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Detlef Siegfried: Moderne Lüste. Ernest Borneman – Jazzkritiker, Filmemacher, Sexforscher.

Göttingen: Wallstein Verlag 2015.
455 Seiten; geb.; Euro 30,80.
ISBN: 978-3-8353-1673-7.

Eine, zumal die erste, zeithistorisch fundierte Biographie über eine schillernde und umstrittene Persönlichkeit wie Ernest Bornemans zu schreiben, ist ein Drahtseilakt, der in dem vorliegenden Buch gelingt. Gestützt durch pionierhaft geleistete Archivarbeit, jenseits von Sensationsgier dargelegt und leicht lesbar formuliert, entfalten sich das Schaffen und der intellektuelle Horizont eines Multitalents des modernen Kultur- und Medienbetriebs von den 1930er Jahren bis zu Bornemans Selbstmord im Jahr 1995. Borneman, so notiert der Autor in seiner Einleitung "hat stets polarisiert" (S. 7), als Musikliebhaber und -kritiker in den Debatten zwischen rivalisierenden Jazzformen, als sowohl dem formalen Experiment als auch dem Mainstream zugeneigter Filme- und Fernsehmacher, als massenmedial präsenter, liberaler, gesellschaftskritischer und streitbarer Sexforscher und -berater und v.a. auch als "unermüdlicher Autodidakt, dem eine konventionelle akademische Laufbahn verwehrt blieb". (S. 7) Im Sommer 1933 floh Borneman kurz vor dem Abitur aus Deutschland nach London. Nicht nur das Exil (England, Kanada), auch die vielen (Buch-)Projekte, die von ihm intensiv verfolgt und nicht immer zu Ende gebracht wurden, verhinderten ein reguläres Studium. Im fortschrittlicher gewordenen geistigen Klima der 1970 Jahre blieben Borneman, der 1960 nach Aufenthalten im Paris und London der Nachkriegszeit nach Deutschland zurückgekehrt war und seit 1969 in Scharten in Oberösterreich lebte, die akademischen Ehren nicht ganz versagt. So war er von 1974 bis 1981 am Institut für Psychologie an der Universität Salzburg als Lehrbeauftragter tätig. An der 1971 gegründeten Universität Bremen, die die Promotion bei überdurchschnittlichen Leistungen auch Nichtabiturienten ermöglichte, wurde Borneman 1976 im Fach Psychologie promoviert.

Das Buch ist in drei Hauptkapitel unterteilt, die unter den Titelnamen "Hören – Die Ethnologie des Jazz", "Sehen – Das Leben auf der Leinwand" und "Berühren – Sex und Gesellschaft" den Interessen, Tätigkeitsfeldern und Forschungsgebieten Ernest Bornemans folgen. Als begnadeter Selbstdarsteller, aber auch als einer, der immer wieder gezwungen war, sich gegenüber Anfechtungen von formal besser Gebildeten zu legitimieren, hatte Borneman viel von sich erzählt und Auto-Biografisches formuliert. Detlev Siegfried setzt diese Selbstzeugnisse bestätigend, aber auch relativierend oder korrigierend in Relation zu den Aussagen von Zeitzeugen, fordernden Kontrahenten und fördernden Wegbegleitern und den entsprechenden Unterlagen aus Archiven (u.a. Akademie der Künste Berlin, Jazzinstitut Darmstadt, Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin), Bibliotheken (u.a. Staatsbibliothek Berlin, The National Archives London, Library and Archives Canada, Ottawa) und Privatsammlungen (Irmi Novak Wien). Bornemann war sein Leben lang in öffentliche Diskussionen und Kontroversen verwickelt. Vieles davon wurde auch von Medienunternehmen (v.a. Radio Bremen) dokumentiert. (vgl. S. 428)

"Wir waren frühreif sexuell mit 14, politisch mit 15, intellektuell zwischen 14 und 16" (S. 18), notierte Ernst Bornemann, der sich seit seiner Emigration nach England, Ernest Borneman nennt, über seine Jugend. Am 12. April 1915 in Berlin geboren, besuchte er dort die Karl-Marx-Schule, war Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes, erlebte die Debatten zwischen den verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Strömungen. Ein wichtiger Grundstein war damit gelegt, und sowohl als Jazzkritiker als auch als Filmemacher und Sexforscher war Borneman fortan bemüht, Kunst und Kultur mit Bezug auf die gesellschaftlichen Kontexte zu analysieren und zu verstehen und essentialistische Vorstellungen, die zu neuen Formen unkritischer Identifikation und sozialer Ausgrenzung führen könnten, zurückzuweisen: "Im Politischen war er kein Parteisoldat, aber zeitlebens Marxist, der den Strömungen links von der Sozialdemokratie zugetan blieb – links und frei, wie Willy Brandt es einmal formulierte" (S. 29). In den Debatten um die vermeintliche Authentizität und das Befreiungspotential des Jazz oder der Frauenbewegung bekämpfte Borneman neo-rassistische und -biologistische Tendenzen mit Vehemenz: "So empfinde ich es als meine Pflicht, als jemand, der die afroamerikanische Musik studiert, diesen Befreiungskampf zu unterstützen, ebenso wie ich es als meine Pflicht betrachte, gegen alle Versuche zu kämpfen, den Jazz in ein Ghetto zu drängen" (S. 131) Als Sexforscher und Patriarchatskritiker ging er – mitunter mit "Schulmeisterart" (S. 315) – gegen entsprechende Strömungen in der Frauenbewegung vor.

Im Widerstreit zwischen sogenannter Hoch- und Popkultur, Niveau und Unterhaltung stand Borneman provokant auf der Seite Letzterer (insbesondere als kurzfristiger Programmdirektor des "Freien Fernsehens" "brach Borneman mit der in Deutschland verbreiteten Idee, das Fernsehen solle Zuschauer vor allem bilden und erziehen", S. 226) oder versuchte, beide Ansprüche miteinander zu verbinden. In seinem Leben stand "ein hedonistischer Lebensstil nicht im Kontrast zu harter Arbeit" (S. 179). Als Jazzkritiker und Sachbuchautor forderte er von sich selbst und anderen, dass "man intelligent und zugleich unterhaltsam schreiben" (S. 39) sollte. Umgekehrt verspürte der Sexforscher Borneman, der "die zeitgenössische Infragestellung der Monogamie" verteidigte und gegen die "Vorstellung" kämpfte, "dass Glück und Lust geopfert werden müssen, um Kultur stiften zu können" (S. 275) ein großes Unbehagen angesichts einer von ihm ebenso "konstatierten Konsummentalität in der Liebe, die nicht die Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen in den Vordergrund stellte." (S. 264) Marxistisch geschult beobachtete er einen Prozess der Verdinglichung und Entfremdung, dem er die entsprechende Utopie entgegenhielt: "Eine freie Sexualität war für ihn unmittelbar an die Idee von Gleichheit gebunden, was auch bedeutete: frei von Zwang, Gewalt und Ausbeutung." (S. 360)

Gerda Elisabeth Moser
14. November 2016


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