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Christina Maria Landerl: Donnas Haus.

Roman.
Salzburg: Müry Salzmann, 2016.
128 Seiten; gebunden; Euro 19,-.
ISBN 978-3-99014-140-3.

Autorin

Leseprobe

Solitaire zu dritt

Einsamkeit ist eine Platte, die man immer wieder von vorne abspielt. Für Liz sind es die Lieder von Simon und Garfunkel. In den USA legt sie sie täglich auf. Donna und Kathy hören mit. Ob sie wollen oder nicht. Dabei ist es Donnas Haus, in dem die beiden Frauen zu Gast sind. Liz, Anfang dreißig, forscht an der Universität für ihre Arbeit über Adalbert Stifter. Kathy, um die vierzig, fährt täglich mit dem Mietauto hinaus, um Schwarz-Weiß-Fotos von einsamen Vorstadt-Häusern zu machen. Liz und Kathy wohnen nur für eine Zeit bei Donna; im Keller des etwas heruntergekommenen Hauses mit blinden Fenstern und Gerümpel im Garten.

Es ist Herbst, als die beiden Frauen bei Donna einziehen. Beide sind in die USA gekommen, um sich von ihrer Vergangenheit zu lösen. Liz, auf einem Bauernhof groß geworden, hat zuvor in Wien gelebt. Sie lässt die Familie und ihre letzte Beziehung Albert in Österreich zurück. Kathy kommt aus Berlin, wo sie mit ihrer Partnerin Vera zusammengewohnt hat. Beide sind jetzt alleine. Genauso wie Donna. Nur die Fotos mit einem Mann und einem Kind erzählen von einer Zeit, in der sie hier gemeinsam mit ihrer Familie lebte. Heute kommen nicht einmal mehr zu Thanksgiving Freunde oder Familie. Und zu Halloween bleiben sogar die herumziehenden Kinder dem etwas unheimlichen Haus fern.

Beim gemeinsamen Kochen, dem täglichen Solitaire-Spiel und beim abendlichen Fernsehen der TV-Serie „Die Waltons“ kommen die drei Frauen sich langsam näher. Die Musik von Simon und Garfunkel, deren transparente Stimmen für sie kaum voneinander zu unterscheiden sind, spielt immer im Hintergrund. Es ist der Soundtrack ihrer geteilten Einsamkeit. Nicht mehr einsam, sondern so eng mit jemandem verbunden zu sein, dass man den eigenen vom fremden Herzschlag nicht mehr unterscheiden kann – geht das überhaupt? Diese Frage stellt sich Liz täglich, wenn sie das Foto der siamesischen Zwillinge in der Küche sieht. Es zeigt die beiden an der Brust zusammengewachsenen Brüder Eng und Chang. Donna behauptet, eine  Nachfahrin von ihnen zu sein.

Liz und Kathy kommen sich im Laufe des Winters so nahe, dass beide, unabhängig voneinander, vom erotischen Liebesspiel miteinander träumen. Doch obwohl sie sich beim gemeinsamen Rauchen im Schnee mittlerweile beinahe alles voneinander erzählt haben, befindet Liz: „Eigentlich wissen sie alles, was möglich ist, eigentlich ist das nicht viel.“ Von Donnas Familien-Vergangenheit dagegen erfahren sie so gut wie nichts. Wer sind der Mann und das Kind auf Donnas Arm, die auf den Fotos im Keller zu sehen sind? Aus Neugierde durchstöbern Kathy und Liz eines Tages in Donnas Abwesenheit ihre Privatsachen. Donna ist wütend. Die aus der zufälligen Wohngemeinschaft der drei Frauen entstandene Ersatzfamilie zerbricht. Donna zieht sich in den ersten Stock vor ihren Fernseher, Kathy in ihr Fotolabor im Bad des Kellergeschosses und Liz hinter ihre Bücher zurück. Bis Liz im April schließlich als erste ihre Koffer packt, um zurück nach Hause zu fliegen.

Christina Maria Landerl erzählt in ihrem gerade einmal hundert Seiten schmalen Büchlein „Donnas Haus“ auf der Folie der Erzählungen von Adalbert Stifter, der Geschichte der siamesischen Zwillinge Eng und Chang und der Lieder von Simon und Garfunkel eine Geschichte im Spannungsfeld zwischen Einsamkeit und Zusammensein. „Die Einsamkeit im Werk Adalbert Stifters“ lautet der Titel einer Dissertation, die Liz in Madison einsehen möchte. Und auch Stifters berühmte Erzählungen „Bunte Steine“, die Liz während ihrer Zeit in Donnas Haus liest, handeln nicht zufällig von der Einsamkeit. Neben „Granit“, „Katzensilber“ und „Bergkristall“ ist es besonders Stifters Erzählung „Turmalin“, die Liz für ihre Arbeit von zentraler Bedeutung zu sein scheint. „Turmalin“ handelt von einem Mädchen, das mit ihrem kunstverliebten Vater, einsam und abgeschieden von der Welt, bis zu dessen Tod in einer Kellerwohnung lebt. Nur durch ein Oberlicht kann sie die Füße der Passanten beobachten. Wie bei Stifter stehen auch Liz‘ und Kathys fast lichtlose, stickige Zimmer im Keller von Donnas Haus als Zeichen für quälende Einsamkeit fern der unerreichbar erscheinenden Welt. Eine Einsamkeit, die selbst die engste Verbindung, die überhaupt möglich zu sein scheint, nämlich die von siamesischen Zwillingen, nicht zu überbrücken imstande ist. Wie könnte es sonst sein, dass Eng den Tod des Bruders im Schlaf nicht bemerken hat können. Fragt sich Liz und versucht, sich die eigene Haut als fremde vorzustellen, um sich selbst ein bisschen weniger einsam zu fühlen.

Christina Maria Landerls Erzählung „Donnas Haus“ ist eine melancholische Etüde. Die junge Autorin spielt dabei geschickt mit traditionellen Topoi und Vorbildern, die ihrer ansonsten manchmal etwas zu durchscheinend konstruierten Geschichte die notwendige Tiefenschärfe verleihen. Mit äußerst reduziertem Inventar und ebensolcher Handlung zeichnet sie ein literarisches Stillleben von Donnas Haus und den drei einsamen Frauen, das mit seinen blinden Fenstern, dem trostlosen Windspiel, der Hängematte im Garten und dem stillen Beobachter Sam aus dem Nachbarhaus an die Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper erinnert. Landerl schreibt in einer einfachen, leichten Sprache, deren Melancholie nicht aus den Worten kommt, die gesagt werden, sondern aus dem, was sie verschweigen. Die Lakonie, mit der Landerl in „Donnas Haus“ die Konturen der Einsamkeit am Rand des Schweigens nachzeichnet, ist für eine so junge Autorin ungewöhnlich und mehr als überraschend.

Michaela Schmitz
27. September 2016

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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