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Egyd Gstättner: Das Mädchen im See.

Wien: Edition Atelier, 2005.
167 S.; geb.; Eur 17,-.
ISBN 3-902-49804-8.

Link zur Leseprobe

Dieses Buch über die Qualen des Nichtrauchens ist besser als jede Raucherausstiegshilfe: Zwar kuriert es nicht die Lust am blauen Dunst, sondern steigert sie - aber so lustig wie Egyd Gstättners Leidensmanifest ist garantiert kein im Laden erhältlicher Ratgeber. Kein Plädoyer fürs Rauchen - aber eines fürs Lesen ...

In Kärnten gibt es Ortstafeln. In Kärnten gibt es aber auch den Wörthersee, auf dessen Grund der Sage nach ein Voralpenatlantis und eine hübsche schwarzhaarige Volkslieddichterin liegen. Letztere interessiert den schreibblockierten Schriftsteller Egyd Gstättner, der als rekonvaleszenter Herzpatient ohne Unterlass den See umrundet. Der Peripatetiker auf dem Drahtesel wirft von seinem Fahrradsitz aus gasbauch- und nikotinentzugsgetrübte Blicke auf das wilde Kärnten, wo sich Österreich in seiner liederlichsten Form präsentiert: tourismusgeile Bürgermeister, GTI-Prolos, Supermarktkassiererinnen mit Rechtschreibschwäche. "Wenn man nichts mehr beabsichtigt, kann man immer noch besichtigen." Die erwähnte Volkslieddichterin, die mit ihrem singulären Kärntnerlied in Moll als Urmutter der carinthischen Literatur firmiert, ist dem fahrenden Dichter dabei eine ebenso aufmerksame Zuhörerin wie Olimpia dem Nathanael (in E. T. A. Hoffmanns "Sandmann") - was einmal mehr bestätigt, dass Mann mit leblosen Frauen die befriedigendsten Gespräche führen kann.

Gstättners Erzählung "Das Mädchen im See" ist die Nachschrift seiner Trilogie "Die Nichtstuer des Südens". Hier wie dort geistert ein Egyd Gstättner als Figur durch die Erzählwelt, hier wie dort hält dieser leidgeprüfte Ich-Erzähler, der mit seiner spitzen Zunge für den Leser ein Glücksfall ist, die Erzählung kompositorisch zusammen. Gstättner bleibt auch in seinem jüngsten Buch seiner Poetik der systematischen Abschweifung, des Exkurses vom Exkurs treu. Ausgehend von Thesen erarbeitet er sich sprachliche Pointen, welche sich zu formidablen Pointenläufen auswachsen, die abschließend ironisch getoppt werden:
"Wer gesund ist, ist mit oder ohne Mode gesund. Wer krank ist, ist mit oder ohne Mode krank. Wirklich Verlass ist nur auf drei Dinge: Der Mensch ist sterblich. Die Medizin ist keine Wissenschaft. Und die Ärzte besitzen die Seehäuser am Wörthersee, die wir uns niemals werden leisten können. Aber sie haben nicht sehr viel von ihren Sommerresidenzen, weil sie in ihrer Praxis sitzen und Hausbesuche machen und nach der Ordination noch privat operieren müssen, um sich ihre Seevillen leisten zu können, für die sie keine Zeit haben, und davon bekommen sie einen Herzinfarkt. Dabei kann man den viel billiger haben."

Gstättners irrwitzige Gedankengänge sind von Mythen des Alltags, Verweisen auf die E- und U-Kultur und Anekdotischem durchsetzt:
"Meine Sprache ist das Fahrrad, hat der junge Radrennfahrer Marco Pantani kurz vor seinem Tod auf einen Zettel geschrieben, denke ich auf meinem Fahrrad am Weg um den See. Ich weiß heute, wie schwer es ist, etwas mit einem Fahrrad auszudrücken, und wenn man noch so sehr in die Pedale tritt. Fahrräder und Radfahrer werden prinzipiell nicht verstanden. Es fühlt sich gar niemand angesprochen. Mit dem Fahrrad redet man gegen eine Wand."

Gstättners Exkurs- und Pointen-Prosa hat das Sequentielle einer Sketch-Show. Man könnte hier als Vergleich die geniale englische comedy "Little Britain" anführen, mit der Matt Lucas und David Walliams über die Insel hinaus Kultstatus erlangt haben. In "Little Britain" (eine Kontamination aus Little England und Great Britain) begegnet ein wilder Mix britischer Stereotype: die hirnverbrannte junge Mutter, die den klassischen Weg vom Schulausstieg in die Schwangerschaft und Kriminalität beschreitet; der schottische Hotelier, der seinen genervten Gästen eine Geisterwunderwelt vorspielt; der Sozialhilfeempfänger, der sich von einem vorgeblichen Rollstuhlfahrer ausnutzen lässt; der walisische Schwule, der auf seinem Sonderstatus als Outlaw besteht, obwohl die Welt um ihn sich fortentwickelt hat. In klarer Überzeichnung werden nationale Charakteristika und Haltungen vorgeführt; doch indem sie lächerlich gemacht werden, erfahren sie zugleich eine Affirmation. Diese Witzfiguren haben ohne Zweifel ihre Verankerung in der realen Gesellschaft.

Nicht unähnlich trifft man bei Egyd Gstättner auf Abziehbilder österreichischer Identitäten; da ist etwa die dumme Landbevölkerung oder der an der Provinz leidende Künstler (der sich am Ende des Buches just dorthin zurückbegibt). Wobei nicht verschwiegen sein soll, dass die (österreichische) Realität tatsächlich oft nicht differenzierter ist als ein Comicstrip, man denke nur an die eingangs erwähnten Ortstafeln.

Noch eines sei an dieser Stelle bemerkt. Heutzutage, wo in Großbritannien der total ban on smoking herrscht und dessen Einführung im Land der Berge nur mehr eine Frage der Zeit ist, ist plötzlich auch der Zugang zum Rauchen in der Literatur ein anderer: Das Rauchen ist problematisch geworden. Die ungetrübte Zigaretten-Euphorie in Judith Hermanns Kurzgeschichten mutet richtiggehend historisch an. Dass Michel Houellebecq demonstrativ raucht, passt ins Bild des unsozialen, reaktionären Misanthropen, das er von sich zeichnet. Und wann bitte hat man zuletzt im österreichischen Fernsehen einen Talk-Show-Gast rauchen gesehen? Bei Gstättner darf man zumindest davon träumen. "Wir rauchen letztlich nur aus dem einen Grund, weil wir nicht an Gott glauben können, nicht an die Unsterblichkeit der Seele, nicht an ein ewiges Leben. Wir rauchen, weil wir den Horror Vacui haben ...Zweifellos wäre Christus heute selbst Kettenraucher ...Zweifellos hätte sich Jesus Christus nach dem letzten Abendmahl am Gründonnerstag mit Marlboro anästhesiert. Die Zigarette ist der Essigschwamm, der uns zum Kreuz hinauf gereicht wird." Und wer möchte ohne Essigschwamm leben?

 

Kristina Werndl
28. März 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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