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Georg Elterlein: Sprache der Krähen.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2016.
248 S.; geb.; Eur (A) 22.
978-3-7117-2039-9.

Autor

Leseprobe

Als die Polizei klingelt, versteckt Leonard als erstes eine Beretta im Hosenbund. Doch die zwei Polizisten wollen nichts von ihm. Statt dessen informieren sie ihn, der eine Schmiede betreibt, vom Tod seines Bruders Maximilian. Den er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, zu dem er ebenso lang keinen Kontakt mehr gehabt hat. Maximilian und seine Frau Tove seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, überlebt habe ihr zehnjähriger Sohn Erik. Wolle er, der Onkel, sich des ihm gänzlich unbekannten Buben nicht annehmen? Er sei im Spital und sei verstummt, spreche kein einziges Wort.
Leonard fährt zu ihm. Fährt auch zum Haus von Max, das unweit der „Abschaumsiedlung“ steht, in der die beiden einst aufwuchsen, in einer dysfunktionalen Familie. Die Mutter prügelte regelmäßig auf den Vater ein, weil er, Arbeiter am Flughafen, es zu nichts gebracht hätte. Und dann verschwand sie, ließ ihre Familie wort- und nachrichtenlos zurück. Wenig später hatte der Vater einen Arbeitsunfall, bei dem ihm die Unterschenkel zertrümmert wurden, er ging an Krücken, trank, schlug den älteren, kräftigen Sohn Leonard, der den schwächeren, schmalen Max schützte. Im Zuge einer schweren Wohnungsrandale stürmte die Polizei die Wohnung und erschoss den um sich schießenden Vater. Leonard, polizeilich bereits einschlägig bekannt, kam ins Heim (wo er sexuell brutal misshandelt wurde), Max zu einer Pflegefamilie. Immer wieder schlug sich Leonard zum Bruder durch, kam ihm zu Ohren, er habe etwa einen Blinddarmdurchbruch erlitten. Immer wieder wurde er arretiert, zurückgebracht; später begann er in einer Ein-Mann-Schmiede eine Lehre, brach sie ab, ging nach Frankreich, trat der Fremdenlegion bei, lernte ein Geschwisterpaar kennen, freundete sich mit Philippe an und verliebte sich in Véronique, zu dritt unternahmen sie in ganz Frankreich Banküberfälle. Als nacheinander Philippe und Véronique erschossen wurden, tauchte Leonard ab, kehrte zurück in seine Heimatstadt. Der Schmied nahm ihn wieder auf, er schloss die Lehre ab, wurde Geselle, machte seinen Meister und übernahm nach dem Tod des alten Schmieds dessen Werkstatt.

Doch er führt ein Doppelleben, das nicht einmal seinem guten Freund Murat, der gleich neben der Schmiede eine Kfz-Werkstatt betreibt, bekannt ist – er, der Einzelgänger, ist ein professioneller Dieb (ähnlich wie James Caan, der 1981 in Michael Manns „Thief“ einen einzelgängerischen Autohändler verkörperte). Und er hat eine Hehlerin, die ihm auch Aufträge vermittelt.
Nun hat er plötzlich Familie, den stummen Erik. Der sich Schritt für Schritt auf ihn als Onkel verlässt. Leonard wächst irritiert und anfangs überfordert in die Rolle hinein. Er trifft zufällig wieder auf eine Jugendliebe, Tina, die, inzwischen Gärtnerin, das Grundstück von Max gepflegt hat. Zwischen ihnen entspinnt sich neuerlich eine Beziehung, eine Liebesaffäre. Leonard richtet ein Kinderzimmer ein für Erik, kümmert sich rührend um ihn, der nach und nach bei ihm übernachten darf, aber weiterhin nur schriftlich kommuniziert. Und der sich dann einer verletzten Krähe annimmt, sie gesund pflegt. Ornithologie, insbesondere die Kunde von den Krähen, führt dann sukzessive zu einer Gesundung Eriks. Auch zu Abenteuern, denn einmal sucht er – es ist Winter und bitterkalt – den Ort im Wald auf, an dem er mit seinem Vater einst die Krähen beobachtet hatte, und erfriert um ein Haar. Zum Glück findet ihn Leonard. Dieser betrachtet sich zusehends als Alleinverantwortlicher. Und muss sich einerseits Tina öffnen, um sie nicht zu verlieren. Und sich anderseits seiner eigenen Haut erwehren. Denn zwei mysteriöse Männer verfolgen ihn, erpressen ihn schließlich zu einem großen Coup. Zu dem es dann aber nicht kommt. Leonard beseitigt sowohl die zwei als auch den Auftraggeber im Hintergrund. Schließlich setzt er sich mit Erik und Tina auf die Ile de Ré ab, jene französische Atlantikinsel, wo er vor vielen Jahren ein Haus erworben hatte.

Elterlein hat sich Zeit genommen für seinen zweiten Roman, viel Zeit. 2009 erschien sein Debüt „Der Hungerkünstler“. Auf kunstvolle, dabei zwanglose und sehr überzeugende Art führt er die scheinbar divergierenden Stränge von Einzelgängerstudie, Familienpsychogramm, Liebesroman und Kriminalgeschichte parallel und schließlich zusammen. Das Erstaunliche an Elterleins Prosa ist: Ab der ersten Seite überzeugt der Duktus. Konsequent wie unangestrengt hält er den zurückhaltend irisierenden Tonfall bis zum Ende ohne auch nur den kleinsten Stilbruch durch. Am Ende nimmt dieser Roman eine immer stärkere französische Prägung an. Und tatsächlich stellt man sich Leonard dann als den jungen Gerard Depardieu vor, Depardieu alias Mickey etwa aus Alain Corneaus „Wahl der Waffen“.

Alexander Kluy
6. September 2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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