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Andrea Wolfmayr: Vom Leben und Sterben des Herrn Vattern, Bauer, Handwerker und Graf.


Leseprobe:

Auch wenn sie, vielleicht schon in ihrer Jugend, laut und lästig waren, deppert und schrecklich, eine Belastung ihrer Umwelt, eine Fron für ihre Kinder – jetzt sind sie alt und gehören deshalb geehrt! Und unsere eigene Lebenszeit läuft daneben ab, die eigene Jugend rinnt dahin. Sie haben ihre Macht ausgelebt auf unseren Rücken, nur kriegen wir den Rest. Sie saugen uns das letzte Mark aus den Knochen, lassen uns nicht erwachsen und mächtig sein, diese Phase fehlt, wir werden übergangslos alt. Wir waren pubertär, da haben sie uns verachtet und den Kopf geschüttelt über uns. Ihr ganzes Leben schütteln sie den Kopf über uns, und sie tun es, bis sie Greise sind von neunzig und hundert Jahren. Aber wir dürfen als Dreißig- und Vierzig- und Fünfzigjährige noch immer nach ihrer Pfeife tanzen, und noch mit sechzig behandeln sie uns wie Kinder. […]
Ich frage mich: Was sind meine Motive? Wie interessiert bin ich wirklich, dass es ihm, meinem konkreten Vater, besser geht? Oder schaue ich nur zu, wie es ihm schlechter geht und warte? Und denke mir aus, was ich nachher machen werde? Male mir die Erleichterung nachher aus, nach der Trauer, nach dem Schmerz, nach den Schuldgefühlen, die selbstverständlich nicht ausbleiben werden?
Ich bin gemein. Nein, bin ich nicht. Ich bin traurig. Ich bin traurig und wütend. Mein Leben rinnt mir durch die Finger, Los der Frauen, Kümmern.

(S. 111ff)

© 2016 Edition Keiper, Graz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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