Marie-Thérèse Kerschbaumer: Chaos und Anfang. Ein Poem.

Klagenfurt/Celovec: Wieser Verlag, 2016.
Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen;
130 Seiten; 14,95 Euro.
ISBN 978-3-99029-205-1.

Autorin

Leseprobe

Eigentlich muss ich eingangs wiederholen, was ich in diesem Buchmagazin bereits längst über die Dichterin geschrieben habe: Marie-Thérèse Kerschbaumer, die Grande Dame der österreichischen Literatur, die heuer 80 Jahre alt geworden ist, ist in der Prosa und Lyrik gleichermaßen firm.
Nun legt sie zu ihrem umfangreichen Opus – eine XIII-bändige Kassette mit ihrem „Lebenswerk“ auf 2500 Seiten ist bereits erschienen – ein weiteres Buch vor, das sie „Ein Poem“ nennt, nämlich „Chaos und Anfang“. Wäre es nicht vermessen, müsste man nach der Lektüre von einer geheiligten Literatur sprechen, zumal uns Kerschbaumer von Zitaten aus dem Alten Testament bis zu solchen von beispielsweise Barbara Frischmuth führt. Oder: Vom Urknall über die Griechen bis „Jakob / des Namens Wassermann“ (S. 85) und noch viel weiter, wobei auffällt, dass sie im vierten und letzten Teil zur mehr oder weniger konsequenten Kleinschreibung wechselt, nachdem sie in den ersten drei Teilen die Groß- und Kleinschreibung wählt, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie „der alten Rechtschreibung folgt“. Das Buch ist, was ebenso bemerkt sei, nicht im Block-, sondern Flattersatz gesetzt.

Bekannt ist die Sympathie der promovierten Dichterin für das Altgriechische, das Altphilologische überhaupt, auch ihr ausgeprägtes lateinisches Formgefühl und ihr sicherer Stil samt umfassender humanistischer Bildung. Ihr Grundvertrauen in die Poesie kommt im „Poem“ ebenfalls zum Ausdruck. Ihre Sprache ist, wenn nicht biblisch, so doch feierlich, oder anders ausgedrückt, … getragen.
Eine weitere Eigenheit der Kerschbaumer-Texte ist das bereits erwähnte beziehungsreiche Einstreuen von Zitaten. In „Chaos und Anfang“ stammen die Proben einer immensen Belesenheit beispielsweise von Dante Alighieri, Aristoteles, aus der Heiligen Schrift, von Goethe oder Gershom Scholem.
Auch dieses aktuelle Kerschbaumer-Buch lässt sich nicht im eigentlichen Sinn nacherzählen oder auf das Wesentliche reduzieren, weil es jede Inhaltsangabe und Textsorte locker sprengt. Der Begriff
Enzyklopädisches Brevier käme noch am ehesten in die Nähe dessen, was uns die Poetin vorlegt. Es ist eine fulminante Tour d’Horizon durch die Geschichte und Poetik, finden doch neben Erkenntnissen der Weltraumphysik (!) die Erinnerungen an mythische Dichtung ihren sprachlichen Ausdruck. Ihr „Poem“ ergibt sich aus neuen Zusammenhängen, es durchläuft Metamorphosen, Themen werden neu oder zumindest anders akzentuiert und dadurch unverwechselbar, wie ihr gesamtes Oeuvre, das interessant, nobel und überzeugend ist.

Marie-Thérèse Kerschbaumer versucht in einer Zusammenschau zwischen lyrischer Prosa und Naturwissenschaften, zwischen Mythos und Gegenwart, eine metonymische Darstellung dessen, was die Menschheit mit den neuesten Mitteln und Möglichkeiten zu erforschen versucht, mit ihren eigenen Behelfen und Möglichkeiten, das heißt denkerischen und sprachlichen, zu verbalisieren.
Die Erde wurde mit Sextant und Segel erkundet, (keineswegs mit Atombomben und Terrorphantasien,) die Dichterin sucht und denkt und schreibt. Fast könnte man konstatieren, so unbegrenzt die Reise der Menschheit durch Raum und Zeit sein kann, so phantasievoll beschreibt Marie-Thérèse Kerschbaumer diese Erkundungen und wird dadurch von der Grande Dame zur Klassikerin der österreichischen Gegenwartsliteratur. Zu einer Instanz.

Janko Ferk
13. September 2016

Originalbeitrag.
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