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Simone Hirth: Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft.

Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2016.
192 Seiten, gebunden, Euro 19,90.
ISBN: 978-3-218-01045-0.

Autorin

Leseprobe

Alles beginnt damit, dass das Elternhaus der jungen Ich-Erzählerin abgerissen wird und sie das Fleischereigeschäft, das ihr von der Großmutter und den Eltern vererbt wurde, an den Nagel hängt. In kurzer Folge verliert sie nicht nur Arbeit und Unterkunft, sondern auch die Krankenversicherung und verschwindet damit aus dem Sozialsystem. Unverzagt macht sie sich daran, aus den Trümmern ihrer Existenz – wie einst die Großmutter aus den realen Trümmern der Nachkriegszeit – ein neues Leben zu bauen. Das Zitat „Ein Leben in Trümmern ist nicht das Ende. Es gibt einen Gegenentwurf.“ ziert das Cover des Debutromans der 1985 in Deutschland geborenen Autorin mit dem etwas umständlichen Titel „Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft“. Die Ich-Erzählerin, ganz augenscheinlich eine Verweigererin erster Klasse, macht sich zum Gegenentwurf zu einer total übersättigten Konsumgesellschaft auf. Sie lebt vom Dumpstern – auch Mülltauchen genannt – und baut sich aus Fundstücken und mit im Baumarkt gestohlenem Werkzeug eine Notunterkunft am Rande eines Parkplatzes. Wenn sie beim Stehlen erwischt wird, arbeitet sie ihre Schuld ab, wird jedoch schnell wieder entlassen, da sie auf ihre Mitmenschen inzwischen sozial inkompatibel wirkt. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da die junge Frau in einer exzessiven Abkehr von dem, was man in etwa unter einem normalen Leben versteht, Igel oder Meisenknödel verspeist und ihre Haare mit der Heckenschere schneidet.

Simone Hirth singt ihr zwischen Symbolhaftigkeit und harter Realität changierendes Lied in vielen Strophen, so wie man singt, um sich selbst Mut zu machen. Auf der einen Seite erfreut sich die Aussteigerin an den schönen Dingen ihres freien Lebens, wie am Wildkräutersammeln („Die wilde Minze, die am Flussufer wächst, ist meine Zahnpasta, mein Deodorant und meine Magentablette.“ S. 85) und dem, was ihr so in den Schoß fällt („Und dann freue ich mich wahnsinnig über 1 Zwiebel, die jemand auf der Stahlbank an einer Bushaltestelle vergessen hat.“ S. 72). Auf der anderen Seite wird dieses Notprogramm einer zusammengeschusterten Welt aus dem Abfall der anderen und das daraus entstehende soziale Außenseitertum immer quälender, so sehr, dass schließlich eine Mauer zur Gesprächspartnerin auserkoren wird. Zu guter Letzt aber hält der Winter Einzug und Hunger und Kälte vertreiben sie aus ihrem Paradies – Selbstversuch und Gegenentwurf scheitern an der Not des Individuums. Die junge Frau flieht mit letzter Kraft aufs Sozialamt, wo sie Hilfe findet und man ihr eine kleine Wohnung zur Verfügung stellt. Sie ist wie ein Rettungsboot, von dem aus die Heimkehrerin einen neuen Start zurück in die Gesellschaft unternimmt: „Es war wirklich alles viel einfacher, als ich immer geglaubt habe.“ (S. 141). Sie mutiert zur Unternehmerin, baut aus Wegwerfprodukten Neues und lebt von dessen Verkauf. Sie selbst braucht kaum etwas – außer ein neues Mobiltelefon. Mit diesem unternimmt sie rudimentäre Kommunikationsversuche, die allerdings genauso auf Unverständnis stoßen wie ihre Annäherungsversuche an Männer, die sie unter anderem mit dem unverblümten Antrag auf eine Kindszeugung in die Flucht schlägt. Dieser Wunsch nach Fortpflanzung steht in Diskrepanz zu den notierten Gesprächsfetzen, die sie auf der Straße oder auf den Spielplätzen zwischen Müttern und Kindern aufschnappt und die kaum vorbildhaft für eine zukünftige Familienplanung wirken: „Du musst. Sagt die Mutter zu ihrem Kind, das sie wieder in den Hof gezerrt hat. Die Bauarbeiter haben längst Feierabend gemacht. Es wird bereits dunkel. Ich muss aber nicht. Sagt das Kind.“ (S. 40).

Sprachlich wechselt die Autorin, die heute im Waldviertel in Niederösterreich lebt, recht unbeschwert zwischen Bundesdeutsch und Alltagsösterreichisch („Die Bauarbeiter ... sagen: Oides Glumpert.“ S. 39). Diese Mischung verleiht der Erzählung eine sympathische und zum Teil heitere Unangestrengtheit – trotz der Ernsthaftigkeit des Bestrebens Kritik an der Gesellschaft zu üben. In das Einzelgängertum der Erzählerin, die auf ihren Kommunikationsversuchen in Form von SMS, Briefen und Postkarten quasi sitzen bleibt, mischen sich die Stimmen der fernen Mitmenschen, die in ihrer Knappheit umso aussagekräftiger sind. Simone Hirth kommt mit Andeutungen aus und jeder moderne Mensch weiß, was sie damit meint, wenn sich die junge Frau kein Profil anlegen, kein Praktikum und keinen Bali-Urlaub machen will. Zu all dem kommen Zitate aus dem „Handbuch für Betriebswirtschaft“, die Fachbegriffe wie Stille Rücklagen, Fortschreibung oder Risikomanagement definieren und den Widerspruch zum eigenen Tun verstärken. Auf der einen Seite wird das Handwerkszeug zur Gewinnmaximierung vorgeführt, auf der anderen jenes der Verlustoptimierung. Auf diese Weise verwebt die Autorin mehrere Textsorten miteinander, die das Lied vielstimmiger und zum großen Teil frohgemut erscheinen lassen. Das Fazit des Romans ist jedoch ernüchternd, da die Ich-Erzählerin anerkennen muss, dass nur das Geld das Rad der Welt am Laufen hält. Wohl aber möglich ist es, sich mit ein wenig Phantasie dem Konsumzwang zu entziehen – man muss deshalb ja nicht gleich einen Igel essen.

Beatrice Simonsen
31. August 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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