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Hanno Millesi: Der Schmetterlingstrieb.

Roman.
Wien: Edition Atelier, 2016.
136 Seiten; gebunden; 18 Euro.
ISBN 978-3-903005-19-8.

Autor

Leseprobe

Von Dingen, ihren Verhältnissen und der Ausweglosigkeit des Zuhauses

Ist ein Schmetterling, hat er sich im Wohnraum verflogen, bestenfalls allein zu lassen? Menschliche Hilfe nimmt er nicht an, denn antasten lässt er sich nicht. Sollte er in dieser Situation weiter in die Wohnung fliegen, weg vom nahen Fenster, ist er verloren. Seine Bedrohung lauert in der Ausweglosigkeit, die die Wohnung parat hält.
Hanno Millesis Protagonist in „Der Schmetterlingstrieb“ hat sich dieser Ausweglosigkeit anheim gegeben. Es ist ein komischer, ständig sein Tun introspizierender Kauz, der dem Leser vorführt, wie er in der Wohnung lebt und was sie mit ihm macht, je mehr er sich gedanklich und physisch in sein Verhältnis zu ihr hineinreitet.

Dieser Protagonist ist allein und scheint kaum soziale Kontakte zu haben. Eine Kommunikation setzt sich mit ihm selbst in Gang. So kommt es zu einer Art Abspaltung eines Teils seiner selbst. Er projiziert es auf die Flächen und Objekte in der Wohnung. Diese gewinnen als quasi invertierte Introjekte immer mehr an imaginiertem Eigenleben mit merkwürdigen Konsequenzen im Verhalten ihres Bewohners. Dieser beginnt eine „andere Seite“ zu sich sprechen zu lassen, während er die Dynamik eines verspritzten Kaffeeflecks an der Wand beobachtet: „Das dort gebiert ein Sein. Eine solche Spur hinterlässt, was ich so tue, wenn ich mich, aus einer Unachtsamkeit heraus, einmal nicht an die Regeln halte.“ Die Regel wäre gewesen, eine Kaffeemaschine ordnungsgemäß zu benutzen. Die Kaffeespur ist der erste innerwohnräumliche Parameter für ein neues Verständnis der Wohnung.

Als wäre es fortan sein Programm sie in neuen Dimensionen durch Regelverstöße zu kartieren, experimentiert er immer großflächiger mit Funktionalitäten, Eigenschaften und Bezeichnungen des Interieurs und der Dinge. Er nimmt den Verlust und die Angst vor dem Verlust ihrer Eigentlichkeit und ihrer routinierten Mechanismen in Kauf. Er tappt auf den Möbeln herum, um eine Extremsportszene im Urwald mit Lianen zu simulieren. Er duscht im Dunkeln ohne Duschgel, um das Gefühl des Regens auf der Haut zu simulieren. Er holt sein Fahrrad herein und fährt auf ihm in der Wohnung herum. Er setzt sich in den Schmutzwäschekorb und probt die Anwesenheit in der eigenen Wohnung zu verbergen. Er verschwindet in den Kleiderschrank hinter die Mäntel um sich zu verstecken. Er spielt mit dem Brausekopf Telefonieren. Wie in Leonhard Cohens „Dress Rehearsal Rag“ findet er sich eines Tages mit der Messerspitze am Kinn vor einer Art Mutprobe. Einmal knallt er mit dem Schädel genau dann gegen eine Tischplatte, als er sich mit Gewalt an einer Schublade zu schaffen macht. Als würden die Dinge zurückschlagen.

Das alles sind Verhaltensweisen derivierter Nachahmung. Das Spiel, die Probe geht dem behauptenden Leben voraus. Aber so einfach, das alles einfach als kindisch zu betrachten, ist es nicht. Es ist mehr eine Regression auf der Suche nach einem Ort, „der vor Zugriffen des Alltags mit seiner Evolution des Alltäglichen geschützt ist“. Nichts weniger als die Ordnung der Dinge steht dabei aber auf dem Spiel. „Man muss den Diskurs als eine Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun; jedenfalls als eine Praxis, die wir ihnen aufzwingen“, schreibt Michel Foucault. Des Protogonisten Diskurs mag ein Gegenentwurf im Biotop zur Schablonenwelt sein, unter der man im Allgemeinen ein geschütztes Zuhause verstehen mag. Hier darf er sein eigenes, absurdes Gesellschaftsspiel spielen.

Es gipfelt im Versuch einer Symbiose mit dem Schreibtisch. Unser Protagonist, der sich an dieser Stelle als Schriftsteller outet, fragt sich, ob es ihm gelingen wird mit dem Schreibtisch zu verwachsen und kriecht ausgezogen in das Gestell. Vorher hat er die seitlichen Fächer abmontiert und die Laden herauszogen, was ihm ermöglicht, aus diesen herauszuschauen und die Arme durchzustrecken. Mehr und mehr wird die Dynamik des Tuns als Verschiebung des Ich erkennbar, eine Annäherung an einen Gregor-Samsa-Zustand. Der Käfer kann aber noch Schutz suchen unter den Möbeln und unter Menschen unglücklich leben. Der Schmetterling nicht, gegen ihn hat sich, scheint es, das ganze Menschenbiotop verschworen.

Herauskristallisiert sich aus dem gefährlichen Umordnungsvorgang letztlich das Muster einer Nichtsichtbarkeitsschablone. Wenn die Dinge in den Vordergrund rücken, ihre eigene Dynamik entfalten, gelingt es am ehesten sich zu verbergen. Wenn es der psychische Konflikt der Sichtbarwerdung und des Unsichtbarbleibenwollens eines Autors ist, den Millesi präsentieren möchte, ist ihm das auf sehr sensible Weise gelungen. Es mag das Befremdlichkeitsgefühl sein, seine eigenen Schablonen zu haben, die ihn zum Schmetterling machen, sie aber zugleich dem Publikation zu offenbaren: Sein Diskurs überbordet, was er selber zu sein scheint. Freilich mag er davonfliegen, er ist Freigeist, doch das Flattern gegen die Kanten und Ecken ramponiert ihn per se.

Marietta Böning
19. September 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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