Teresa Präauer: Oh Schimmi.

Roman.
Göttingen: Wallstein Verlag 2016.
203 Seiten, gebunden; Euro 20,50.
ISBN 978-3-8353-1873-1.

Autorin

Leseprobe

Literaturhaus-Lesung: Do, 06.10.2016, 19.00

Längst vor Darwin kennt das Märchen das Nahverhältnis von Mensch und Tier. Die Grenzen sind durchlässig, Menschen können zu Bestien werden, Frösche zu Prinzen. Wir sind nicht Mensch, wir werden Mensch und können uns ebenso zum Affen machen. Die als bildende Künstlerin und Schriftstellerin tätige, 1989 in Linz geborene Teresa Präauer zeigt auf dem selbstgestalteten Umschlag ihres dritten Romans einen weißen Affen mit Goldzähnen. In ebenso goldenen Lettern heißt es: “Oh Schimmi”.

Den Ausschnitt, den die Autorin beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb 2015 daraus vorgelesen hat, nannte Meike Feßmann ein “Zauberkunststück auf offener Bühne”. Tatsächlich halten wir ein ungewöhnliches Buch in Händen. Es erzählt von einer dysfunktionalen Familie, beheimatet in einer der “internationalen Weltstädte” in einem “Tower, abgeschirmt durch Zäune und beschützt durch Security”. “Schimmi Schamlos, wohnhaft im Haus der Mutter” ist nach einem Unfall behindert, verbringt seine Tage mit Tiersendungen und Mädchen im Fernsehen, verweigert Vitamine und ist süchtig nach Zucker. “Schlimm, schlimmer, Schimmi” sehnt sich nach Liebe, kann sich selbst nicht einschätzen und hält sich für den Größten: “Ja, wieso seht ihr mich so an? Habt ihr noch nie einen schönen Mann gesehen? Seht her, wer die fetten Ringe trägt!” Zitiert Muhammed Ali: “Ich hab mit einem Alligator gerungen und einen Wal gewürgt, ich hab dem Blitz Handschellen angelegt und den Donner eingesperrt. Ich bin ein ganz ein Böser.” Freilich stimmt das nicht ganz, ist doch die Unterscheidung von “real” und “fake” ein für ihn unlösbares Problem. Etwa in der Mitte des Romans findet sich jene Stelle, die auch auf der Rückseite des Schutzumschlags wirbt: “Ich habe so einen Hass auf alles und gleichzeitig so eine Liebe für alles, ich kann es euch gar nicht sagen.” Schimmi hat also durchaus auch liebenswerte Seiten.

Was macht einen Menschen zum Affen? Ein Kostüm? Fehlende Erziehung? Ein Unglück? Realitätsverlust? Was macht ihn zum Menschen? Eine traditionelle Antwort darauf sagt, dass der Mensch, anders als das Tier, fähig ist zur Kunst. Schimmi, “der beste Reimeschmied von hier bis Mexiko”, versucht seine Ninni nach dem Motto “nimm, edles weib, was diese reime singen” (Arndt) zu erobern und bekennt “lyrisch” und “flötend”: “I wanna be laffd / ich will ein Affe sein / geladen / in den / Dschungel-von-Ninni”. Teresa Präauer beantwortet keine Fragen, sie spielt mit ihnen. Dass dieses Spiel häufig sexuell aufgeladen ist, macht es nicht weniger grotesk oder schonungslos.

Allusionen gibt es in dem Buch zuhauf. Anspielungen auf “Rotkäppchen”, Kafkas “Die Verwandlung” und “Ein Bericht für eine Akademie”, Musils “Affeninsel” sowie Doderers “Die erleuchteten Fenster. Oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal” sind leicht aufgespürt und regen zum Vergleich an. Daneben gibt es Versatzstücke aus Popkultur, Musik und Film zu entdecken. Kein Wunder, redet sich da einer um Kopf und Kragen.

Schimmi ist bestimmt durch das Sehen. Wie Doderers Zihal schaut er durch das Fernrohr “zu den Nachbartürmen. Oder in den Fernseher hinein. Manchmal ins Internet.” Dabei scheint es, als trüge diese Art zu sehen zum Affe-Werden bei. “Realismus, Baby!” fordert Schimmi und geht dabei ganz in seinem Wahn auf. Merkwürdig und bemerkenswert, wie es der Autorin dieser fantastischen Erzählung dabei aber gelingt, tatsächlich nicht nur Schimmis Seite der Realität zu skizzieren. Es ist ein Text voller Welthaltigkeit. Diese Wirklichkeit (real oder fake?) ist es, die Hass und Liebe (vielleicht) auch beim Leser evoziert. Ein Buch das dies schafft, sollte gelesen werden.

Ich habe das Buch nicht laut gelesen, wie es der Klappentext empfiehlt. Die Rhythmik der Sprache, das Spiel mit den Worten, seine Musikalität werden selbst beim leise Lesen deutlich. Der Roman ist genau komponiert, für jede Wendung lässt sich eine Begründung finden. Schimmis Suada ist eingebettet in eine Art Parabel, die andeutet, dass der Affe mit Goldzähnen kein Einzelschicksal darstellt. Wer will nicht auch manchmal ein Affe sein?

Helmut Sturm
14. September 2016

Originalbeitrag
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