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Peter Zimmermann: Aus dem Leben der infamen Menschen.


Leseprobe:

Du kannst das Haus haben, sagte mein Bruder auf dem Weg von der Notariatskanzlei zum Kirchplatz. Beruhige dich, sagte ich, es gibt Schlimmeres, als ein Haus zu erben. Nein, sagte er und fasste mich an der Schulter, ich meine es ernst, es ist dein Haus, du bist dort aufgewachsen, du hast gute Erinnerungen daran, ich will es nicht einmal sehen, es reicht mir, wenn ich hin und wieder davon träume. Plötzlich drehte er sich um. Wir werden verfolgt, sagte er, von einem Neger. Er gehört zu mir, beruhigte ich ihn, er fährt den Wagen. Er: Du fährst mit einem Neger durch die Welt? Ich: Ja, stell dir vor, mit einem Neger! Er: Und warum verfolgt er uns? Ich: Was soll er sonst tun? Er hat sein Leben lang in den Sümpfen gewohnt, er fühlt sich ein bisschen verloren zwischen so vielen Bergen. Er: Hat er einen Namen? Was weiß ich, sage ich, er ist stumm, hat mir also nicht sagen können, wie er heißt. Er: Fickt er dich? Schweigend gingen wir weiter.
Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem Japaner auf ebendieser kleinen Straße, die zur Kirche führt. Es war Winter, der Ort lag unter einer dicken Schneedecke, der Nachthimmel war sternenklar und die Luft so kalt, dass sie beim Einatmen in den Lungen brannte. Es mochte zwei, drei Stunden nach Mitternacht gewesen sein, ich war auf dem weg nach Hause, allein und ohne Angst, weil der Mond den Schnee zum Leuchten brachte. Ich marschierte schnellen Schrittes, weil ich eine ordentliche Strecke vor mir hatte, da sah ich plötzlich in einiger Entfernung eine Gestalt hinter einem Haus hervortreten. Mitten auf der Straße blieb sie stehen, wankend wie jemand, der sich nach einem Überfall mit letzter Kraft ins Freie rettet, womöglich mit einem Messer oder einem Beil im Rücken, um Hilfe herbeizurufen. Die Gestalt blieb jedoch stumm. Sie fiel auch nicht hin, sondern steckte, als wär's eine laue Sommernacht, die Hände in die Hosentaschen und schien zu warten. Nach kurzerm Zögern ging ich auf sie zu und erkannte schließlich einen Japaner mittleren Alters in Hemdsärmeln, mit einem breiten Grinsen im Gesicht und offensichtlich sehr viel Alkohol im Blut. Diese Begegnung war so unwirklich, dass ich zuerst an ein Trugbild glaubte. Ich hatte damals noch nie einen leibhaftigen Japaner gesehen, aber ich war mir sicher, dass kein Mensch, egal woher er kam, unbeschadet eine hiesige Winternacht in Hemdsärmeln überstehen konnte. Er begrüßte mich in gebrochenem Englisch, immer noch grinsend, und fragte, wo er sich bitteschön befände. Als ich ihm den Namen unseres Ortes sagte, prustete er los. Er sei die ganze Nacht schon auf den Beinen, sagte er, habe irgendwann irgendwo seine Bekannten verloren und wolle zurück. Zurück wohin, fragte ich. Ebendas wisse er nicht mehr, sagte er und erstickte fast vor Lachen. ich machte einen Bogen um ihn und ging rasch weiter. Das ist alles nicht wahr, dachte ich mir, das träumst du bloß. Als ich mich nach einiger Zeit umdrehte, sah ich, wie er mir mit kantigen Bewegungen folgte und nach wenigen Metern auf der eisglatten Straße ausrutschte. Er fiel der Länge nach hin und wand sich auf dem Boden wie ein Käfer in Rückenlage. Von Panik ergriffen, setzte ich meinen Weg mit Riesenschritten fort. Tags darauf hörte ich mich um, ob man einen erfrorenen Japaner gefunden hätte, doch keiner meiner Bekannten war jemals auch nur einem begegnet. Das gab mir zu denken. Seither geschieht es immer wieder, dass ich in bestimmten Situationen nicht in der Lage bin, Traum und Wirklichkeit auseinanderzuhalten.

(S. 75-76)

© 2016 Milena Verlag, Wien.

 

 

 

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