Birgit Birnbacher: Wir ohne Wal.

Salzburg: Jung und Jung, 2016.
168 Seiten, gebunden, € 18,–.
ISBN 978-3-99027-089-9.

Autorin

Leseprobe

Auf dem hellgrauen Buchumschlag balancieren nackte Füße, von unten fotografiert, scheinbar durch nichts als Luft, der Klappentext spart nicht mit liebevoll überkolorierten Handlungsdetails und endet mit den Worten: "Und im Himmel darüber kreist ein Wal". Der erste Eindruck verheißt uns damit schon einen fantasievollen Inhalt.
Die Vorstellung eines Wals, der durch den Himmel zieht, ist nicht ganz neu, vor allem in lyrischen Texten taucht diese Metaphorik zuweilen auf, die das Schwerste und das Leichteste gleichzeitig in ein Bild zu fassen sucht. In der erzählenden Prosa hingegen begegnen uns solche Verknüpfungen eher selten. Umso mehr lassen sie aufhorchen, verstärkt durch den Umstand, dass es sich um das Debüt einer jungen Erzählerin handelt.
Birgit Birnbacher, Jahrgang 1985, wurde in Schwarzach im Pongau geboren, lebt und arbeitet in Salzburg und hat seit dem letzten Jahr eine Reihe von beeindruckenden Preisen für ihr noch schmales Werk erhalten: den Irseer Pegasus, den Rauriser Förderungspreis und den Theodor-Körner-Förderpreis. Für ihre nun vorliegende Erstveröffentlichung wird sie im November 2016 mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung geehrt.

"Wir ohne Wal" verhandelt die Befindlichkeiten und schicksalhaften Erlebnisse einer Gruppe österreichischer Twenty-Somethings aus der Kleinstadt, die allesamt noch auf der Suche nach sich und dem Weg durchs Leben sind: da ist Anna, die Künstlerin, die eben jene Installation mit schwebendem Wal über der Stadt schuf, deren Vater eine Spenderniere jedoch lieber von ihrer bodenständigen Schwester annimmt und sie selbst über seine Krankheit in Unkenntnis lässt; da sind Mirko und Ivan, die im Drogenrausch eine Tankstelle überfallen haben und nun in der Untersuchungshaft auf die Mühlen der Justiz warten; Sanela, die in Therapien versucht, mit ihrer Paranoia und ihrem Drogenkonsum fertig zu werden; Ella und Nora, die es beide nicht so richtig schaffen, ihre Beziehung zu David, dem "Weltrettertypen" (S.111), für sich und untereinander zu klären; Eve und Markus, deren Beziehung daran scheitert, dass Markus nicht über den in seiner Anwesenheit begangenen Selbstmord einer Frau hinwegkommt; und so tauchen immer weitere Personen auf, die berichten oder von denen berichtet wird - in einer Sprache, die den beeindruckenden Spagat schafft zwischen lesbarer Alltagsmodernität, beobachtender Genauigkeit und der jeweils eigenen Stimme des bzw. der Erzählenden, ohne stilistisch auseinanderzufallen.

Schlaglichtartig werden der Leserschaft in einzelnen Kapiteln die verschiedenen Charaktere vorgestellt, jeweils aus einer anderen Ich- Perspektive. Jedem Abschnitt ist dabei in Kursivschrift ein Zitat aus dem Textverlauf des jeweiligen Kapitels vorangestellt, das die atmosphärische Dichte spiegelt und auf Inhalt und/oder Stimmung vorbereitet. Einige der Figuren nehmen vorherige Geschehnisse wieder auf, andere nicht. Manche Bezüge ergeben sich auch nur sehr versteckt und sind zumindest beim ersten Lesen kaum wahrzunehmen. Insgesamt entsteht ein wenig der Eindruck, dass hier eine Sammlung wirklich veritabler Kurzgeschichten und -erzählungen auf "Zusammenhang" getrimmt wurde, um das Ergebnis unbedingt als scheinbar verkaufsträchtigeren Roman vorlegen zu können.
Woher kommt diese verlegerische Mutlosigkeit? Das Buch ist doch gut! Sehr gut sogar! Und die Autorin sagte noch letztes Jahr in einem Interview mit den Salzburger Nachrichten: "Für einen Roman brauche ich noch wesentlich mehr Lebenszeit. Denn es ist ein Irrglaube, dass Autoren besonders viel zu sagen hätten, bloß weil sie sprachlich talentiert sind und sich ausdrücken können." Bei soviel Einsicht ins Metier ist es schade, dass sich Birnbacher das Gegenteil (wohl vor allem vom Marketing) hat einreden lassen. Oder aber die einzelnen Kapitel wären dann doch stringenter miteinander in Beziehung zu setzen gewesen.
Dass sie fast ausnahmslos auch ohne einander als kleine literarische Perlen zu glänzen verstehen beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass zum Beispiel das Kapitel "aber wir" in seiner damaligen Form der Autorin (zu Recht!) den begehrten Allgäuer Literaturpreis "Irseer Pegasus" eingebracht hat, mitsamt einer glühenden Laudatio in den "Signaturen".

Dabei ist die innere Klammer für die Texte ja durchaus vorhanden: all die Schicksale, die Birnbacher in ihrem Buch anreißt, durchscheint die alternative akustische Variante des Titels: "Wir ohne Wahl". Denn wie das Wort Schicksal schon impliziert, erscheinen die Figuren wie Blätter im Wind, Figuren, die eben nur scheinbar eine Wahl haben, die in immer neue verhängnisvolle Situationen hineinschlittern, auf die etwas zukommt und die eher reagieren als agieren - insbesondere auf ihre Abhängigkeiten von Drogen, ihnen entgegengebrachte Emotionen und Gesten und auf ihr mangelndes Selbstwertgefühl. Natürlich begehen einige dieser Personen unentschuldbare Dinge, vor allem Marko und Ivan, und die Autorin intendiert als studierte Soziologin sicherlich keine Verniedlichung dieser Straftaten, aber letztlich stehen sie eben auch alle als Opfer da - Opfer ihrer eigenen Unfähigkeit, ihr Leben in den Griff zu bekommen, Opfer einer Zivilisation, die sich jeden Tag aufs Neue in post-postmoderner Zukunftslosigkeit abspult und sich damit als Ort der begrenzten Unmöglichkeiten ausweist. Hier ist es zwar möglich, über einer Kleinstadt ein halbes Jahr lang einen Plastikwal am Himmel vor sich hin dümpeln zu lassen, aber nicht, auf dem Sprungturm eines geschlossenen Schwimmbades eine Party zu feiern. Nur was als Kunst gilt, darf die Grenzen des ohnehin schon engen (und sich freilich in letzter Zeit weiter verengenden) Normenkorsetts der Gesellschaft überschreiten. Der Versuch von Lebenslust erfährt dagegen nicht selten einen frühen Dämpfer. Das Birnbachersche Personal will seiner Elterngeneration zeigen, dass es mehr kann, als sich "peinliche Tätowierungen stechen zu lassen" (S.61/62), wie es eine der Figuren ausdrückt. Aber sie scheitern letztlich alle an ihrer inneren Gewissheit, mit ihrer Entwicklung und ihren Handlungen nicht zu genügen, nicht den Eltern, nicht der Gesellschaft - und vor allem nicht sich selbst.

© Marcus Neuert, September 2016

Originalbeitrag.
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