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Cordula Simon: Wie man schlafen soll.


Leseprobe:

Das Buch sprach zu Koslov. Das Buch in seinem Arm sprach, dass der Meteoroid kommen und sein Licht Lightraff erleuchten würde, wie es das falsche Funkeln der Raffinerie nicht konnte. Das Buch erzählte, dass ein Unglück kommen würde. Dabei hatte Koslov sich geradezu auf den Meteoroiden gefreut, denn das Festival stellte eine willkommene Abwechslung dar, so wie vor Jahren der Tag, an dem die Lightraff-Bahn einen neuen Streckenabschnitt bekommen hatte und zur feierlichen Eröffnung alle frei gehabt hatten. Koslov hielt das Buch an die Brust gepresst, und es flüsterte nicht in sein Ohr, sondern direkt in sein Herz. Es flüsterte von dem Bibliothekar und von noch mehr flüsternden Büchern. Koslov bat das Buch, doch wieder in den schönen Raum hinter der Bibliothek zu dürfen. Denn selbst wenn da noch die Angst vor dem Bibliothekar war, so blieb dieser Augenblick, als er in der Wärme Tee trinken durfte, umgeben vom Raunen des Papiers und dem Knarren der Holzdielen und der Bretter, die die Bücher trugen, doch einer der schönsten Momente, die Koslov in den letzten Tagen zu verzeichnen gehabt hatte. Aber das Buch weigerte sich und sprach stattdessen weiter. Sprach, dass die Ankunft der Frau auch nichts Gutes bedeutete.
Das Buch wurde lauter, und Koslov bat es, doch leiser zu sein, da wären andere im Raum. Koslov wollte nicht, dass sie das Buch hörten. "Ohnehin gibt es in dieser Stadt nichts zu holen, eine Lüge ist diese Stadt und ihre Familie. Es gibt keine städtische Familie, denn es gibt keine Familien mehr, es gibt in diesem Land und auf dieser Welt nichts mehr zu holen. Nicht für ein lebendes Wesen!", rief das Buch aus. "Schschschschhh", murmelte Koslov. Und das Buch fuhr leiser, ruhiger fort: "Die abstrakten Zahlungsmittel verbergen, dass es kein Geld mehr gibt. Keinen Wert und nichts, was Wert hätte. Ein paar Bretter über dem Kopf und Gelatin im Magen: Das ist, was übrig bleibt." Das Buch sagte tatsächlich "Gelatin" ohne e, so wie die Frau namens Kriechling es sagte. In dieser Tonlage. "Der Schreiber hatte Glück, der Schreiber hatte Glück, dass es Gelatin wurde und kein Geld", fuhr das Buch fort. "Das Mädchen weiß es, sie weiß, wie es draußen aussieht. Draußen, außerhalb der Stadtgrenzen, die nur von Licht markiert werden. Draußen weiß man es schon lange." Das Buch kräuselte die Seiten und kicherte.
Da spürte Koslov die Hand des Bibliothekars über sich, und der Bibliothekar schlug dem Buch auf den Deckel. Er mahnte es: "Halt’s Maul. Das ist nichts für die hier." Da begann das Buch zu weinen und Koslov streichelte es.
"Du hast kein Recht, es zu lesen", sagte die Stimme des Bibliothekars zu Koslov. Die Stimme zog an dem Buch, zog an der Stimme des Buches. "Ich lese es nicht, es spricht mit mir", antwortete Koslov. "Wir werden niemals wieder zusammen Tee trinken", sagte der Bibliothekar und zog immer noch an dem Buch. Das Buch zischte: "So soll man nicht schlafen." Aber Koslov hatte doch keinen Schluck von dem Tee genommen, bei keiner Begegnung hatte Koslov Tee gekostet. Nur Ablehnung und schmutziges Wasser, das nun, Tage später, auf den Lippen noch spürbar war, ihm seinen Geschmack über das Gesicht legte.

Der Bibliothekar zog an dem Buch, und Koslov hielt es fest, und so riss der Buchrücken ein, quer über das Titelbild mit den lichten Punkten zog sich eine ekelhafte Schneise. Der Bibliothekar verschwand, und Koslov presste das Buch wieder fest an die Brust.
Da kletterten Blattella zwischen den Seiten hervor. Sie mussten sich wohl in der Leichenhalle hineingeschlichen haben, dachte Koslov. Sie krabbelten über Koslovs Finger, die sich immer noch fest in den Umschlag krallten, und über sein Gesicht. Sie kitzelten ihn, und Koslov lachte. Und sie begannen zu singen, einen Kanon: "Wir kennen das Buch. Lightraff ist tot. Wir kennen das Buch. Lightraff ist tot." Manchmal war dazwischen zu hören: "Koslov, Koslov, Koslov."
Die fruchtbare Lightraff-Familie, wie die Stadt es propagiert hatte, hatte sich nie gebildet, aber die Käferchen wussten schon, wie der Tod aussah, schließlich kamen sie aus der Leichenhalle. Wenn sie es nicht wussten, wer dann? Dann verschwanden sie mit ihren schnellen Beinchen in alle Richtungen. Hinter das Bett huschten sie und unter die Schränke, in den Abfluss der Dusche und unter den Tricof. Koslovs Augen konnten ihren Bewegungen folgen, bis in die dunklen Rohre, in denen sie nun hausten.
Das Buch sprach weiter: "Sie bringen die Nachrichten. Sie erzählen von dem, was sie kennen. Sie nehmen den Schmutz von deinem Gesicht und tragen ihn woanders hin. Dafür haben sie dir anderen Dreck gebracht, Koslov." Koslov spitzte die Lippen: "Sie sind ausgestorben." Aber das Buch antwortete: "Das Tote kann nicht sterben", und Koslov hörte, wie die Fühler der Tierchen den Takt ihres Kanons hinter dem Bett klopften. Sie klopften immer lauter.
"Gelatin", flüsterte das Buch. "Lass mich Tee trinken", flüsterte Koslov und klopfte auf den Buchrücken, als könnte das Buch ihm so Einlass gewähren zu dem schönen, warmen Raum. Koslov klopfte lauter und lauter und schließlich war da ein Hämmern an der Tür.

(S. 131-133)

© 2016 Residenz Verlag, Salzburg-Wien

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