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Peter Henisch: Suchbild mit Katze.

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zur Rezension

Leseprobe:

All die Fenster, aus denen ich schon geschaut habe. Nicht ganz wenige im Lauf eines Lebens. Die meisten in Wien und Umgebung, ein paar auch woanders. Fenster mit Blick ins Grüne oder ins Graue, Fenster mit und ohne Meerblick. Das Fenster, das mir zuallererst einfällt, ist aber das Erkerfenster im dritten Bezirk. Adresse: Wien III, Keinergasse 11, Ecke Hainburger Straße. Dort war die Wohnung, in der mein Bewusstsein erwacht ist. Was früher war, in meinen ersten zwei, drei Jahren, ist sehr dunkel.
Zuerst, als die Bomben auf Wien fielen, soll ich mit meiner Mutter in Gmünd gewesen sein, oben im Waldviertel. Dann haben wir eine Zeitlang bei meiner Großmutter gewohnt, in der Nähe des Naschmarkts. Auch das weiß ich eher aus Erzählungen als aus meiner eigenen Erinnerung.
Zwar gibt es ein paar Bilder, die manchmal in meinen Träumen auftauchen, doch das ist ein Film mit vielen schwarzen Kadern.
In dieser Erinnerung aber ist es recht hell: Ich stehe, nein, ich knie am Erkerfenster. Auf einem Sessel knie ich, den mir meine Mutter in den Erker gestellt hat. Und wahrscheinlich hat sie mir noch einen Polster auf den Sessel gelegt.
Der Erker, ein kleiner, wie für mich gemachter Raum. An einer Ecke unseres sogenannten großen Zimmers. Es ist nicht wirklich groß, dieses Zimmer, aber es ist unser größtes. Eigentlich ist es das einzige Zimmer, sonst gibt es in unserer Wohnung nur das Vorzimmer, die Küche, und das Kabinett. Die Wohnung, die ich mit meinen Eltern und der Katze bewohne, gilt als Zweizimmerwohnung. Doch das zweite Zimmer gibt es nicht mehr. Dieses Zimmer, heißt es, ist abgestürzt. Das soll in den letzten Kriegstagen geschehen sein oder vielleicht sogar schon in den ersten Tagen nach Ende des Krieges: es war eine stürmische Nacht, das durch den Bombentreffer, der das Nebenhaus zerstört hat, erschütterte Mauerwerk hat nachgegeben, die Balken haben nicht mehr getragen – aber da haben noch andere Leute hier gewohnt.
Am Erkerfenster knie ich also, auf dem Sessel, den mir meine Mutter dorthin gestellt hat. Auf einem Polster, damit mir die Knie nicht wehtun oder damit ich gerade in richtiger Höhe ans Fensterbett hinaufreiche. Die Ellbogen aufs Fensterbrett gestützt, das Kinn in die Hände geschmiegt.
Und schau hinaus oder, genauer, hinunter – wir wohnen im Mezzanin, wie man das damals noch nennt, also im Halbstock, das ist nicht sehr hoch, aber doch eine andere Perspektive als aus dem Parterre.
Die Katze, schwarz bis auf den weißen Fleck auf der Brust, sitzt neben mir auf dem Fensterbrett, manchmal spüre ich ihre Schnurrhaare an meiner Wange. Wir überblicken den sandigen Platz vor dem Haus, der die Hainburger Straße unterbricht. Links reicht das Straßenpflaster noch bis an die Ecke mit einem Gasthaus, dessen Namen ich vergessen habe, auf der einen und der Wäscherei Schwan, über deren Tür tatsächlich ein Schild hängt, das einen Schwan darstellt, auf der anderen Seite. Rechts fängt das Straßen pflaster erst wieder auf der Höhe des Capitol-Kinos an, einem Gebäude mit flachem Dach, auf dem die Tauben spazieren gehen.
Vor dem Erkerfenster ist ein Blechsims, das vor dem Krieg bis zu den Fenstern des nächsten Zimmers gereicht haben muss. Dem Zimmer, das abgestürzt ist, einfach hinunter in die Schutthalde. Damit ist auch ein Stück vom Sims weggebrochen, gegen sein nunmehriges Ende zu wird es immer abschüssiger. Aber ich soll mich nicht zu weit hinausbeugen.

(S. 10-12)

(Über den ersten Schultag)

"Warum hat er geweint? War die Aussicht, von nun an die meisten Vormittage unter so vielen Kindern verbringen zu müssen, zum Heulen? So fern von Erwachsenen, mit denen er erfahrungsgemäß viel besser umgehen konnte? Im Hintergrund wahrscheinlich die Unsicherheit darüber, wie diese Kinder ihn finden würden. Die bange Frage, ob sie ihn, der sich unter ihnen fremd fühlte, akzeptieren würden, oder eben nicht, weil sie ihm diese Fremdheit ansahen.
Diese tatsächliche oder eingebildete Fremdheit. Eingebildet im doppelten Sinn des Wortes. Denn so viel trifft zu und wird sein Leben lang zutreffen: Dass er sich auch etwas auf diese Fremdheit einbildet.
Er hat sich, wird er später sagen, sein Leben lang als Ausländer im Inland gefühlt. Das ist natürlich (auch wenn etwas Wahres an diesem subjektiven Empfinden sein mag) eine Vermessenheit. Dieses Fremdheitsgefühl, das vielleicht bloß daher kommt, dass ihn seine Eltern im Vorschulalter nicht in den Kindergarten geschickt haben. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er ordnungsgemäß in den Kindergarten gegangen wäre.

(S. 116f.)


© 2016 Deuticke, Wien

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