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Bernd Schuchter: Jacques Callot und die Erfindung des Individuums.

Wien: Braumüller Verlag, 2016.
160 Seiten; geb. mit Lesebändchen; € 18.
ISBN: 978-3-99200-168-2.

Autor

Leseprobe

Ein Mann. Ein Mann auf einem Pferd. Er friert. Denn es ist kalt und feucht. Der Mann heißt Jacques Callot. Sein Ziel: Breda in den Spanischen Niederlanden. Er soll zeichnen. Und zwar den Triumph der seit August 1624 erfolgten Belagerung dieser Stadt durch spanische und flandrische Truppen, befehligt von Antonio Spinola. Anfang Juni 1625 ergaben sich die Belagerten, die Justinus von Nassau anführte. Nun schleppt sich der 1592 geborene Callot aus Nancy als Mittdreißiger dorthin, um in Augenschein zu nehmen, was er später in übergroßen mehrteiligen Formaten mit seiner Spezialfeder radieren wird.

Callot, der Zeichner, kam im katholischen Nancy in Lothringen als Sohn des Wappenherolds des Fürsten zur Welt, erwies sich bald als künstlerisch hochbegabt, wurde in die Lehre gegeben, riss einmal, dann ein zweites Mal nach Italien aus, wurde wieder zurückgeholt, um dann doch nach Florenz reisen zu dürfen, wo er neuerlich in die Lehre ging. Deutlich nahm er die Kunstblüte um sich herum wahr, die der Hof Cosimo II. in der toskanischen Stadt entfaltete. Und bald wurde Callot geschätzt, ja hochgeschätzt. 1621 starb der kunstsinnige Cosimo, und Callot kehrte zurück in seine Heimatstadt – der Dreißigjährige Krieg war gerade drei Jahre jung und niemand konnte sich vorstellen, dass er noch 27 Jahre währen sollte. Später wird Callot ohne Auftraggeber seine beiden bekanntesten Serien zeichnen, "Les petites misères de la guerre" und "Les grandes misères de la guerre". Und diesem Künstler in höchst instabilen Zeiten widmet Bernd Schuchter nun ein ganzes hochliterarisches wie hochambitioniertes Buch.

Ebendiese zwei großen Arbeiten haben Callot, der als frommer Jugendlicher Gott darum bat, 43 Jahre alt zu werden, für seine Zeit ein durchaus stattliches Alter, und dann auch faktisch mit 43 Jahren starb, immer wieder in den Fokus musealer Ausstellungen gerückt, zuletzt beispielsweise 1998 in London, als seine Kriegs- und Antikriegsdarstellungen zusammen mit jenen von Francisco de Goya und Otto Dix gezeigt wurden. Der Allgemeinheit ist er heute weitaus weniger bekannt als der Spanier und der Deutsche. Was keineswegs an mangelnder Virtuosität festzumachen ist, im Gegenteil!, sondern wohl eher auf die vom lothringischen Kupferstecher und Radierer bevorzugten Klein- bis Kleinstformate zurückgeht, die nicht selten übergehen an Details, Personen, subtilen Feinheiten und unverstellt abgebildeten Grausamkeiten.

"Warum kann ich mich an deinen sonderbaren fantastischen Blättern nicht satt sehen, du kecker Meister! – Warum kommen mir deine Gestalten, oft nur durch ein Paar kühne Striche angedeutet, nicht aus dem Sinn?" Schuchter, Jahrgang 1977, Verleger in Innsbruck (der Stadt am Inn widmete er auch sein vorletztes Buch) und produktiver Autor in einer Person, zitiert hier E. T. A. Hoffmann. Der deutsche Romantiker, auch ein Zerrissener, als Jurist in Staatsdiensten wie phantasmagorischer Autor und Komponist, stellte diese durchaus rhetorische Frage in der Vorrede zu seinen "Fantasiestücken in Callots Manier" (1814-1815). Gleich zweimal, einmal als vorangestelltes Motto, einmal im Fließtext, liest man diese Frage bei Schuchter.

Was der Tiroler hier vorlegt, auf relativ überschaubarem Raum und vom Verlag klugerweise mit keinerlei Genrebezeichnung versehen, ist ein hochkomprimierter Band, oszillierend zwischen Geschichte und biographischem Erzählen, zwischen Reflexion über die Schlächtereien des Dreißigjährigen Krieges und Spiegel für die Gegenwart. Nicht ganz unähnlich ist dies der essayistischen Erzählprosa, den erzählerischen Essaybänden eines W. G. Sebald. Kunst wird zusammengeführt mit Politik, Schrecken und Terror mit Lebenslust und den rauschenden Festen in Florenz, Grausamkeit, Not und abgrundtiefes Elend mit Frömmigkeit, Sicherheit und dem allumfassenden Vertrauen in die Kunst. Es ist ja ein tradierter, jedoch haltloser Mythos, dass Historiografie keine Literatur sein kann – man denke nur an den eingeschobenen fiktiven Traum in Golo Manns großartiger "Wallenstein"-Biografie, man denke an den Stilhabitus Friedrich Sieburgs in seinen Biografien über Napoleon, Robespierre und Chateabriand, man denke an Barbara Tuchman, und auch an Winston Churchill. Umgekehrt ist das freihändige Bedienen im Schrank der Geschichte ja literarisch seit Langem gang und gäbe, weit über Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger hinaus, nicht selten nur als gefühlsselige Pseudokulisse sehr zeitgenössischer und noch flacherer Emotionen. Nicht so hier.

Bernd Schuchter gelingt es vielmehr, diese einen Künstler in seiner Zeit spiralig umkreisende Charakterstudie, welche so stupend viele Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist, ohne dass diese platt eindimensional enggeführt werden, in fast makelloser, blendend durchrhythmisierter Sprache zu Papier zu bringen. Der Verlag hat diesem exzeptionellen, weil formstrengen und klug komponierten Text eine schöne Verpackung spendiert: eine ansprechende Titelgestaltung, Halbleinen, Lesebändchen; nur mehr Abbildungen wünschte man sich, so dass man die subtilen Bildbeschreibungen und detaillierten Entschlüsselungen buchstäblich naheliegender hätte nachvollziehen können.

Alexander Kluy
8. November 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



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