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Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. Roman.


Leseprobe (S. 30-33):

Cox zog es an diesen Abenden stets vor, an Bord zu bleiben, hielt den martialisch klingenden Jubel einmal sogar für etwas wie Kriegsgeschrei und versuchte vergeblich, Vorbereitungen für eine Schlacht zu entdecken.
Er war gemeinsam mit Jacob Merlin und zwei Gehilfen, einem Uhrmacher und einem Feinmechaniker aus Dartford und Enfield, die er wegen ihres besonderen Geschicks und Erfindungsreichtums auf die größte Reise seines Lebens mitgenommen hatte, in Háng zh?u wie ein fürstlicher Besucher aus einem barbarischen Abendland empfangen worden. Man hatte die vier blassen Engländer, von denen keiner die Sprache des Reiches verstehen, reden oder schreiben konnte, mit Seidenteppichen, Prunkgewändern, weißem Tee in mit Miniaturmalereien verzierten Lackbüchsen und nahezu durchsichtigem, in England mit Gold aufgewogenem Porzellan beschenkt. Aber den Kaiser oder auch nur einen seiner Leibwächter hatte dabei keiner von ihnen gesehen.

Der Allerhöchste, hatte Kiang gesagt, würde dennoch zu jeder Stunde des Tages und der Nacht seine schützende Hand über seine Gäste halten. Spielzeug. Kiang hatte tatsächlich Spielzeug gesagt, der Kaiser wolle kein Spielzeug, als er Cox mitteilte, daß sämtliche Automaten, das glitzernde Kernstück der Fracht der Sirius, wohl am besten in ihren Etuis und ledernen Transportkoffern an Bord des Dreimasters verblieben. Denn niemand dürfe diese Maschinen auch nur begutachten, solange der Kaiser nicht selber einen ersten Blick darauf ruhen ließ und die Betrachtung durch andere freigab.Der Allerhöchste habe aber andere Pläne mit seinen Gästen, hatte Kiang gesagt; größere Pläne. Er wolle weder kaufen noch tauschen und auch seinen künstlichen, mechanischen Zoo nicht mehr erweitern. Von metallenen Kreaturen habe er seit langem genug: zwei Schiffsladungen, mehr als drei Dutzend, über die Ostindienkompanie aus England gelieferte Automaten allein in den vergangenen fünf Jahren! Genug, mehr als genug. Nein, der Kaiser wolle ihren Kopf.Unseren Kopf?, hatte Cox entgeistert gefragt und gespürt, wie ein kalter Schauer über seinen Rücken lief. Plötzlich lag wieder die scheußliche Reliquie auf einer Werkbank in Liverpool vor ihm, ein Totenschädel, den er nach langem Zögern und nur unter dem Druck fälliger Schuldverschreibungen für einen irischen Landgrafen zum Herzstück einer Pendeluhr verarbeitet hatte. Es war der Totenschädel des ehemaligen englischen Lordprotektors und Erzfeindes von Irland, Oliver Cromwell. Nachdem er Abertausende irische Kämpfer für die Unabhängigkeit mitsamt ihren Familien getötet hatte, war Cromwell, allerdings erst nach seinem Tod, selber in Ungnade gefallen und sein verwester Leichnam aus der Westminster Abbey exhumiert und in einem symbolischen Akt hingerichtet worden.Seinen Schädel hatte man auf eine Stange gespießt und auf einer Mauerkrone der Westminster Hall zur Schau gestellt. Von schillernden Fliegen umsummt, starrte die Fratze dort über die Köpfe aller Zeugen einer über den Tod hinausreichenden königlichen Unerbittlichkeit hinweg, bis der irische Landgraf, dessen Namen Cox nie erfahren sollte, den Schädel stehlen und bleichen ließ und zur Einsetzung in ein Uhrwerk, das den unaufhaltsamen Ablauf und Niedergang der englischen Herrschaft im Minutentakt vorführen sollte, in eine geheime Werkstatt schickte.Ja, Ihren Kopf, hatte Kiang wiederholt und sich vor dem englischen Gast verbeugt: Ihren Kopf. Ihre Erfindungsgabe, Ihr Vorstellungsvermögen, Ihre Kunst, Mühlen für den Lauf der Zeit zu erschaffen. Mühlen?, hatte Cox gefragt. Uhren, hatte der Übersetzer seinen Fehler korrigiert und beide Hände zu einer entschuldigenden Geste gehoben, Uhren, Automaten, Meßgeräte, Maschinen ...

© 2016 S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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