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Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind.

Roman.
Wien: Deuticke Verlag, 2006.
223 Seiten, geb., Eur 17,90.
ISBN 3-552-06041-3.

Link zur Leseprobe

Es war höchste Zeit. Oder, anders gesagt: erstaunlich, dass trotz ihres rasanten Vormarsches in unserem Alltagsleben die E-Mail-Kommunikation in der Literatur bisher eine so periphere Rolle gespielt hat. Aber nun endlich, endlich kümmert sich einer um die speziellen Tiefen und Untiefen des Schreibens am Bildschirm. Danke, Herr Glattauer. Das Buch macht ebenso süchtig wie sein Sujet: das Schreiben langer nächtlicher E-Mails.

Daniel Glattauer schildert in seinem jüngsten Roman "Gut gegen Nordwind", wie eine falsch abgeschriebene Mail-Adresse den Auftakt bildet für eine Bildschirm-Beziehung, die allmählich außer Kontrolle gerät. Und das völlig abseits aller Chatrooms und Kontaktanzeigen - diese Art der Bekanntschaft spielt im Roman absolut keine Rolle. Es ist vielmehr der Zufall, der auch einmal Schicksal spielen möchte. Oder ein bisschen Amorspfeile schießen, so gut er das eben zustande bringt.

Leo ist Sprachpsychologe und forscht an der Universität. Ausgerechnet über den Transport von Emotionen via E-Mail. Das wird ihm allerdings bald zu privat zum Weiterforschen. Emmi ist glücklich verheiratet und Ersatzmama für die beiden Kinder ihres Mannes aus erster Ehe. Ansonsten eine Powerfrau, beliebt, erfolgreich und beneidet.
Leo nimmt es immer wieder in Angriff, die Beziehung zu seiner Ex-Freundin allmählich endgültig zu beenden. Emmi möchte an der Seite ihres Mannes alt werden.
Das alles schürt mit der Zeit unterschiedliche Erwartungen - die besten Voraussetzungen für Schwierigkeiten.

Aus anfänglichem Geplänkel, Entschuldigungen für Versendefehler, intellektuellem Fingerhakeln auf der Tastatur ganz im Sinne echten oder eingebildeten Geschlechterkampfes - eine kurze Antwort ist so schnell geschrieben und versendet, warum also nicht noch eine kurze Replik und sei sie noch so nichtig - entwickelt sich allmählich echte Kommunikation mit immer greifbarerem Inhalt und in weiterer Folge eine immer intimere Freundschaft. Es beginnt zu knistern in der Leitung. Und Leos E-Mails sind gut gegen den Nordwind, der Emmi nicht schlafen lässt, wenn er bläst. Sie sind gut gegen Nordwind in Emmis Kopf.

Daniel Glattauer verwebt in seinem Roman die unterschiedlichsten Arten von E-Mails: vom Ein-Wort-Mail in der Beinahe-Chat-Situation über den seitenlangen Sermon bis zum von Alkohol und später Stunde angereicherten Austausch von Befindlichkeiten - mit einem Tastendruck sind die Mails beim Empfänger, so schnell und flüchtig wie das gesprochene Wort, aber eben doch immer und immer wieder reproduzierbar und schwarz auf weiß. Die Worte haben den eigenen Bildschirm verlassen und beginnen am Ende ihrer Reise ein Eigenleben, nichts und niemand holt sie mehr zurück, auch wenn einem das manchmal lieber wäre. E-Mails sind eben schneller als der Brief, unmittelbarer, entziehen sich der Kontrollinstanz des Am-nächsten-Tag-lieber-noch-einmal-Durchlesens, die so manchen gedruckten oder handgeschriebenen Brief voller Emotionen auf dem schnellsten Wege in den Papierkorb befördert. Das E-Mail ist dann längst schon beim Empfänger, der sich freut - und der Sender schickt vielleicht noch eines nach am nächsten Tag, eins, das wieder nüchtern ist und distanziert. Nur - der Adressat hat sie meistens doch recht gerne, die Schwelgereien einer langen Nacht. Ein guter Grund, sie zu wiederholen und jedes Mal ein bisschen weiter zu gehen, ein bisschen mehr preiszugeben von sich selbst.

Emmis und Leos Begegnungsfeld ist beschränkt auf den Bildschirm, obwohl die Versuchung eines persönlichen Treffens steigt und steigt - nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die beiden ohnehin in derselben Stadt wohnen. Ihr konsequenter Verzicht auf persönliche Begegnung ist keine der Art "Wir sitzen am selben Tisch, aber ich schick dir lieber ein SMS", auch keine der Art, wie sie sich beim Telefonieren von Schreibtisch zu Schreibtisch im Nebenzimmer offenbart, sondern besteht nur aus Angst. Angst davor, dass eine Begegnung in Fleisch und Blut der Begegnung im virtuellen Raum nicht standhalten könnte. Angst vor zu viel Nähe, Angst vor zu viel Distanz, Angst vor Enttäuschung. Aber am Ende ist die Entscheidung doch nicht zu umgehen.

Glattauer lässt ausschließlich Emmi und Leo von sich erzählen, seine Regieanweisungen beschränken sich auf die Angaben der Zeitabstände zwischen ihren Mails. Manchmal nur wenige Sekunden, manchmal mehrere Tage. Und die Tippfehler der beiden hat er offenbar auch gelöscht, aber er kommentiert das Geschehen in keiner Weise. Nicht zuletzt diese Zurückhaltung macht wohl den Roman so authentisch.
Und die Entwicklung der Beziehung der beiden Briefchenschreiber ist keineswegs so vorhersehbar, wie es das Thema vielleicht vermuten lassen würde. Überraschende Wendungen und skurrile Einfälle schüren immer wieder von Neuem die Neugier auf Weiteres. Beginnen Sie lieber nur dann zu lesen, wenn Sie in den nächsten paar Stunden nichts vor haben. Sie werden nämlich nicht mehr aufhören können.

 

Sabine Dengscherz
13. September 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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