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Alice Penkala: Schokolade für das Afrika Corps.


Leseprobe:

Die beiden Polizisten traten ein. Sie schienen nicht gewöhnt
zu sein, auf diese Art empfangen zu werden. Toni spielte
wieder einmal – Karl begriff nicht, warum – die liebens-
würdige Wiener Hausfrau. Sie bot ihnen Zigaretten an,
Cognac und Bonbons. "Was verschafft uns zu so später
Stunde das Vergnügen Ihres Besuches, meine Herren?"
fragte sie n ihrem besten Spanisch. "Rauchen Sie?
Wollen Sie nicht ein Glas Cognac mit mir nehmen?
Diese Bonbons werden Ihnen bestimmt gefallen ..."
Die beiden setzten sich, schienen unsicher und sahen
einander an.
"Der Herr Doktor muß morgen Vormittag in mein Bureau
kommen", sagte der kleinere der beiden plötzlich und
machte ein wichtiges Gesicht. "Ich bin Polizeikommissär.
Ich wünsche seine Papiere zu sehen."
"Die können Sie sofort sehen", erklärte Toni bereitwillig.
"Vormittag empfängt der Herr Doktor nämlich seine Pati-
enten. Wozu wollen Sie Ihre und seine Zeit vergeuden?"
"Ich muß ein Protokoll aufnehmen", sagte der kleine Spa-
nier und sein Gesichtsausdruck wurde, wenn möglich, noch
wichtiger.
"Hier", sagte Toni. Sie stellte ihre Reiseschreibmaschine
auf den Tisch, setzte sich nieder und spannte einen Bogen
Papier ein. "Hier haben sie eine Schreibmaschine, eine erst-
klassige Sekretärin, Zigaretten und Cognac. Bitte, walten
Sie Ihres Amtes."
Karl begriff nicht, was das bedeuten sollte. Er sah seine Frau,
sicher, liebenswürdig – viel zu liebenswürdig nach seinem
Geschmack, welche die beiden stupiden Beamten lächelnd
und herausfordernd ansah. Wieder wechselten die beiden
einen Blick. Dann sagte der kleinere zögernd: "Wenn der
Herr Doktor morgen vormittag wirklich beschäftigt ist ..."
Er ließ Toni ihrer beiden Namen, Alter und Geburtsort tip-
pen. Dann sah er die Pässe an. "Diese Pässe sind abgelau-
fen", erklärte er.
"Ja, seit langem."
 "Sie müssen Sie verlängern lassen."
"Nein", sagte Toni, "wir müssen gar nicht."
Der kleine Spanier grinste freundlich. "Verehrte Señora,
ich kann mir sehr gut vorstellen, daß eine junge Dame das
glaubt, aber der Herr Doktor wird mich bestimmt verstehen.
Ein abgelaufener Paß, das ist eigentlich überhaupt kein Paß
mehr, nicht wahr? Haben Sie denn die Absicht, Ihr ganzes
Leben lang in Tanger zu bleiben?"
Ehe Karl den Mund aufmachen konnte, antwortete Toni:
"Nein, wenn der Krieg zu Ende sein wird, werden wir so
rasch wie möglich nach Hause, nach Österreich fahren."
"Nach Österreich?" Der kleine Polizist lächelte.                                                                                     
Toni war jetzt sehr ernst. "Señor", fragte sie, "Sie sind Spa-
nier, nicht wahr?"
"Ja." Er warf den Kopf zurück. "Und ich bin sehr stolz, Spa-
nier zu sein, Señora."
"Und ich bin stolz, Wienerin zu sein. Bitte, stellen Sie sich
einmal folgendes vor: die Araber, die afrikanischen Araber
tun, was sie schon einmal vor Jahrhunderten taten: mit Ge-
walt und mit Hilfe von bestochenen Verrätern marschieren
sie in Spanien ein. Sie, Señor, werden aus Ihrem Amt ver-
jagt. Alle wichtigen und gut bezahlten Stellungen werden
mit afrikanischen Arabern besetzt. Man verlangt von Ihnen,
das Christentum abzuschwören und Mohammedaner zu
werden. Wenn Sie sich weigern, kommen Sie in ein Kon-
zentrationslager oder Sie müssen Ihr Land verlassen. Sie
fahren mit Ihrer Frau nach Argentinien. Selbstverständlich
bekommen Sie von den neuen Herren Ihres Landes einen
arabischen Paß. Sind Sie dadurch Araber geworden? Füh-
len Sie sich als Araber? Werden Sie es nicht vorziehen, in
Argentinien ohne gültigen Paß zu leben, staatenlos zu sein,
ehe Sie in ein arabisches Konsulat gehen, um sich vor den
Leuten zu demütigen, die Sie rechtlos gemacht, die Sie um
Heimat und Stellung gebracht haben?"
"Ich verstehe Sie, Señora", erklärte der Spanier würdevoll
und verneigte sich. Dann warf er die halb ausgerauchte Zi-
garette auf den Boden, nahm rasch ein Bonbon, trank einen
Schluck Cognac und fragte: "Wovon leben Sie?"
"Ich bin Zahnarzt", sagte Karl.
"Nennen Sie mir die Namen der Leute, die von Ihnen be-
handelt werden."
Wieder mischte Toni sich ein. "Haben Sie noch nie etwas
von einem 'ärztlichen Berufsgeheimnis' gehört, Herr Kom-
missär?"
"Für die Polizei gibt es keine Geheimnisse", sagte der klei-
ne Mensch in arrogantem Ton und zündete eine andere Zi-
garette an.
"Ich bedaure," Karl sprach sehr kühl. "Ich habe einen Eid
abgelegt, meine Herren. Ich bin nicht einer eurer 'Dentista',
der einen Kurs von ein paar Monaten gemacht hat und dem
ihr gestattet, die Kiefer der Leute zu demolieren. Ich bin
Arzt. Ich bin Doktor der gesamten Heilkunde. Ich habe ge-
schworen. Und ich habe die altmodische Gewohnheit, einen
von mir abgelegten Eid ernst zu nehmen."
Wieder mengte Toni sich ein. "Du könntest vielleicht etwas
tun, Karl. Du könntest den Herren Namen von Leuten nen-
nen, die bei dir waren. Du darfst nur nicht sagen, wozu sie
dich aufsuchten. Stell dir vor, was geschehen könnte, wenn
du verraten wolltest, daß eine stadtbekannte Schönheit
falsche Zähne hat oder ein ähnliches ärztliches Berufsge-
heimnis."
Was sie sagte, mußte den beiden Spaniern außerordentlich
komisch erscheinen, sie brachen beide in schallendes Ge-
lächter aus und schlugen sich gröhlend auf die Schenkel.
"Namen?" Karl schien zu überlegen. "Namen ohne Einzel-
heiten" Ja, das könnte ich tun. Also, da haben wir einmal
den Marquis de la Mancha ...
"Den Stadtkommandanten?" fragte der Polizist voll Re-
spekt.
Jetzt wurde Toni energisch. Sie kannte ihren Mann, sie wuß-
te, daß er, ehrlich wie immer, "nein, sein Bruder", antwor-
ten wollte. Und darum sprach wieder einmal sie an seiner
Stelle: "Das weiß der Herr Doktor nicht. Glauben Sie denn,
daß ein Arzt sich wie ein Polizeikommissär benimmt und
daß er sich erlauben kann, allen Leuten indiskrete Fragen
zu stellen?
Der Patient, der zu meinem Mann kommt, sagt
ihm, was ihm weh tut. Das ist alles, was einen anständigen
Arzt interessiert. Manche Leute, die nur zu einer Untersu-
chung oder einem kleinen Eingriff kommen, zahlen sofort
und stellen sich nicht einmal vor. Es gibt so viele schlecht
erzogene Leute! Mein Mann hat einen Herrn empfangen,
der ihm sagte, er sei der Marquis de la Mancha. Ob er ihm
seine sämtlichen Zähne gerissen oder einen einzigen plom-
biert oder nur untersucht hat, geht Sie nichts an. Und den
Doktor geht es nichts an, ob dieser Herr Stadtkommandant
oder Straßenreiniger ist." Sie lächelte. "Nach seiner Klei-
dung und dem Siegelring zu schließen, dürfte er allerdings
kaum Straßenkehrer sein. Doch das verrate ich Ihnen, nicht
der Herr Doktor."
Wieder wechselten die beiden Polizisten einen raschen
Blick des Einverständnisses.
"Ich denke, wir werden Sie nicht länger aufhalten", ent-
schied der kleinere. Der Brutale nickte. Er schien überhaupt
nur mitgekommen zu sein, um Tonis Cognac zu trinken.
"Doch ich erlaube mir, Ihnen einen Rat zu geben, Herr Dok-
tor. Verschaffen Sie sich gültige Papiere."
"Freilich", antwortete Karl. "Nach dem Krieg werden wir
beide wieder unsere österreichischen Pässe haben."
Der kleine Spanier nahm sein 'Protokoll' aus der Schreib-
maschine, faltete es sorgfältig und steckte es in die Tasche.
Dann standen sie beide, als wären sie vom gleichen Draht
gezogen, auf und wendeten sich zum Gehen. In der Tür
drehte sich der, welcher die ganze Zeit das Wort geführt hat-
te, um: "Sie sind Christen?"
"Ja."
Und dann, endlich, schlug die Tür hinter ihnen zu. Toni tat
jetzt etwas ganz Unerwartetes: sie fiel ihrem Mann um den                     
Hals und küßte ihn viel leidenschaftlicher als er sich erin-
nerte, jemals von ihr geküsst worden zu sein. "Karli, mein
lieber Karli ... Sind wir denn noch immer in der Mausefal-
le? Mein Gott, diesmal ist der Kelch an uns vorbeigegangen,
diesmal noch ..."

(S. 210 bis 2015)

© 2016 Clio Verlag, Graz.

 

 

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