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Funkhausanthologie 31. Woche 2016


Beiträge 331-340

von: Karl Bednarik (Teil 3), Elisabeth Schöffl-Pöll, Karl Bednarik (Teil 4), Birgit Schwaner (Teil 1), Karl Bednarik (Teil 5), Helmut A. Gansterer (Teil 1), Birgit Schwaner (Teil 2), Helmut A. Gansterer (Teil 2), Herbert Arlt, Helmut A. Gansterer (Teil 3)


Karl Bednarik: Meine Sendungen (Teil 1)

Die Radioarbeit war nicht uninteressant, aber sie befriedigte mich nicht. Versagt habe ich bei der von mir erwarteten Mitarbeit an der Radiofamilie. Bisher hatte sich das Dreierteam die Schreiberei so geteilt, daß jeder alle drei Wochen ein Manus schreiben mußte. Ich sollte an Stelle von Ingeborg Bachmann einspringen. Ich traf nicht den mir heuchlerisch erscheinenden feinen Josefstadtton, den man der Mittelstandsfamilie zuschrieb. Es war natürlich so, daß er den Hauptdarstellern Hans Thiming, Wilma Degischer, Hella Servi und Guido Wieland sozusagen in den Mund geschrieben war. Ich sah die bürgerliche Wirklichkeit anders, redeten doch auch die Autoren selbst nicht so. Und die Problemchen, um die es ging, waren mir zu oberflächlich und hatten mit meiner Lebenserfahrung nichts zu tun. Ich führte als neue Figur einen Arbeitersohn ein. Das war ein Fehlschlag. Ich glaube, Weiser hätte mich auf der Stelle entlassen, wäre er dazu ermächtigt gewesen. Mauthe verhinderte es, schrieb meine Beiträge um und erließ mir die Mitarbeit. Die beiden mußten sich nun die „Radiofamilie“ im zweiwöchigen Takt teilen.  Mehr lag mir eine Serie von Funkfeuilletons und Dokumentationen. Unter dem Titel „Was ist modern?“ machte ich eine Reihe zu zeitgenössischen Problemen. Mit dem späteren Fernsehdirektor Dr. Hartner als Regisseur und dem blinden Blindenlehrer Dr. Maier gestaltete ich die stark beachtete Sendung „Wie sieht der Blinde die Welt?“ Es war eine typische Radiosache, weil wir alle Geräuscheffekte durchspielten, die es Blinden ermöglichen, sich in der Welt der Sehenden zu orientieren. Erwähnenswert sind die mit Herbert Fuchs und Helmut Qualtinger gemachten ironischen Features über den Wurstelprater und über die damals aus irgendeinem Grund journalistisch aufgewärmte Tragödie von Mayerling.?Wegen des Hörspiels von Dylan Thomas „Unter dem Milchwald“, das der Lyriker Erich Fried übersetzt hatte, geriet ich in Konflikt mit Jörg Mauthe. Er lehnte es ab, ebenso sein Hauptregisseur Walter Davy – es war ihnen zu artifiziell und zu wenig realistisch. Zu ihrer Ablehnung mag auch beigetragen haben, daß der Lyriker Dylan Thomas wegen seiner wüsten Alkoholexzesse verschrien und Erich Fried als deklarierter Kommunist bekannt war. Letzteres hätte eher mich stören müssen, aber ich halte das Hörspiel noch heute für eines der besten, die je geschrieben wurden. Es besteht aus in ihren Träumen ausgesprochenen Sätzen der Bewohner einer kleinen Stadt über ihr Leben. Bemerkens- werterweise unterstützte mich Peter Weiser. Dem Regisseur Dr. Peter Fürdauer, der damals Dramaturg am Burgtheater war, ge el es und er produzierte es. Die Sendung kam so gut an, daß sie wiederholt werden mußte.

Kapitel 22 aus W.I.W. (Wir – Ich – Wir. Lebenserinnerungen von Karl Bednarik, 1915–2001, Schriftteller), aus dem Nachlass, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 3


Elisabeth Schöffl-Pöll: Wie das Dirndl vom Tanz
 
Als ich in den 85ern mit Literatur an die Öffentlichkeit trat, war ich ja noch nicht von Funk und Fernsehen kaputt gemacht worden. Als Landkind war mir eine gewisse Naivität eigen, die mir im Grunde zu Hilfe kam. Die Jungen würden sagen, ich schiss mir nichts. Durch meine Tätigkeit in einem politischen Bundesbüro stand ich mit hohen Politikern auf Du und Du und hatte keine Autoritätsprobleme. Mit meinen ersten Werken schlenderte ich also Ende der Achtziger ungerührt ins Funkhaus wie das Dirndl zum Tanz , um Termine zu vereinbaren bzw. meine ersten Werke für Sendungen anzupreisen. Man wunderte sich zwar allerorten, aber ließ mich doch gewähren und ließ mich in die heiligen Räume eintreten, obwohl im Hintergrund Aufnahmen stattfanden. Der Vorteil war – man merkte sich meine Person. So lud mich Johannes Twaroch, damals überaus engagierter Leiter der Literaturabteilung, später ein, mit ihm im Vorstand des Arbeitskreises Literatur im Bildungs- und Heimatwerk mitzuarbeiten. Wir veranstalteten gemeinsam großartige Lesungen und Buchpräsentationen im Marmorsaal des Landhauses, aus unseren Werken lasen keine Geringeren als Erich Auer und weitere namhafte Persönlichkeiten.


Karl Bednarik: „Der Watschenmann“

Zu großer Popularität und einigen Skandalen brachte es der am Vormittag jedes Sonntags gesendete „Watschenmann“. Diese typische Mauthe-Kreation, bissige Rundumschläge, vorwiegend innenpolitischer Art, richtete sich stark gegen den „Amtsschimmel“, also gegen bürokratische Mißstände. Sie stand gewissermaßen unter dem Shakespeareschen Motto: „Denn wer ertrüg’ der Zeiten Geisel, des Mächt’gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist.“ Die Sendung ging meiner Ansicht nach leider an ernsthafter Gesellschaftskritik vorbei. Ich bezeichnete sie ironisch als eine Art von Ersatzgottesdienst für atheistische Spießer, denn sie lieferte auf spaßhafte Art vorwiegend, der Mentalität vieler österreichischer Bürger entsprechend, Vorwände zur Raunzerei. Verändert hat sie wenig, sie rief nur den Zorn der angegriffenen, meist von Sozialisten dominierten Institutionen hervor. [...] Als Angestellter des Senders gehörte ich automatisch zum Team. So war es nicht verwunderlich, daß es einmal zu einer Flugzettelaktion der SPÖ kam, in der, obwohl viele Spitzenleute der Partei längst eingesehen hatte, daß sie mich zu Unrecht als Arbeiterfeind bezeichnet hatten, uneinsichtige Funktionäre auch meinen Namen zum Angriff gegen die Sendung benützten. So erhielt ich gewissermaßen als „Söldling“ des Kapitalismus die Retourwatsche für das ganze Team. Ein viel scharfzüngigerer und eifrigerer Mitarbeiter, Wolf Neuber, war es mir fast neidig. Ich hatte ihn schon als eines der jüngsten Mitglieder von Fritz’s bündischer Jugendgruppe gekannt. Er war als Schauspieler und Sprecher hervorgetreten, nun wurde er auch als Autor tätig. Er war der Erfinder der „Servus Teuferl-Nummern“, in der sich zwei Teufel über Mißstände alterierten – es wurde dabei nie ganz klar, ob sie sich nicht mehr über die Mißstände als über deren Aufdeckung freuten. Weitere Beiträge lieferten außer Jörg selbst sein Bruder Fritz, Peter Weiser, der Sportreporter Dr. Kurt Jeschko, der Regisseur Horky und andere. Ohne starken Impetus habe ich vielleicht zwei Dutzend Nummern geschrieben. In einer kritisierte ich, daß Frau und Kinder eines Arbeitslosen während der automatischen Karenzzeit vor dem Bezug der Unterstützung kein Anrecht auf die Versorgung durch die Krankenkasse hatten. In einem anderen Beitrag machte ich auf einen niederösterreichischen Landesschulrat aufmerksam, der einen österreichischen Fahnenschwur „gedichtet“ und allen Schulen des Landes zugeschickt hatte, ein Machwerk, das von nazistischen Phrasen wie „Trutz“ „Deutsche Brust“ und „Blanke Wehre“ strotzte. Einer meiner Beiträge handelte vom den Hinweis auf eine steinerne Orientierungstafel in dem 1933 errichteten Gemeindebau „Wildganshof“, auf der in maßstabgetreuer Darstellung der Höfe und Stiegenhäuser eine U-Bahnstation eingezeichnet war. Ich verwies damit auf den Bauwillen des „Roten Wien“ vor der Überwältigung durch die Austrofaschisten hin, und daß zur Zeit niemand daran dachte, ein U-Bahnnetz zu planen. Vielleicht habe ich damit beigetragen, den Stadtvätern die vergessene Absicht wieder in Erinnerung zu rufen. Übrigens habe ich als Gegenstück zu den „Servus-Teuferl-Nummern“ eine „Servus-Engerl-Nummer“ eingeführt, wo an Stelle der akustischen Mordswatschen für anerkennenswerte Leistungen ein Halleluja gespendet wurde. Im Ganzen fühlte ich mich bei dieser Arbeit nicht wohl und hatte keine Lust weiter mitzumischen. Ich verstand mich als Kritiker, nicht als Watschenverteiler. Also beschränkte ich mich darauf, die Beschwerden vorbringenden Besucher zu empfangen, entsprechende Posteingänge zu sichten und Angaben auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. In einem?Fall warnte ich davor, ein bestimmtes, sozialistisch dominiertes medizinisches Institut wegen einer Unzulänglichkeit bloßzustellen. Das Redaktionskomitee ließ sich davon nicht abbringen, der Sender wurde geklagt, verurteilt und mußte Strafe zahlen. Dagegen wollte ich einen Fall bringen, der die Sinnhaftigkeit der Gerhirnoperation „Lobotomie“ in Frage stellte. Ein Mann hatte mich aufgesucht, der oberhalb beider Schläfen erschreckend aussehende tiefe Dellen in der Schädeldecke aufwies, Folgen eines, in einem neurologischen Krankenhaus durchgeführten, chirurgischen Eingriffs. Er legte Gutachten namhafter Kapazitäten vor, wonach die Operation nicht notwendig gewesen wäre. Er insistierte und erklärte sich bereit, eidesstattlich zu versichern, daß er weder gerichtliche Anklage erhebe, noch Schadenersatz fordere, sondern nur diese Operationsmethode als ungerechtfertigt anprangern wolle. Die Redaktion lehnte es ab, auf den Fall einzugehen. Man wollte sich nicht noch einmal die Finger verbrennen. Die Lobotomie ist übrigens später aus den Behandlungsmethoden für Geistesstörungen verschwunden.

Kapitel 22 aus W.I.W. (Wir – Ich – Wir. Lebenserinnerungen von Karl Bednarik, 1915–2001, Schriftteller), aus dem Nachlass, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 4


Birgit Schwaner (Teil 1)

Im Funkhaus kam der Betrieb zur Ruhe. Ein Satz, der nicht stimmen muss, nicht für alle und jeden, aber in meinem Fall: ja. Drei meiner Hörspiele wurden von Ö1 in Wien produziert; hinzu kam im Juni 2012, und mir besonders lieb, ein Beitrag für „Literatur als Radiokunst“, für die mir rund zwei Tage lang ein Tonstudio samt Tonmeister zur Verfügung stand. In dieser Zeit lernte ich das Wiener Funkhaus ein wenig von innen kennen, die schalldichten Aufnahmestudios mit ihren Zauber-Armaturen, die sachlich-verlässlichen Techniker/innen, vor allem: die ruhige, konzentrierte Atmosphäre, die dort herrschte. Schon der erste Schritt in den eleganten Holzmeister-Bau in der Argentinierstraße stimmte aufs Hören ein, aufs Radio, das mir – in seinen besten Momenten – wie ein Glück der „Besinnung“ ist, des Zu-sich- wie Hin-zur-Welt-Kommens im Hören. Wie Bücher war mir das Radio schon in der Kindheit das Medium einer verlockenden, abenteuerrreichen Ferne, ein Vehikel, mit dem man sich „nach draußen“ träumen konnte – in ein Draußen, von dem man zugleich eine Menge erfuhr. Dass ich damals auf gut Glück einschaltete, oft auch nachts unter der Bettdecke Radio hörte, machte den Apparat zu einem geheimnisvollen, Überraschungen bergenden Ding … Und gerade durch die Abwesenheit der Bilder, des Zweidimensionalen scheint mir der Hör-Raum den Denk-Raum zu vertiefen, und diese Tiefe des Raumes enthielte dann alles, jede Möglichkeit unterm lichtdurchwirkten, freien Planetenhimmel bis hinaus in schwärzeste Meeresweiten – und alles nachhallend, in jedem Laut. Ein wenig dieser Magie fand ich besonders in den Sendungen in Ö1 wieder, in ihrer Programmvielfalt und Qualität ... 


Karl Bednarik: Meine Sendungen (Teil 2)

An zwei politisch motivierten Sendungen arbeitete ich mit Jörg Mauthe zusammen. 1954 zum 16. Jahrestag der Okkupation Österreichs und 1955 zum 10. Jahrestag der Befreiung machten wir hörspielartige Sendungen, zu denen ich aus meinen Erfahrungen beitragen konnte. Die erste erinnerte, als Gegengewicht zu der oft vorgebrachten Behauptung, alle Österreicher seien von vornherein für den Anschluß gewesen, daran, daß viele zum Kampf gegen die Übermacht bereit gewesen wären. Die zweite zeigte auf, daß auch Österreicher einen Beitrag zur Befreiung geleistet hatten. Dazu kam ich noch einmal mit Ferdinand Käs zusammen, der mittlerweile im Rang eines Obersts die sogenannte B-Gendarmerie leitete. Er gab mir willig Auskünfte. Selbst wollte er nicht direkt auftreten, weil er mit der Vorbereitung des Bundesheeres beschäftigt war. Daß ich dieser ablehnend gegenüberstand, konnte mir der hartnäcki-
ge Militarist nicht verzeihen – unsere fast freundschaftliche Beziehung ist nachher zerfallen. Auf spätere Einladungen meinerseits hat er nicht reagiert.


Beschäftigt war ich bei Rot-Weiß-Rot bis zum 30. September 1955. Der Sender war nach dem im Mai erfolgten Abschluß des Staatsvertrages in Auflösung. Die Besatzungsmächte verließen Österreich, Ende Oktober war ihr Abzug abgeschlossen. Mit dem Personal des Senders wurde auch ich von der Ravag übernommen. Man wies mir einen Schreibtisch in einem kleinen Büro bei einem Dr. Stein zu, der sich als freundlicher Chef aufspielte, aber meine Vorschläge ignorierte. Schon damals war der österreichische Rundfunk ein Intrigantenstall, in dem ich mich nicht zurecht finden konnte und wollte. Im Vergleich dazu erschien mir das Skript-Department als ein verlorenes „Wir“. Irgendwie hatte ich dort, wo mir Mauthe meine solitäre Rolle gelassen hatte, dazugehört, hier dagegen hätte ich meine Kraft mit Positionierungskämpfen vergeuden müssen. Zum Jahresende verzichtete ich auf den sicheren Arbeitsplatz und schied freiwillig aus. Ich hatte nicht vor, bis zur Pensionierung in einem Büro der Ravag zu sitzen und begann mit der Arbeit an einem neuen Buch mit dem Titel „An der Konsumfront, Zwischenbilanz des modernen Lebens“. Fritz bot mir freie Mitarbeit in der RAVAG an. Ich schrieb eine Reihe von „Hörbildern“. Ich erinnere mich an drei Themen: „Sonnengesang“, „Guter Mond“ und „Wo man singt, da laß dich ruhig nieder ...“. Letzteres nach dem als Volkslied geltendem Gedicht von Johann Gottfried Seume. Ich brachte ausgewählte Stellen aus Dichtungen zu diesen Themen, die ich zusammenfassend kommentierte. Die Sendungen kamen gut an. Polakovits, Redakteur der Jugendzeitschrift „Neue Wege“, druckte den „Sonnengesang“ ab, leider unter Auslassung des abschließenden Gedichts „O schöne Sonne“ von Ingeborg Bachmann. Zu „Wo man singt“ bekam ich sogar Post aus der Tschechoslowakei, weil ich ein tschechisches Lied zitiert hatte. Von literarischen Texten bearbeitete ich Joseph Marie De Maistres „Die Reise um mein Zimmer“, André Gides „Der schlecht gefesselte Prometheus“, Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ und anderes. Solche Arbeiten machte ich nicht nur des Geldes wegen, sie entsprachen meinem eigenem Interesse und zugleich meiner volksbildnerischen Neigung.

Kapitel 22 aus W.I.W. (Wir – Ich – Wir. Lebenserinnerungen von Karl Bednarik, 1915–2001, Schriftteller), aus dem Nachlass, im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 5


Helmut A. Gansterer: Ö1 für Feinspitze – Der beste Radiosender der Welt

Intelligenzmedium: Der Start des Radios war aus der Sicht eines Wirtschaftsjournalisten phänomenal. Der erste regelmäßige Rundfunksender im deutschsprachigen Raum (1922) hieß „Wirtschaftsrundspruchdienst“ – ah, welch lockender Titel, ohne die fade Frische heutiger Namensgebung. Das Radio ist schon rein hirn-physiologisch ein intelligentes Medium. Der Hörer steht unter Spannung, da nur der Gehörsinn bedient wird. Alles andere muss die Phantasie liefern: die Gesichter, die Farben, die Bewegungen.  Damit ist Radio den Zeitungen gleichwertig, die nur den Augensinn ansprechen. Beide sind belebende Medien. Umgekehrt lässt sich das Ermüdungs-Elend des Fernsehens begreifen: dort wird das Hirn mit allem beliefert und gelähmt. Man hat buchstäblich nichts mehr zu tun und schläft ein. Mein liebster Radiosender war einst die englische BBC-Kurzwelle. Als junger trend-Reporter und Abenteurer-Darsteller lag ich gern im afrikanischen Busch und hörte im programmierbaren, portablen, gegen Elefanten-Urin resistenten Sony-Short-Wave-Super-Receiver, dass bei uns daheim Schnee lag.  Seit langem ist jetzt Ö1 mein Favorit: der einzige Sender, den ich aktiv suche und freiwillig höre, mit größter Dankbarkeit. Man wird durch ihn gescheiter, ob man will oder nicht. Der Erfolg ist unvermeidlich. Ö1 enttäuscht fast nie, hat aber Eigenheiten.Die Tücken von Ö1: Die erfreulich strenge Ordnung – z.B. Morgenjournal, Pasticcio, Radiokolleg, Konzert am Vormittag, Literaturminiatur bis Nachtjournal – gilt nur in der Kernwoche von Montag bis Donnerstag. Am Wochenende ist man ohne Programmheftl aufgeschmissen. Allerdings: oft kommst du gerade beim zufälligen Ö1-Einstieg in Sendungen, wo sich vor Vergnügen die Zehen aufstellen. Ö1 kann wunderbar wunderlich sein. Die Öko-Sendung „Fitnessprogramm für Waldböden“ riss sicher 8 Millionen Österreicher steil aus dem Sessel, hat aber in seiner Quoten-Wurschtigkeit eine tolle britische Note. Ich werde auch nimmer vergessen, wie ein anderes Ö1-Thema in mein Leben eintrat: Die im Nano-Bereich messbaren hydropneumatischen Kniekehlen langbeiniger Insekten. Die grandiose Unberechenbarkeit der Ö1-Redakteure hat mich – neben den Schwerpunkten Klassik und Literatur - zusätzlich süchtig gemacht.

Aus: Helmut A. Gansterer, „Der neue Mann von Welt“, S. 172 ff, 2008 Molden Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG Wien Graz Klagenfurt, Teil 1


Birgit Schwaner (Teil 2)

Im Gegensatz hierzu: die Enge des „Betriebs“ den ich, als Erdrandsiedlerin auf Besuch beim Rundfunk auch in der Ö1-Hörspielabteilung ein wenig besichtigen durfte, mitsamt allem, was üblich ist: kleine Intrigen- oder Manipulationsversuche, hinterhältige Freundlichkeiten, narzisstische Klagen, journalistische Zynismen, künstliche Euphorien und eifersüchtiges Einander-Beobachten, ob nicht der/die andere einen besseren Auftrag, ein höheres Honorar erhielt usw. Mit solchen Sandkastenspielen muss man sich unter Erwachsenen abfinden – ebenso wie damit, dass dieser „Betrieb“ am erbarmungslosesten aufspielt, wo das meiste Geld zirkuliert, zur Gier animiert, ergo: Herz, Aug und Ohr verstopft und verwirrt. Insofern war man beim Sir bzw. der Lady unter den Sendern, Ö1, immerhin wohl besser aufgehoben als beim Fernsehen – dafür stand das Funkhaus, das schon aufgrund seiner Architektur und Geschichte diese Qualität zwar nicht garantierte, ihr aber einen Maßstab setzte. Sendungen, die mehr eindringlich waren als laut, mit Stil statt stylish, zum Erinnern statt zum Vorbeirauschen, kurz: auch Vertiefung im Innenraum. Frage mich: Wird in den Räumen, die ab nun das ORF-Radio beherbergen (wie ein Gasthof den Fremden?), Ö1 seine Qualität halten können? Falls die Vertreibung des Radios aus seinem Biotop, die Demolierung der „Radiokultur“ nicht bereits dafür sorgt, dass diejenigen, die (ob frei oder angestellt, ob stetig, sporadisch oder einmalig) zusammen Ö1 erschaffen, nun, da mit dem Funkhaus auch ihr zu Wachheit und Präzision animierender Genius Loci „abgewickelt“ wurde (ein paar übrige Studios mögen von der Verstümmlung zeugen) ... ja, falls diejenigen, die jetzt, was ihr Domizil angeht, zum „Nebenan“ degradiert wurden, nicht jetzt ein wenig weniger stolz und kritisch ihre Denk-, Recherche- und Schreibarbeit beginnen ... falls also die Übersiedlung per se nicht einmal viel geändert hätte: Wird es gutgehn, für die Qualität, die wendige Intelligenz, den womöglich freidenkerischen Geist, kurz: die „Radiokultur“ bzw. Ö1 (rhetorische Frage: Ist derlei „von oben“ gewünscht)? Oder wird nicht die räumliche Nähe des Fernsehens und damit die Nähe eines größeren Betriebs bzw. einer mächtigeren, aufs Bild hin ausgerichteten Maschinerie mit der Zeit „ausstrahlen“ und, zuerst in den Köpfen, das Radio weiter entwerten – was folgt, wissen wir. Hoffentlich nicht. 


Helmut A. Gansterer: Ö1 für Autofahrer und Manager

Als Mitarbeiter des Wirtschaftsmagazins trend sorge ich mich um die Sicherheit der Manager und Unternehmer. Sie fahren zwischen 30 000 und 100 000 Kilometer pro Jahr. Ich liege irgendwo am unteren Ende bei 40 000 km und habe Ö1 als Auto-Begleiter und Muntermacher getestet. Das Ergebnis ist zwiespältig: O Ja zu allen Textbeiträgen wie Hörspielen (z.B. „Anprobierung eines Vaters“ von Hackl), Literatur-Porträts (z.B. Paul Celan) und Reportagen (z.B. „Queen Elisabeth“ als letzter Luxus-Liner), übrigens Beispiele aus dem Ö1-Programm einer einzigen Woche. O Jein zu klassischer Musik. Sie ist meist eine gute Begleiterin auf langen Strecken. Manchmal ist sie auch lebensgefährlich. Man muss da wählerisch sein. Ravels „Bolero“ und Strawinskys „Riten des Frühlings“ pumpen das Blut in den Süden des Körpers. Da bleibt fürs Hirn kein Sauerstoff. Das ist schlecht fürs Fahren. Und hören sie niemals Beethovens 6. Symphonie, die sogenannte „Pastorale“. Beethoven hatte die krause Idee, mitten im Stück den Donner symphonisch nachzubilden. Beim ersten Kracher wich ich auf der Strecke Stuttgart-Nürnberg mit 250 kmh rechtwinkelig von der Straße ab. Auf der Europabrücke wäre ich dank Ö1 nach langem, leichtem Flug verendet. Es gibt eine beste Möglichkeit, die Qualitäten von Ö1 zu nützen. Die grafisch, haptisch und inhaltlich tollen Ö1-CDs. Schon die ersten zwei, die ich kennenlernte, haben mich hundertprozentig überzeugt: Michael Schrott´s berührende Aufzeichnung der atemlosen Plaudereien des Friedrich Heer (selbst die Beipacktexte inkl. Anton-Pelinka-Interview sind gut). Und Michael Kohlmaiers „Biblische Geschichten“, die alles Sündige in sich haben, was auch das TV-Programm bietet, nur halt viel intelligenter und ohne geistiges Ablaufdatum.

Aus: Helmut A. Gansterer, „Der neue Mann von Welt“, S. 172 ff, 2008 Molden Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG Wien Graz Klagenfurt, Teil 2


Herbert Arlt: Das Funkhaus und die Wertschätzung seiner Produktion

Lange bevor das Funkhaus verloren ging, zeigte sich die mangelnde Wertschätzung für die offene und kreative Produktion im Funkhaus. Dazu drei Beispiele. Erstens: Zum 80. Geburtstag von Jura Soyfer wurde ich 1992 in die Sendung „Von Tag zu Tag“ eingeladen. Dort kritisierte ich Hans Weigel, der einen Text in die Soyfer-Ausgabe von 1980 geschmuggelt hatte, der sein eigener Text war und Soyfer anders politisch positionieren sollte. Das hatte Weigel mir in einem Kaffeehausgespräch mit ihm zugestanden. Die Folge der Kritik an Weigel war, dass ich offenbar auf eine schwarze Liste kam und nicht mehr eingeladen wurde. Zweitens: Konrad Zobel war ein Redakteur und der Leiter der Hörspielabteilung des ORF, der sich außergewöhnlich engagierte. Aber der ORF hatte kein Interesse an seiner ausgezeichneten Hörspieldatenbank, die eine wichtige Pionierleistung war. Daher wurde sie auf den Seiten der INST Homepage [ www.inst.at ] publiziert und von Zobel im Rahmen von INST-Veranstaltungen und einem Soyfer-Symposion 1998 im Radio-Kulturhaus präsentiert. [ Dokumentierung u.a.: www.inst.at/trans/15Nr/veranstaltungen/zobel.htm ] Der große Erfolg führte dazu, dass der ORF die Hörspieldatenbank auf seiner Homepage haben wollte, aber den Erfolg nicht fortsetzen konnte, weil ihm das weltweite Netzwerk fehlte, das dem INST bzw. der Jura Soyfer Gesellschaft zur Verfügung stehen. Drittens: Im Rahmen des Soyfer-Symposions von 1998 wurden Soyfer-Hörspiele aus einem Dutzend Länder präsentiert. Auf der Basis der Hörspieldatenbank von Konrad Zobel war bekannt, welch großartige Leistungen der ORF seit den 1940er Jahren im Zusammenhang mit Soyfer-Hörspielen erbracht hatte. Diese sind vor allem mit den Namen Helmut Qualtinger und Götz Fritsch verbunden. Leider gibt es bis heute keine Dokumentation, obwohl sich Eva-Maria Quatember und Peter Klein ganz hervorragend engagiert hatten. Aber mittlerweile hat sich die Öffentlichkeit gewandelt. Und auch das Beispiel des Scheiterns der Produktion einer DVD mit der Oper „Der Weltuntergang“ nach dem gleichnamigen Stück von Jura Soyfer zeigt, welch zerstörerische Auswirkungen der sogenannten „Markt“ haben kann, wenn seine „Gesetze“ in Institutionen wie den ORF hineingetragen werden. Der Verkauf des Funkhauses ist daher ein Symbol des Niedergangs einer kreativen Öffentlichkeit und folgt nur dem, was sich schon seit Jahren abzeichnete. Aber für Soyfer-Hörspiele sind neue Möglichkeiten entstanden – in Nordafrika zum Beispiel.


Helmut A. Gansterer: Eine Jubiläums-Erinnerung

Vor Jahren lud man mich zu einer Jubiläumssendung mit Wolfgang Kos. Wir diskutierten ein bissl und wählten aus dem Ö1-Archiv unsere Lieblingsstücke. Ich griff nach einem historischen Interview mit Heimito v. Doderer. Herr Doderer, unendlich nobel und hoffärtig-geschliffen, mit dieser seltsam singenden Stimme, sagte darin auf die Frage der braven Ö1-Reporterin, was er sich heimlich wünsche, sinngemäß dies: „Zwei wilde Weiber mit einem fetten Hintern, und nachher einen guten schwarzen Kaffee“. Da sollen einst sieben Döblinger Damen in die Donau gesprungen sein. So was wünschte ich mir öfter. Ansonst bin ich glücklich mit dem besten deutschsprachigen Radiosender der Welt. Selbst sein Werbe-Slogan ist kreativ und korrekt: Ö1 gehört gehört.

Aus: Helmut A. Gansterer, „Der neue Mann von Welt“, S. 172 ff, 2008 Molden Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG Wien Graz Klagenfurt, Teil 3

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