

Radio – das war vor 67 Jahren mein Opa, konzentriert den Nachrichten lauschend, mittags und abends. Und mucksmäuschenstill musste ich sein und war fasziniert vom flackernden grünen Katzenauge im Rhythmus der Worte. Radio – das war Musik im Sommer vor 50 Jahren im Schwimmbad aus diesem Kofferradio, den mir meine Oma schenkte und um den mich meine Kusine heftig beneidete, wie sie mir erst vor kurzem gestand. Radio – das war auch spät nachts im Bett die Schlagerparade unter der Tuchent, ganz leise, dass niemand es bemerkte.


Radio – das waren außerdem die Wanderungen am Bisamberg, vorbei am Radiosender, wo wir meinten, die Radiowellen in der Luft rauschen zu hören. Radio – das war besonders die Sonntag Vormittag im Wohnzimmer versammelte Familie, gemeinsam zuhörend. Es lief „Das kleine Literaturrätsel“, die Sendung meines Vaters Karl Bednarik. Ich lasse ihn hier selber zu Wortkommen – in seinen Lebenserinnerungen W.I.W schreibt er: „Ebenfalls an den Sonntagvormittagen wurde „Das kleine Literaturrätsel“ gesendet, für dessen Zusammenstellung ich verantwortlich war. Es war „meine“ Serie, obwohl ich dabei nicht direkt zu Wort kam. Es war eine ohne großen Aufwand gemachte und wenig Kosten verursachende Sendung, die sehr beliebt wurde. Ich stellte aus meinem Fundus Gedichte und literarische Zitate zusammen, die jeweils einem Thema gewidmet waren, zum Beispiel Kalendarisches – wie „Frühlingsbeginn“, „Weihnachten“, „1. Mai“ – oder zeitlos Allgemeines wie „Wasser“, „Schicksal“, „Reisen“ und ähnliches. Mit dieser Reihe habe ich versucht, alte und moderne Literatur bunt gemischt auf populäre Art den Hörern nahezubringen. Regisseur und Sprecher war Walter Davy, Gerda Falk und Alfred Böhm rezitierten die literarischen Texte. Ich legte zu jedem Text Fragen vor, etwa in der Art: „Josef Weinheber oder H. C. Artmann?“, „Herbert Wadsack oder Georg Trakl?“, „Goethe oder Bachmann?“ Beim Erkennen konnte der Mitspieler Punkte für sich buchen. Preise gab es nicht, der Preis war nur das Vergnügen, das Richtige erkannt oder erraten zu haben. Überraschend viele Hörer nahmen daran teil, das war an den Reaktionen und einlangenden Vorschlägen zu erkennen. Eine solche Ratesendung ohne Geld- oder Sachpreise wäre heute nicht möglich. Unverständlicherweise wurde sie von Ernst Schönwiese,?der in seiner Sendung „Du holde Kunst“ feierliche konservative Lyrik brachte, als Konkurrenz empfunden.?Ich darf aber annehmen, mit meiner Sendung einige Menschen mit Produkten wenig bekannter junger Dichter bekannt gemacht zu haben, denn wie mir Buchhändler versicherten, regten sie die Nachfrage nach zeitgenössischer Literatur an.“ Die Einschätzung meines Vaters war wohl zutreffend: „Das kleine Literaturrätsel“ gibt es heute nicht mehr, die Sendung „Du holde Kunst“ hat überdauert und zählt heute zu meinen Lieblingssendungen, besonders die letzten Folgen im Mai, wo bekannte SchauspielerInnen ihre Lieblingsgedichte vortrugen. Was – zwar ohne Rätsel – aber doch den Kreis zur Sendung meines Vaters wieder schließt. Meinem Vater, Maler und Schriftsteller, fiel die Entscheidung zwischen diesen beiden Berufen schwer und eigentlich waren die »Umstände« (und somit auch ein wenig das Radio) schuld, dass er schließlich als Schriftsteller bekannt wurde. 1953 begann seine Arbeit für den Rundfunk: Jörg Mauthe suchte nach dem Ausscheiden von Ingeborg Bachmann einen Mitarbeiter für das von ihm geleitete Skript-Department des US-Senders Rot-Weiß-Rot, diese Stelle übernahm Karl Bednarik bis 1955, danach kam eine kurze Zeit bei der RAVAG, fast nahtlos folgten Drehbücher für TV-Sendungen, vorwiegend zu Themen der Bildenden Kunst und Literatur. Anfangs waren dies Live-Sendungen. Bei „Plaudereien zu Bildern“, das augenzwinkernd „Bilderl-Radio“ genannt wurde: mein Vater blätterte in seinen vielen Kunstbänden, hielt eine Abbildung vor die Kamera, während ein Schauspieler dazu seine Texte vorlas. Heute würde sich Karl Bednarik über den Werdegang seiner Enkelin Saskia Jungnikl freuen! Die Journalistin und Autorin von „Papa hat sich erschossen“ war schon mehrmals auf Ö1 zu hören und trat auch im Radiokulturhaus auf. Das war wohl mein letzter Besuch in diesem ehrwürdigen Sendesaal – falls wir es mit unseren Aufrufen, Wünschen und Sehnsüchten nicht retten können!


Karl Bednarik: Radioarbeit (Teil 1)

Eine neue Kulturzeitschrift war entstanden, „Magnum“, eine der interessantesten dieser Tage und vielleicht eine der besten, die es je in Wien gegeben hat. Ein mir unbekannter Herr Pawek war der Chefredakteur, Fritz Hansen-Love, der Kunsthistoriker Fred Schmeller und der Photograph Franz Hubmann gehörten zum Redaktionskomitee, Hans Schaumberger besorgte die graphische Gestaltung. Ich wurde zur Mitarbeit aufgefordert und, da mir die Zeitschrift gefiel, schrieb ich Kurztexte und Artikel. Beachtung fand einer mit dem Titel „Neue Ideale“. Ich berichtete darin über tüchtige junge Leute, die es Karriere gemacht hatten, gewissermaßen die „Yuppies“ von damals. Darunter war Jörg Mauthe, der infolge des Erfolgs seiner Serie „Die Radiofamilie“ Chefdramaturg des Senders der amerikanischen Besatzungsmacht geworden war. Dieser Sender „Rot-Weiß-Rot“ war beim Publikum beliebter als die von Koalitions- parteien und den Sowjets dominierte RAVAG, wo Fritz die Stelle des Programmleiters angenommen hatte. Fritz und Jörg lagen im dauernden Konkurrenzkampf miteinander. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung der beiden, in der sie einander nicht nur mit Programmvergleichen, sondern mit protzigen Angaben ihrer wachsenden Bezüge zu überbieten versuchten. Mir erschien das kindisch. Sie hätten das nicht nötig gehabt, beide waren einfallsreiche Intellektuelle, Fritz mehr geisteswissenschaftlich engagiert, Jörg der lebensnähere Praktiker. Jörg hat meines Wissens nie geschwankt zwischen einer wissenschaftlichen und einer journalistischen Karriere, nach dem Vorbild seines Vaters hat er sich als Journalist bezeichnet, obwohl er Kunstgeschichte studiert hatte. Fritz dagegen hatte, als ihm vom Intendanten der RAVAG Übelhör die Programmleitung angeboten worden war, mit sich gekämpft, ob er nicht doch lieber die Nachfolge des verstorbenen Kulturphilosophen Theodor Haecker als Übersetzer der Schriften Sören Kierkegaards antreten sollte. Ich glaube, er hat sein ganzes Leben darunter gelitten, dieses Angebot ausgeschlagen zu haben. Er hat mich damals gefragt, wie er sich entscheiden solle: wenn er zur RAVAG gehe, könne er für uns, seine Künstlerfreunde, viel tun. Ich habe geantwortet, er müsse ohne Rücksicht auf andere das tun, was er für sich selbst richtig halte. Trotz aller Konkurrenz blieben Fritz und Jörg lange Zeit Freunde. Als mich Jörg fragte, ob ich zu ihm in den Sender kommen wolle, hatte Fritz seine Hand im Spiel, er hat mich empfohlen. Ich vermute, daß er mich in der RAVAG nicht haben wollte, um nicht des „Nepotismus“ bezichtigt zu werden, vielleicht befürchtete er auch wegen meiner Verfemung durch Kommunisten und Sozialisten in Schwierigkeiten zu geraten, wenn er mich für eine Anstellung vorgeschlagen hätte. Fritz’s Empfehlung wäre nicht notwendig gewesen, denn Jörg schätzte meine Arbeiten. Und er brauchte einen neuen Mitarbeiter in seinem Team.

Kapitel 22 aus W.I.W. (Wir – Ich – Wir. Lebenserinnerungen von Karl Bednarik, 1915–2001), aus dem Nachlass, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 1


Gia Simetzberger: Die Magie des Hörens und der Wandel

Man kennt mich als Augenmensch. Meine Kleidung muß farblich abgestimmt sein. Für Bilderaufhängen brauche ich keine Wasserwaage. Und Gesprochenes sehe ich in Druckschrift laufen, wenn ich mich etwas mehr konzentriere. Und dennoch oder gerade deshalb
bin ich bekennender Ö1-Fan und genoss unzählige Hörerlebnisse so bildhaft, dass sie mir realer erschienen als mein vertrautes Umfeld. Joachim Ernst Behrends „Die Welt ist Klang - eine Soirée vom Hören“ ist darunter. Opernnachmittage, Natur- und Wissenschaftssendungen, „Leporello“, Jazz und Folk gegen Abend und spannende Hörspiele, wie zum Beispiels eine Collage aus Spam-Mails. Da war unlängst auch ein Mail-Chat, der in der beteiligten Frau Sehnsüchte weckte, doch der männliche unbekannt Bleibende vermied das von beiden angestrebte Date. Aus dem Leben gegriffen! Die musikalische Vorstellung eines italienischen Chansonniers war eine weitere Sternstunde, doch leider notierte ich den Namen nicht, vergaß die Sendezeit und so bleibt mir mehr Hören dieser Entdeckung verwehrt. Seit Ö3 nicht mehr ist, was es war, was wohl auch mit dem Exodus des Senders aus dem Funkhaus zu tun hat, und nach dem Aus für Radio Blue Danube bleibt mir gelegentliches Reinhören in FM4, doch weg sind all die guten und informativen Features wie „Musik aus dem Trichter“, „Musicbox“ und die „Hitparade“, die meine Begeisterung für anspruchsvollen Rock und Jazz weckten. All diese Erlebnisschätze gelangten aus dem legendären Funkhaus in der Argentinierstraße zu mir, das ich noch nie betreten habe, aber das wohl ein eigenes Flair haben muss, das dem hohen Niveau der Sendungen entspricht. Allerdings kenne ich den Küniglberg dank einer Führung durchs ganze Haus. Eindeutig erlebte ich ihn als eine gänzlich andere Welt. Eine Zusammenlegung dieser beiden Welten – jedenfalls ist das mein Gefühl! – kann nie und nimmer förderlich sein. Die Eigenständigkeit war bisher gut, warum ändern? Die örtlichen und räumlichen Parameter sollten daher unverändert bleiben. Eigene Wurzeln, unabhängige Entfaltung. Ein traditionsreiches Haus hat sein eigenes Flair. In meiner Heimat verlor ein Bergwirt seine Attraktivität völlig, seit er umbaute und „modernisierte“. Er hat den Geist des Ortes missachtet und die Tradition der Vorväter geschändet, das rächt sich. Radikale Änderungen haben ihren Preis. Ö3 zog aus und verlor seine Faszination. Es muss also einen „Genius Loci“ geben, der anspruchsvolle Vielfalt entstehen lässt. Es liegt also nicht an den Menschen und Konzepten allein. Räume haben ihr Eigenleben. Wenn der Respekt dafür fehlt, geht offenbar etwas verloren. Vermutlich gehört da wie dort alles noch ein bisserl entstaubt, vor allem jedoch entpolitisiert. Wünsche und Programmvorschläge hätte ich für alle ORF-Segmente zuhauf, und die Zwangsgebühr zahle ich knurrend, weil ich mehr und mehr andere Welten auf anderen Kanälen und im Web entdecke und immer seltener unsere heimischen Ikonen besuche, ja mittlerweile meine eigenen Dokumentationen und Kunstfilme produziere und hochlade, weil nun mal diese Möglichkeit besteht und ich meine Kreativität ausleben will. Das Funkhaus aber ist ein altes Stück Heimat und Erinnerung. Die Live-Übertragungen aus dem Sendesaal ...
Nun, das Herz brechen würde mir ein Künigl-Transfer nicht, denn alles hat einmal ein End'. Und doch, der Abschied vom „echten Ö3“ war bitter genug und daher mein Aufschrei:
Jetzt nicht noch mehr Deformation, Degeneration, Deterioration und Verflachung anhand globaler Vermarktungskonzepte, die durch die beabsichtige Zentralisierung zu mutmaßen ist.
Wenn es so weit käme, dann bin ich halt einfach weg auf anderen, frischen Kanälen – dort, wo ich mir „Honig holen kann“. Solange nicht auch diesen vielen Kleinen in diesen turbulenten Zeiten durch die zunehmende Beschneidung unserer bürgerlichen Freiheiten ein „Aus“ blüht. Sehr spannend jedenfalls, wie der Umbruch weitergeht. Wie es aussieht, wird die Zukunft den Medien gehören, die vielseitig, offen und authentisch sind. Man wird ja – hören.


Karl Bednarik: Radioarbeit (Teil 2)

Im Unterschied zu dem Riesenapparat der RAVAG war „Rot-Weiß-Rot“ eine Greislerei. Die ganze Dramaturgie, das sogenannte „Skript-Departement“, bestand aus fünf Personen: Jörg Mauthe, seinem Subchef und Partner Peter Weiser, der Lyrikerin Ingeborg Bachmann und zwei Sekretärinnen. Diese fünf Leute besorgten die Vorbereitung des gesamten literarischen Programms, wofür in der RAVAG einige Dutzend beschäftigt waren. Nachdem Ingeborg Bach- mann mit einem Hörspiel großen Erfolg errungen und gut verdient hatte, kündigte sie. Als Ersatz hatte Jörg Mauthe neben mir Wolfgang Kudrnofsky ins Auge gefaßt, der Psychologie studiert hatte und als Photograph bekannt war. Vorher machte Mauthe mit mir Aufnahmen für eine Radiosendung, ich nehme an, zur Erprobung meiner Tauglichkeit. Louise Martini interviewte mich über meine Arbeit, ich sollte eigene Texte lesen. Das ging schief. Ich war nervös, stotterte, meine rauhe ungeschulte Stimme schien mir völlig ungeeignet. Moldovan, der dabei war und meine Texte probeweise vorlas, hat sie besser vorgetragen. Hätte ich über meine Leistung zu urteilen gehabt, hätte ich von einer Sendung abgeraten. Was Peter Weiser und Walter Davy geäußert haben, habe ich vergessen. Jörg Mauthe sendete die Aufnahme. Mein Kurztext „An der Grenze“ hat ihn betroffen gemacht, er war einer der Wenigen, die mit ihm etwas anfangen konnten. Jörg hat mich seit unserer ersten Begegnung beeindruckt, ich habe über ihn notiert, daß er aussehe, wie aus Ton gebrannt: hart, aber spröd und zerbrechlich. Wie der Maler Lehmden hatte er die rechte Hand verkrüppelt, es fehlten ihm die vorderen Glieder dreier Finger. Nach seiner Aussage hatte er sie sich als kleiner Bub, als er unvorsichtig mit einem Beil hantiert hatte, selbst abgehackt. Er war nie Soldat gewesen, weil er kein Gewehr hätte halten können. Obwohl er mit mir nie über seine Erfahrungen mit dem Tod gesprochen hatte, war er wie ich ein Grenzgänger, der den im Leben immerwährend wirkenden Tod erkannte – das hat uns in Zukunft bis zu seinen letzten Lebenstagen verbunden. [...]?Rührend, und mich ein bißchen belustigend, nahm sich Ingeborg Bachmann meiner an. Sie lud mich ein und gab mir Ratschläge. Sie wußte, daß Weiser nicht für meine Aufnahme war, äußerte die Meinung, daß er mir hart zusetzen würde und riet mir, wie ich ihm mit Ignoranz widerstehen könnte. Weiser wäre ein Vielwisser, ein lebendes Lexikon, man könne ihm nur beikommen, wenn man ihn mit Wissen verblüffe, das er nicht besaß. Ich bin dann mit ihm ganz gut ausgekommen, zuweilen unterstützte er mich sogar, wenn ich mit Mauthe Differenzen hatte.?Wir vereinbarten ein Probemonat. Ich sollte mich fürs erste in Radioskripte einlesen und eingereichte Texte lektorieren. Die Büroräume bestanden aus Zimmer und Küche in einem Miethaus in der Neubaugasse. Im Zimmer residierten Mauthe und Weiser, neben sich hatten sie ihre Sekretärin Frau Gert. In der Küche saßen Kudrnofsky und ich an zwei gegenüberstehenden Schreibtischen, daneben ein Tischchen, wo Frau Wehle, wenn sie nicht gerade Kaffee kochte, auf Wachsmatrizen die fertigen Manuskripte tippte, die dann mit dem Hektograph in benötigter Anzahl abgezogen wurden. Hinter mir tropfte die Wasserleitung. Alle Besucher der Chefs mußten an uns vorbei. Meist kamen Leute mit Vorschlägen für Sendungen. Frau Wehle empfing sie und geleitete sie ins Zentrum der Entscheidungen. Waren es namhafte Personen, stellte Mauthe mich ihnen kurz vor – er genoß es, in seinem Vorzimmer eine „Berühmtheit“ wie mich sitzen zu haben. Kudrnofsky schied bald aus, ich blieb. Das Gehaltsangebot war verlockend, es würde mir erlauben, notwendige Anschaffungen für unser Haus zu treffen und meiner Familie ein gesichertes Leben zu bieten. Vorher war noch ein Einstellungsgespräch mit den drei Direktoren zu führen. Ich erinnere mich an die Herren Sils und Bardos, beide in der Emigration amerikanisierte Juden. Der höherstehende Dritte, ein echter Ami, ließ mich unbeachtet. Die beiden anderen zeigten sich mir gewogen, sie wußten, daß ich im linken Widerstand gegen die Nazi gewesen war. Sie fragten, welche Erfahrungen ich mit der Herstellung von Radiosendungen hätte. „Keine“, gab ich zu. „Aber Sie hören doch Radio?“ Ich besaß nicht einmal einen Apparat, seit meiner vor Jahren vom Finanzamt wegen Steuerrückständen exekutiert worden war. Sie lachten, als ich ihnen das erzählte. Zuletzt erfolgte noch in der US-Botschaft die Überprüfung meiner politischen Verläßlichkeit. Auch dort lachte man, weil ich erwähnte, daß mich meine alten Genossen für einen Verräter hielten und deshalb schnitten. Anzunehmen war, daß mich ihre Geheimdienste längst überprüft hatten.

Kapitel 22 aus W.I.W. (Wir – Ich – Wir. Lebenserinnerungen von Karl Bednarik, 1915–2001), aus dem Nachlass, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 2


Hermann Greller: Erinnerungen an das 1. RADIO in der Familie

Unter finanziellen Opfern kauften meine Eltern einen Volksempfänger. Das war im Jahre  1941, kurz nachdem mein Vater als Schwerkriegsinvalide von der Front nach Hause gekommen war. Ich war damals 4 Jahre alt und schon sehr beeindruckt, dass da Stimmen und sogar Musik aus einem „Kastl“ herauskamen. Nachdem noch Krieg war, erklärte mir mein Vater, wer Herr Hitler war, mit seiner kreischenden Stimme, und er äußerte sich nicht gerade freundlich über diesen (expressis verbis:) Narren. Nach dem Krieg wohnten wir am Rande Wiens. Am Sonntag, wenn aus dem Stadion nun Fußballspiele übertragen wurden, war lautes Geschrei aus den Häusern und Gärten zu hören, überhaupt wenn Tore geschossen wurden. Gejohle durchzog unsere Straße. Die Siedler (Männer) brüllten ihre Meinungen über die Zäune in Gärten und Häuser. Nach den Spielen wurde dann noch lange diskutiert, und es war ein schönes Gemeinschaftsgefühl unter ihnen. Später als Schüler hörte ich automatisch mit, welche Sendungen bei meinen Eltern beliebt waren. Mein Vater war (sicher auch aufgrund seiner schweren Verwundung) eher ein ernster Mensch. Umso mehr freute ich mich, wenn an bestimmten Tagen die „Löwinger Bühne“ ausgestrahlt wurde und mein Vater herzlich lachte. Als unser Nachbar ein neues Haus baute (so etwa um 1950), hatte der Bauhilfsarbeiter einen Kofferradio mit Batteriebetrieb bei sich und spielte den ganzen Tag in der Baugrube. Braun gebrannt und muskulös, arbeitete er zur Musik den ganzen Tag, was mir sehr imponierte. Als Kind glaubte ich, dass dies der richtige Beruf für mich wäre, schon allein wegen der guten Stimmung durch das Radio. Das war natürlich ein vorübergehender, kindischer Traum, den meine Eltern schnell verscheuchten. Nach dem Volksempfänger kauften sich meine Eltern ein Minerva Radio (so um 1955), was schon durch die schöne Verkleidung nach Luxus roch. Ich freute mich auf die „Autofahrer unterwegs“-Sendung, denn da war sehr viel Musik zu hören. Zur Zeit des Bundesheeres (1957) erwarb ich ein Kofferradio Marke Trixi,  das ich mitnahm, wenn ich mit meiner Freundin mit dem Motorroller auf ein Picknick fuhr. So ist meine Geschichte untrennbar mit dem Funkhaus verbunden.


Brita Steinwendtner

Wir von den Landesstudios kamen aus dem Runden. Aus dem Silbernen und Feuerroten
der futuristischen Gebäude von Gustav Peichl. Das Funkhaus in Wien war vom Vertikalen und Eckigen bestimmt, so kam es mir vor, als ich es das erste Mal betrat, es war stringent und strahlte Analytik aus, geordnete Verhältnisse und Zuversicht, zugleich eine schöne Offenheit und im Inneren labyrinthartige Zellen, die auf Vielfalt schließen ließen. Das ist eine gute Voraussetzung für etwas, was für mich von je und immer noch und so soll und muss es bleiben! der Kern einer inhaltlichen Vorstellung war und ist: Gedanken-Gebäude. War und ist Weite, Mut, Puls der Zeit, Idee von Zukunft;  Enthusiasmus, den Menschen draußen im ganzen Land sinnvolle und kluge, traditionsreiche und innovative, humorvolle, herausfordernde, verzaubernde und weiterbildende Hör-Erlebnisse zu gestalten, ja, zu schenken. Funkhaus – Funkenhaus, sprühend. Ich rede vom Programm Ö1 und hier vor allem von der Kultur und noch einmal ins Detail gedacht, von der Literatur. Literatur und jene, die sie für ein Millionenpublikum in Bericht, Rezension, Erzählung, Hörspiel oder Theater gestalten, brauchen Leben, Individualität, Phantasie, Unreglementiertheit, sie brauchen das Gegenüber, zu dem und für das sie sprechen. Das geht nur im Herzen einer Stadt, dort, wo sie atmet, pulsiert, hustet oder kotzt, dort jedenfalls, wo alles ist: Traum und Elend. Das Funkhaus ist das RadioKulturHaus, dorthin kann man gehen und dorthin kann man denken als Hörerin, als Hörer, dort hat Kulturvermittlung ihren eigenen und eigenständigen Ort, der zunehmend wichtiger wird, je mehr die Landesstudios ihre kulturelle Kompetenz an Ö1 abgeben. In diesem Haus ist Kultur nicht Teil und nicht Großraumbüro eines Multiunternehmens, in dem Mainstream gefordert wird. Hier, im ungestylten, aber reich an klugen  Traditionen gesättigten Haus in der Argentinierstraße ist der Ort  für das Widerständige, den gehüteten und gefährdeten Schatz, den wir alle haben, brauchen und der hier verteidigt wird: die Freiheit des Denkens.

 

 

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