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P. N. [Petra Nachbaur]: Lele. Schundheft No. elf.

Die Geschichten des Baron von Zanzenberg.
Grafische Gestaltung: Sylvia Dhargyal.
Dornbirn: unartproduktion, 2016.
66 S.; sw; illustriert; geheftet.
ISBN: 978-3-902989-09-3.

Autorin

Leseprobe

Lesenswertes kluges Buch. p. n.s selbstgegebene E-U-Regel zu streng um es zu besprechen. Geht nur regeldurchbrechend.
Wenn man sich an die Regel der Autorin hält, die nur die Vokale E und U zulässt,
kann man "gut" und "klug" sagen, für "intelligent" muss man die Regel durchbrechen. Da ich auf dieses Wort in der Besprechung unter keinen Umständen verzichten kann, bin ich außerstande mich an die E-U-Regel zu halten. Immerhin: ich habs probiert und gemerkt, wie harte Arbeit ein Buch ohne A, I und O ist. Wäre ich konsequent geblieben, bestünde die ganze Rezension aus dem ersten Absatz – das wäre doch mager, ‚sehr ungut’.

Die bibliografischen Angaben täuschen … Schon durch die Art, in der diese Informationen gegeben werden, setzt sich das Büchlein vom Normalbuch ab – wie durch sein Kleinformat und seine grafische Gestaltung. Ulrich Gabriels kleiner, mehr als feiner Dornbirner Verlag hat hier wieder ein sowohl von der Qualität des Textes wie von der äußeren Gestaltung her bemerkenswertes Buch herausgebracht – ein neuerlicher Beweis für die Wichtigkeit der Kleinverlage.

In der Schlussbemerkung beruft sich "Terence M. Trembler" auf Perec – der 1969 ein Buch ohne den Buchstaben E geschrieben hat – und auf Brecht. Der zweite Name scheint mir fast der wichtigere zu sein, ist doch mit ihm der Verfremdungseffekt verbunden, den das Nachwort ausdrücklich nennt. Um Verfremdung geht es! Wenn auch nicht exakt um die, die Brecht gemeint hat.

Was geschieht, wenn die Vokale des Deutschen auf zwei reduziert werden? In diesem Fall auf U und E (die Vokale im Wort ‚Schundheft’). Damit fallen viele Möglichkeiten aus: Diese arbiträre Beschränkung der Lautzeichen beraubt die deutsche Sprache z. B. der unbestimmten Artikel und reduziert die bestimmten auf den männlichen, ‚der’. Die meisten Präpositionen (‚auf’, ‚in’, ‚mit’, ‚nach’, ‚trotz’, ‚ohne’, ‚über’, ‚von’ …) und Konjunktionen (‚aber’, ‚doch’, ‚nachdem’, ‚weil’ …) entfallen. Kann man noch Kausalität ausdrücken, wenn man auf die Präposition ‚wegen’ beschränkt ist? Und wie negiert man ohne ‚nicht’ und ‚nie’? (Einmal, 41, mit "Njet".) Auch ‚sein’ und ‚haben’ sind verboten, was zur Häufung von verblosen Sätzen führt. Usw. Sogar ihren Namen darf die Autorin in der Titelei nur abgekürzt angeben – siehe oben!

Viele Wörter scheiden aus – daher muss der Text mit Stilbrüchen arbeiten ("geblecht", "Buhle", "scherwenzelt"), Wörter verwenden, die zur erzählten Geschichte und ihrem Milieu nicht passen. Die Jugendlichen, von denen im längsten Abschnitt die Rede geht, können beispielsweise nicht ‚singen’, sondern müssen "schmettern". Die Wichtigkeit der Synonyme wird einem so recht bewusst, wenn sie fehlen – "gut" und "klug" ja, "intelligent" nein.

p. n greift oft auf seltene Wörter zurück ("Zuber", "suffvernebelt", "umgurrt"), was seine Reize hat, zumal wenn Vokabular aus dem erotischen Bereich variiert wird ("gebutterte Schwengel"). Die Fragwürdigkeit sprachlicher Konventionen wird spürbar, wenn die geläufige Anredeform in Briefen ‚Liebe Mutter’ oder ‚Liebe Mama’ durch eine neu geschaffene i-lose (Pseudo-)Konvention ersetzt wird: "Gute Mutter!" (bzw. "He, du Mutter"). Durch die Wiederholung wirkt diese neuartige Anrede zudem lustig, wie vieles andere auch, etwa die Auswahl der Namen nach dem U-E-Kriterium: Ben, Ulf, Ernst, Peter, Werner, Lutz, Ursel, Helene, Trude, Jule, Tess … Zum Essen gibt es Erbstwurstsuppe, Wurstnudeln, Putenbrust.

Zum Inhalt: Im ersten Teil schreibt "Puppe" Briefe an ihre Mutter und erzählt darin von ziemlich banalen Vorfällen in einem Sommerlager von Jugendlichen, offensichtlich Schülerinnen und Schülern. Der zweite Teil sind Fragmente verschiedener Schreibender, die kaum einen Zusammenhang erkennen lassen, mit Rückbezügen auf den ersten Teil; angedeutet wird ein schlimmes Ende. Aber auf eine Geschichte kommt es hier ohnehin nicht an.

Selbstverständlich wissen wir, dass Lautsystem und Sprachstruktur zusammenhängen und dass diese durch das Ausschließen von 3 der 5 Vokale über den Haufen geworfen wird. Dieses Schundheft enthält also keine neuen Erkenntnisse. Nur: abstraktes Wissen und konkrete Erfahrung sind nicht das Gleiche. Eben diese vermittelt das Buch. Das unterscheidet Literatur von Sprachwissenschaft!

Nicht nur Sprachtheorie führt p. n. konkret vor Augen, sondern auch Literaturtheorie – insofern, als Gegenstand des Schundhefts eher banale Dinge sind; durch die abenteuerliche Form werden sie zwar nicht weniger alltäglich, aber es kommt eben gar nicht mehr auf sie, viel mehr auf die Form der Darstellung an. Literatur vermittelt nicht unbedingt Inhalte, sondern zwingt durch die Formgebung zum Nachdenken, hier über Kommunikation. Damit steht die Autorin in der Tradition der sprachbewussten Literatur – deren österreichische Richtung durch dieses geistreiche, intelligente Schundheft weiterentwickelt und bereichert wird. Stellt man sich darauf ein, ist die Lektüre höchst amüsant – etwa dort, wo sich das kleine Buch grinsend (‚augenzwinkernd’) über seine eigenen Regeln hinwegsetzt: die "Sekundenz" eines Spezialisten rühmt (51), ‚cool’ durch "kuul" ersetzt (23) und eine falsche lateinische Form ("estes", 14) einführt.

Das kleine Heft könnte leicht verloren gehen oder verstellt werden. Es wäre schade drum.

Sigurd Paul Scheichl
8. November 2016

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