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Alice Penkala: Schkolade für das Afrika-Corps.

Kommentiert und mit einer Einleitung von Nadine Dobler und einem biografischen Essay von Heimo Halbrainer. Hrsg.: CLIO Verlag und Österreichische Exilbibliothek.
Graz: Clio Verlag, 2016.
272 S. geb., EURO 20,00.
ISBN 978-3-902542-46-5.

Literaturhaus-Präsentation am 20.09.2016

Leseprobe

Tanger 1942 – Die nordafrikanische Stadt ist Tummelplatz geldgieriger Schieber, vergnügungssüchtiger Beamter, durchtriebener Geschäftsleute und skrupelloser Doppelagenten, die sich wie die „Hyänen“ – so ein Teil des ursprünglichen Romantitels – auf eine Schokoladenlieferung für das Deutsche Afrikacorps stürzen. Die Jagd nach dem Geld und dem eigenen Vorteil geht quer durch alle Gesellschaftsschichten, Nationalitäten und Ideologien. Jüdische Geschäftemacher, französische Mittelsmänner, britische Geheimagenten, spanische Beamte, arabische Dienstboten und deutsche Diplomaten bespitzeln einander gegenseitig, um die anderen umso besser hereinlegen zu können. Alleine ein österreichisches Emigrantenehepaar versucht sich aus allen Intrigen herauszuhalten und auf ehrliche Weise mit einer Zahnarztpraxis sein Geld zu verdienen. Denn wer in dieser zeitweise etwas unübersichtlichen Schmuggelgeschichte den Überblick und sein Geld behalten möchte, darf nicht zimperlich sein: Rauschgifthandel, Hehlerei und Prostitution stehen an der Tagesordnung, Betrug und Bestechung sind salonfähige Geschäftspraktiken. Spioniert wird immer und überall, Informationen werden an den oder die (!) Bestbietende/n verkauft. Perfektioniert hat dieses System der Araber Mustapha, der zwischen allen Fronten steht und daher sowohl für den deutschen als auch den alliierten Geheimdienst tätig ist. Auch für Agentennachwuchs ist gesorgt: Der Sohn des ortsansässigen Gestapo-Kommandanten wird vom eigenen Vater zu Spionagezwecken eingesetzt und linkt dabei auch noch die Gegenseite geschickt, indem er ihr falsche Informationen liefert. Zu viel wird das nur der Mutter des aufstrebenden NS-Agenten, sie schafft den Sprössling lieber in Gesellschaft eines pädophilen (!) Regimekritikers aus dem verderblichen Einflussbereich von Vater und Führer heimlich in die neutrale Schweiz.

Im vordergründig männlich beherrschten Tanger haben überhaupt die Frauen die Fäden in der Hand bzw. wissen an den richtigen zu ziehen: So ist die Chefin des alliierten Geheimdienstes eine Frau (wenn auch aus der Demimonde); der jüdische Händler Levy steht unter Kuratel seiner in Möbelstoffe gehüllten Gattin; Mustapha ist fest am Gängelband seiner drei Haremsdamen; der polnische Jude Abraham – der außerdem von seiner geizigen Mutter tyrannisiert wird – kann nur durch Intervention seiner britischen Geliebten vor der Schwarzen Liste gerettet werden; der Schwedin Karin gelingt es, ihren finanziellen Gewinn am Schokoladencoup erfolgreich an den Augen ihres misstrauischen Mannes vorbei ins heimatliche Ausland zu bringen; und ohne seine pragmatische Frau Toni hätte der gutgläubige Zahnarzt Karl seine Praxis schon längst zusperren können. Toni ist auch eine der unterhaltsamsten Szenen im Roman zu verdanken: Als das Ehepaar Besuch von der spanischen Polizei bekommt, wird diese von Toni so charmant wie gekonnt an der Nase herum und in die Irre geführt, ihren realitätsfernen Ehemann lässt sie erst gar nicht zu Wort kommen.

Alice Penkala mutet ihren Figuren einiges zu in diesem Roman, sie spart nicht mit nationalen und kulturellen Klischees und schont auch die Stadt Tanger, die ihr selbst Exilstadt war, nicht. Abseits des moralischen Sumpfes ist Tanger einfach nur schmutzig und zudem eine kulinarische Wüste (das steinharte Beefsteak mutiert dann auch zur Codebestellung für das internationale Schokoladenkomplott). Diese schablonenhafte Schwarz-Weiß-Zeichnung gepaart mit den menschlichen Abgründen der Figuren wirkt zwar streckenweise etwas kolportagehaft, birgt jedoch ebenso groteske wie amüsante Momente und fügt sich zu einer messerscharfen Satire auf Überlebensstrategien und kriegsbedingte Machenschaften im exotischen Exil zusammen.

Dass Penkala nach dem Zweiten Weltkrieg für diesen Roman keinen Verleger fand und nur mit politisch harmloseren Stoffen, die im Pariser Bohème-Milieu und an der Côte d’Azur spielten, Erfolge feiern konnte, verwundert nicht. Umso erfreulicher ist nun die Erstedition dieses bitterbösen und höchst vergnüglich zu lesenden Exilromans durch ein kundiges Team von HerausgeberInnen, die Penkalas Text 70 Jahre nach seiner Entstehung in einer kommentierten Ausgabe (inklusive Informationen zum Entstehungskontext des Romans, einer biographischen Skizze zur Autorin sowie einem Glossar) einem breiten Lesepublikum zugänglich gemacht haben.

Veronika Hofeneder
15. September 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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