Andreas Pittler: Das Totenschiff

Roman.
Wien: Mandelbaum Verlag, 2016.
228 Seiten; gebunden; Euro 19.90.
ISBN: 978385476-494-6.

Autor

Leseprobe

Die Geschichte von David Stoliar ist genauso fürchterlich wie aktuell und gilt dabei als fast vergessenes Kapitel des Holocausts. Stoliar überlebte als einziger von knapp 800 flüchtenden Juden das Schiffsunglück der „Struma“, die 1942 von einem Torpedo eines vermutlich russischen U-Boots versenkt wurde. In seinem 14. Roman greift Andreas Pittler neben Stoliars Erlebnissen an Bord der Struma ein weiteres, sehr aktuelles Thema auf. Auch heute, knapp über 70 Jahre nach der Katastrophe, versuchen Regierungen sich die Verantwortung über Menschen auf der Flucht zuzuschieben.

David Stoliar ist achtzehn, kurz davor die Schule abzuschließen und zum ersten Mal verliebt. Was klingt wie das Leben eines gewöhnlichen Jugendlichen, ereignet sich unter der Herrschaft Ion Antonescus, jenes rumänischen Diktators, der nach Hitlers Vorbild anfing systematisch Juden zu verfolgen und umzubringen. David lebt bei seinem Vater Jakob, einem wohlhabenden Kaufmann in Bukarest, die Mutter in Paris. Seine Eltern sind geschieden. David schreibt seiner Mutter Briefe, die er allerdings nie abschickt und dokumentiert so alle Ereignisse bis zu seiner Ankunft in Palästina. Stoliar ist ein ausgezeichneter Schüler, der seine Eltern stolz machen will. Die Worte die Andreas Pittler den Protagonisten wählen lässt sind blumig, zeitweise fast schon pathetisch. David erzählt ausschweifend und stets lieber zu viel als zu wenig. Das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber der Stil passt sich Davids Verhalten gut an und wird sogar beinahe authentisch.

Am 12. Dezember 1941 geht David mit seiner Verlobten Ilse Lothringer und ihren Eltern an Bord der Struma. „Ich frage mich ehrlich, warum dieser Seelenverkäufer nicht schon längst abgesoffen ist“. Vom versprochen Komfort ist nichts zu bemerken. Im Gegenteil, Familie Lothringer und der junge Stoliar haben Bedenken, ob sie auf diesem Schiff Palästina überhaupt erreichen werden. Die Leute liegen übereinander, stehen dicht an dicht. Kurz nachdem das Schiff den Bosporus passiert hat, fällt der Motor aus und türkische Schlepper bringen die Struma in den Hafen von Istanbul. Ohne Visum setzt niemand Fuß auf türkischen Boden, also stellt die Regierung das Schiff kurzerhand unter Quarantäne. Die Verhältnisse auf der Struma werden schlimmer. Wenig Nahrung, Temperaturen jenseits der null Grad und der Mangel an sanitären Einrichtungen lassen Kinder apathisch an Deck herumliegen. Die Szenen sind nicht fremd, daran erinnert uns „Das Totenschiff“ eindrucksvoll. Auch heute versinken beinahe täglich hunderte Menschen im Mittelmeer. Auch heute harren Menschen in schlecht ausgestatteten Lagern aus, auf ihre Abschiebung wartend. Diese erschreckende Aktualität verleiht Davids jugendlichen Schilderungen Substanz und lässt Pittlers Kernaussagen wie Kugeln ins Bewusstsein dringen.

Gut drei Monate später, am 23. Februar 1942, sägen türkische Polizeibeamte die Ankerkette ab und bringen das Schiff wieder zurück auf offenes Meer. Die Passagiere erkennen ihr Schicksal, der Motor ist immer noch kaputt. Einige Nächte später ertönt ein Knall, David fliegt durch die Luft und landet im Wasser. Das Schiff ist untergegangen. Rings um ihn ertrinken strampelnde Passagiere. Einen Tag hält er sich über Wasser, dann greift ihn die Küstenwache auf. Es ist etwas verwunderlich, dass sich an dieser Stelle kaum etwas am Erzählstil des 19-Jährigen ändert. In seinem längstem Brief, kurz nach dem Unglück, hält er die Fassade des braven Sohns weiterhin aufrecht. Es fehlt ehrliche Verzweiflung, die Panik eines Jugendlichen, dessen Verlobte wenige Tage zuvor ertrunken ist. Das wird dem echten David Stoliar, der seine Geschichte der deutschsprachigen Presse lediglich ein einziges Mal anvertraute und seiner ersten Ehefrau Adria komplett verschwieg, nicht ganz gerecht.

Pittler verzichtet in seinem Roman bewusst auf die großen Gefühle, was zwar etwas stutzig macht, dem Buch im Ganzen allerdings nicht schadet. David drängt sich bei Besprechungen an Bord der Struma gern in die erste Reihe, ist immer in der Nähe des Geschehens und liefert somit ein spannendes Zeugnis einer furchtbaren Katastrophe. Von dieser will „Das Totenschiff“ erzählen, was Andreas Pittler eindrucksvoll gelingt.

Julius Handl
30. August 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.