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Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit.

Roman.
S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2016.
304 S.; geb.; Eur (A) 22,70.
978-3-10-082951-1.


Autor

Leseprobe

Wird man einst das Jahr 2016 anstreichen und besonders markieren? So wie 1949 – das Jahr, in dem der erste Band von Hans Henny Jahnns Epopöe "Fluß ohne Ufer" erschien, an dem Jahnn, Urenkel eines Uhrmachers, fast vierzehn Jahre lang geschrieben hatte? So wie 1953 – als Albert Vigoleis Thelens "Die Insel des zweiten Gesichts" publiziert wurde? So wie 1962 – als der Wiener Malereiprofessor und Poet Albert Paris Gütersloh den Riesenroman "Sonne und Mond" veröffentlichte? So wie 1985 – als Marianne Fritz' "Dessen Sprache du nicht verstehst" wie ein Meteor einschlug in die Literaturszene? Was verbindet diese so unterschiedlich temperierten Extrem-Romane miteinander? Es ist: der Eigensinn. Was verbindet diese erratischen Prosablöcke, allesamt ausgezeichnet durch eine hochpersönliche wie durchrhythmisierte Sprache und durchwegs quer zu damaligen literarischen wie kulturellen Strömungen und Tendenzen stehend mit einem Roman des Spätherbstes 2016, mit Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit"? Es ist: der Eigensinn.
Der Eigensinn des Erzählers. Der Eigensinn des Erzählens. Der nur scheinbar abseitige Eigensinn des Stoffes.
Denn auch Ransmayrs jüngster Prosaband steht durchgehend quer zu aktuellen literarischen wie kulturellen Gemengelagen, zu kurzatmigen Strömungen und hektischen Tendenzen wie zu literaturkritischen Forderungen des Tages.

Der 1954 in Wels geborene, lange Jahre in Irland ansässige und seit geraumer Zeit wieder in Wien lebende Autor, der immer öfter öffentlich aus seinen Büchern vorträgt, geht mit diesem nahezu singbaren Roman zurück in die eigene Welt seiner Fiktionen. Gereist wurde immer schon in Ransmayr-Büchern; nun geht es ins 18. Jahrhundert und nach China. Erforschungen, Belastungen, Untergänge, Schrecken, Eis und Finsternisse, Einsamkeit und Vereinzelung und die Welt der Sprach-Konstruktionen en gros und en détail waren bis jetzt Ransmayrs Themen.
Nun erweitert er diese dezidiert, auch dezidiert symbolisch, um Mechanik und Philosophisches, um Obsession und Vergänglichkeit, um Überzeitlichkeit und Mythisierung.

Mit seiner Hauptfigur Alister Cox hat sich Ransmayr an eine tatsächliche Person der Historie angelehnt, an den englischen Uhrmacher James Cox, Besitzer der Firma Cox & Co. mit Niederlassungen in London, Manchester und Liverpool und einer Heerschar von Angestellten, 1723 geboren und um das Jahr 1800 gestorben. Dessen atemberaubend extravagante Uhrenmodelle, in Gestalt eines silbernen Schwans etwa, finden sich heutzutage in Museen in London, New York, St. Petersburg oder Peking. Bei Ransmayr, der seinen Protagonisten bereits durch einen anderen Vornamen verfremdet, wird, somit geht er einen weiteren Schritt hinein in die literarische Fantasie, Cox vom Kaiser von China, Qíanlóng (1711-1799), dem vierten Herrscher der Qing-Dynastie, nach Peking geladen (der reale Cox kam niemals nach China). Nicht jedoch, wie Alister Cox annimmt, um seine mechanischen Wunderuhren, mit denen er auf der "Sirius" anreist, dem Hofe zum Kauf zu offerieren. Sondern um ganz Neues, noch nie Dagewesenes zu konstruieren. Und dies macht Cox mit seinen ausgewählten Feinmechanikern erst in der Verbotenen Stadt, dann für viele Monate in der Sommerresidenz, wohin der Hof übersiedelt; auch diese Sommerstadt ist eine einzige Konstruktion, von Anfang an geplant als architektonisches Symbol, als gebautes sinnfälliges Zeichen der kaiserlichen Regentschaft. Am Ende steht – nach einem ersten Modell, bei dem Cox ein raffiniertes Silberschiff konstruiert – eine riesenhafte Uhr, ein Perpetuum mobile, angetrieben von Quecksilber, eine Uhr, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, einzig gültiger zeitloser Zeitmesser für einen zeitlosen Herrscher über alle Welten. Doch dieser Chronometer, der den Lauf der Zeit einfangen soll bis ins Unendliche und somit des Kaisers Leben und Wirken reflektieren, wird vom Herrscher nach kurzem Zögern nicht in Betrieb genommen.

Was wie ein naiv-mimetischer pittoresker historischer Roman anmutet, ist genau dies dezidiert nicht. Denn Ransmayr ist seit der "Letzten Welt", jenem Roman, mit dem er vor knapp 30 Jahren die literarische Bühne endgültig eroberte, ein musikalischer Sprachzauberer, und er hat in "Cox" seinen Duktus nochmals gesteigert: ins Musikalische, in einen hypnotisch suggestiven Duktus, der nahezu durchgehend die direkte Rede scheut. Fragen, Gedanken, Skrupel, Hoffnungen, die Ängste ängstlicher Männer – der Kaiser lässt äußerst grausame Strafen exekutieren – und Beschreibungen der ausgefeilt hierarchischen Hofetikette werden in eine Sprache eingehüllt, die direkt für eine Rezitation coram publico geschrieben zu sein scheint. Immer wieder gibt es Anaphern, atembedingte Auslassungen, einen Auftakt, der sogleich angehalten wird und ein zweites Mal, ausführlicher, neuerlich einsetzt.
Ein subtiles Spiel mit Symbolen und Gleichnissen ist dies: für die Zeit und den Lauf der Zeit, für Alpha und Omega, für die Kunst und die Ewigkeit.

Alexander Kluy
15. November 2016

Originalbeitrag

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