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Georg Elterlein: Sprache der Krähen.


Leseprobe (S. 110 – 112):


Mit Erik sei etwas passiert. Mehr wollten sie Leonard am Telefon nicht sagen. Er fuhr sofort los. Im Klinikpark stand ein Feuerwehrauto mit ausgefahrener Drehleiter. Im Korb am Ende der Leiter befanden sich zwei Feuerwehrmänner, die zum Dach hinaufschauten. Leonard folgte ihren Blicken und entdeckte den Buben. Mit angezogenen Beinen kauerte er auf der steilen Schräge, aus einer Fensterluke heraus redete er eine Frau auf ihn ein.
Die trockene Luft des Dachbodens war kaum zu atmen. Spinnweben und Staub trübten das einfallende Tageslicht. Neben der Frau, die Leonard in der Dachluke gesehen hatte, waren der Klinikleiter und zwei Polizisten anwesend.
Die Logopädin war die einzige der Therapeutinnen, die bis jetzt mit dem Buben Kontakt gehabt hatte. Sein Neffe sei total verängstigt. Er reagiere auf kein Zurufen, rühre sich nicht. Ja, nicht einmal das Auftauchen der Feuerwehrmänner habe ihn beeindruckt.
Leonard überlegte, wie lange die Angst den Buben auf dem Dach festnageln würde. Solange das der Fall sei, würde ihm nichts passieren. Aber ließe ihn die Angst los, käme die Panik. Eine unachtsame Bewegung würde reichen und er würde die sieben Stockwerke abstürzen. Leonard schlug dem Klinikleiter vor, auf das Dach zu dem Buben zu klettern. Der Professor lehnte ab. Bei Suizidgefahr warteten sie auf den Psychologen.
Selbstmord? Der Bub?
Das Funkgerät rauschte. Eine Männerstimme rief den Professor. Leonard sprang auf die Holztreppe, und ehe man ihn zurückhalten konnte, zog er sich durch die offene Luke aufs Dach.
Kalter Wind blies ihm ins Gesicht. Seine Füße suchten Hlt auf den porösen Dachziegeln. Mit kurzen Schritten balancierte er dem Buben entgegen. Ein Dachziegel brach, sauste die Schräge hinunter. Leonard fand das Gleichgewicht sofort wieder, doch Erik starrte auf die Stelle an der Dachrinne, von der der Ziegel in die Tiefe gepoltert war.
Nicht runterschauen! Schau mich an!
Der Bub gehorchte. Nur wenige Schritte und Leonard war bei ihm. Er zog die Jeansjacke aus, legte sie dem vor Angst und Kälte zitternden Buben um die Schultern. Schweigend saßen sie nebeneinander, beobachtete die Drehleiter, die den Korb langsam auf das Niveau der Dachrinne hochfuhr.
Du steigerst dich, Kleiner, sagte Leonard und deutete auf die Feuerwehrmänner. Im Spital war’s nur der Wachdienst. Jetzt ist die Feuerwehr schon da. Beachtlich. Und beim nächsten Mal? Fallschirmjäger?
Der Bub reagierte nicht.
Leonard lehnte sich zurück, stüzte sich hinter dem Buben auf der Dachschräge ab. Eine falsche Bewegung des Buben und er könnte nach ihm schnappen, ihn festhalten.
Der Wind zerzauste das blonde Haar. Wieder überraschte Leonard die Ähnlichkeit des Buben mit seinem Bruder. Der gleiche verängstigte Blick. Wie damals, als sie als Kinder auf das Dach eines Hauses geklettert waren. Leonard lächelte.
Du bist wie dein Papa. Der ist auch auf ein Dach geklettert und hat dann im letzten Augenblick Schiss bekommen.
Die Erwähnung des Vaters lenkte Erik ab. Leonard erzählte ihm, wie Max und er auf dem Dach eines Wohnhauses einen Flaschenzug entdeckt hatten und Max die Idee hatte, sich am Ende des Seils festzubinden, um frei über dem Abgrund zu schweben. Wie ein Vogel.
Nur an der Dachkante dann, da hat deinen Papa der Mut verlassen. Hat Angst gehabt, dass ich ihn nicht festhalten würde.
Der Bub kratzte mit dem Finger eine Frage auf Leonards Unterarm.
Klar hab ich ihn gehalten.
Ist er geflogen?
Leonard grinste.
Ein kurzer Tritt in den Arsch deines Papas und er ist geflogen. Du hättest sein Gesicht sehen sollen. So frei und voller Kraft hab ich ihn nie wieder gesehen.
Leonards Handy läutete.
Krutis fragte, ob er bei Erik auf dem Dach sei.
Ja.
Ich hab der Feuerwehr Bescheid gegeben, dass Sie sein Onkel sind. Die holen ihn jetzt da runter. Können Sie die Männer unterstützen?
Kein Problem.
Die Drehleiter bewegte sich über den Dachrand hinweg langsam auf sie zu. Mit einem Ruck setzte der Korb auf den Ziegeln auf. Leonard stand auf, hielt dem Buben die Hand hin.
Vertraust du mir, wie es dein Papa getan hat?

© 2016 Picus Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

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