Marlen Schachinger: Martiniloben.

Leseprobe 

Da in Fatimas Blick sich anderes noch verfangen hatte, als in ihren Worten lag, ließ Mona sich mit knappen Sätzen entschuldigen, während sie bereits ihre Unterlagen und Bücher einsammelte, alles in die Tasche zwängte, die Sperrigkeit des Lehrbuchs verfluchend, wozu sei sie nütze, wenn sie keine Kinder gebäre. Der Vorwurf des Versagens und der Nutzlosigkeit hockte sich auf ihre Schultern, breit und schwer. Es war irrelevant, ob ihr solch ein Frauenbild antiquiert, borniert und bescheuert erschien. Das waren bloß Worte. Sie dachte an ihr totes Kind unter dem Holler, dieses winzige Etwas, kaum mehr als ein blutiger Klumpen, an Emils erleichtertes Aufatmen, weil ihr 'Ausrutscher' am Ende leblos war. Es brachte ihr außerdem zu Bewusstsein, wie fern arabische Länder waren, und all ihr Thematisieren mitteleuropäischer Lebenskultur im Unterricht würde daran nichts ändern, das Frauenbild war ein anderes. Lebensgrundsätze waren eben nicht mit der Lektion 'Hierzulande wird Müll getrennt' vergleichbar; oder vielleicht schon. Sie war der Müll, der am Straßenrand entsorgt wurde – eine Fotze, eine dreckige Schlampe, ein Stück Scheiße, das ohnehin keiner der Hiesigen anfassen wollte, und Mona blinzelte, keinesfalls würde sie heulen, nicht hier, mitten auf der Dorfstraße, und den Dörflern galt sie als kinderlose Frau doch ebenso verdächtig, karrieregeil, zumindest sonderbar.

(S. 316)

© 2016 Septime Verlag, Wien